Julian Assange (39). Der Wikileaks-Aktivist startete seinen Dienst offenbar mit Dokumenten, die er mit einem Lauschangriff im Tor-Netzwerk erbeutete (Foto via wired.com)

Julian Assange wirkt ein bisschen wie ein Gespenst. Er  ist erst 39 Jahre alt, aber sein Haar ist schlohweiß. Es war einmal dunkelbraun. Kurz nach dem Sorgerechtsstreit um seinen Sohn vor zehn Jahren habe es seine Farbe verloren, sagte seine Mutter dem New Yorker und vermutet, dass posttraumatischer Stress es bleichen ließ. Assange ist der Gründer von Wikileaks, dem Internetportal, das mit der Enthüllung zehntausender Dokumente Schlagzeilen gemacht hat und Regierungen auf der ganzen Welt zu Reaktionen zwingt. Auf seiner Seite finden sich geheime Videos und Dokumente über den Afghanistan-Krieg, vertrauliche Gerichtsakten über das Verfahren gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux oder unveröffentlichte Planungsunterlagen über die tragische Love Parade in Duisburg.

Als er ein Jahr alt war, trennten sich seine Eltern. Die Mutter heiratete einen Theaterregisseur und zog mit ihm von Ort zu Ort quer durch Australien. Sie nennt sich selber eine strenge Nonkonformistin. Als sie 17 war, verbrannte sie ihre Schulbücher und trampte mit einem Motorrad durch die Gegend. Eines Tages brannte ihr Haus auf Magnetic Island ab. Die Gewehrmunition, mit der sie auf Schlangen schoss, krachte dabei wie ein Feuerwerk. „Meine Kindheit war ein bisschen wie Tom Sawyer“, erinnert sich Assange. „Ich hatte ein Pferd, baute mir ein Floß, angelte oder durchstöberte Minengänge und Stollen.“

„Es hat Spaß gemacht, mit Deinem System zu spielen“

Als Julian acht Jahre alt war, verließ sie den Regisseur für einen Musiker. Assange erinnert sich an 37 Umzüge. Von Schulpflicht hielt die Mutter nichts. „Ich wollte nicht, dass der Wille der Kinder gebrochen wird“, begründet sie ihre Bedenken. Unterrichtet wurde ihr Sohn meist zu Hause. Gelegentlich traf er sich privat mit Lehrern. Er mochte vor allem Naturwissenschaften. „Ich habe viel Zeit in Büchereien verbracht“, erzählte er dem New Yorker. Er schnappte eine Menge Vokabeln auf, deren Sinn er zwar verstand, deren Aussprache er aber nie von jemandem hörte. Ein einsames Lernen.

Mit dem Musikerfreund zerstritt sich die Mutter schnell. Sie fürchtete, er könne ihr das Kind wegnehmen. Drei Jahre war sie mit Julian auf der Flucht. Einmal mietete sie ein Haus gleich neben einem Elektroladen. Der Besitzer ließ Julian an einen Commodore C64, auf dem er von früh bis spät Programme schrieb. Seine Mutter kaufte ihm den Computer und zog extra in eine billigere Wohnung, um den Kaufpreis aufzubringen. „Die Abgeschiedenheit beim Kommunizieren mit einem Computer hat mich angesprochen“, sagt Assange. „Das ist wie Schach“. Er lebte als ausgesprochener Außenseiter.

Als er 16 wurde, bekam er ein Modem und konnte seinen Computer mit entfernten Netzen verbinden. Das Internet gab es damals – im Jahr 1987 – noch nicht, aber man konnte sich in die Rechner von Telefongesellschaften einwählen. Mit zwei anderen Hackern gründete er eine Gruppe namens Internationale Subversive. Sie hackten sich in Rechenzentren in Europa und den USA, auch in die Rechner des Pentagon. Mit einem Ko-Autor schrieb Assange das Buch „Untergrund“ und stellte darin einige Hacker-Regeln auf: „Zerstöre keine Computersysteme, in die Du einbrichst. Verändere keine Daten. Teile Deine Informationen mit anderen.“

Nicht links gegen rechts, sondern Individuum gegen Institution

Zu dieser Zeit lernte er ein 16-jähriges Mädchen kennen. Er verließ seine Mutter, zog mit seiner Freundin zusammen und heiratete sie. Die beiden bekamen einen Sohn. Wenig später stürmte die Polizei seine Wohnung und beschlagnahmte seine Computer. Der Vorwurf lautete, er habe 500.000 Dollar bei der Citibank abgezweigt, wurde aber bald fallengelassen. Assange erhielt seine Ausrüstung zurück.

Im September 1991 hackte er sich in den Zentralcomputer der kanadischen Telefongesellschaft Nortel. Er ahnte, dass der Systemadministrator ihn entdeckt hatte und provozierte ihn mit Nachrichten, die er über das System schickte. „Ich habe die Kontrolle übernommen […] Es hat Spaß gemacht, mit Deinem System zu spielen […] Wir haben keinen Schaden angerichtet, sondern sogar ein paar Dinge verbessert“. Die Polizeibehörden hefteten sich an seine elektronischen Fersen. Seine Freundin verließ ihn. Er vereinsamte noch mehr. Seine Wohnung verwahrloste.

Assange floh schließlich vor den Ermittlern, die ihm 31 kriminelle Hacks vorwarfen, zurück zu seiner Mutter. Dort hielt er es auch nicht aus. Nachts schlief er in einem Park zwischen Eukalyptusbäumen. Die Ermittlungen gegen ihn zogen sich drei Jahre hin. Schließlich wurde er angeklagt. Ein Nortel-Vertreter sagte, Assange sei „wie der allmächtige Gott“ durch das System gelaufen und habe tun und lassen können, was ihm passte. Assange rechnete mit einer Gefängnisstrafe um die zehn Jahre. Er las „Der erste Kreis der Hölle“ von Alexander Solschnenizyn, ein Roman, der das Leben von Wissenschaftlern im Straflager des sowjetischen Archipel Gulag beschreibt. Anders als seine mitangeklagten Freunde arbeitete er nicht mit den Behörden zusammen. Er lehnte sich auf. Seine Art des Sightseeing-Hacking, des Surfens durch fremde Computer, bei dem er nur guckte, was es dort gab, ohne etwas zu verändern, sah er als Kriminalität ohne Opfer und Schaden.

Am Ende ging das Verfahren glimpflich für ihn aus. Assange zahlte einen symbolischen Schadensersatz und wurde freigesprochen. Ruhe kam trotzdem nicht auf. Mit seiner Ex-Frau stritt er sich um das Sorgerecht für seinen Sohn. 1999 hatte er drei Dutzend Gerichtsverfahren und Verhöre hinter sich und einigte sich endlich auch mit seiner Ex-Frau. Aber er war fix und fertig.

Lauschangriff auf chinesische Spionage-Hacker im Tor-Netz brachte Millionen Geheimdokumente

Eine Weile tourte er mit dem Motorrad durch Vietnam. Dann studierte er in Melbourne Physik. Sein Geld verdiente er mit Jobs als Computerexperte. Er blieb Außenseiter. Eine Konferenz von „900 Karriere-Physikern“ beschrieb er einmal als Versammlung „schluchzender Konformisten mit traurigem und niederem Charakter“. Das Studium enttäuschte ihn. Er hatte geglaubt, es sei ein Gewinn, die Geheimnisse des Universums zu entschlüsseln. Aber das war es für ihn nicht.

Die üblichen menschlichen Konflikte sah er nicht mehr als links gegen rechts oder Glaube gegen Ratio, sondern als Kampf des Individuums gegen die Institutionen. Zu seinen literarischen Favoriten zählen neben Solschenyzin Kafka und Köstler. Assange glaubt, dass menschliche Regungen und Gefühle – Liebe, Vertrauen, Kreativität, Leidenschaft – von Hierarchien und Institutionen zerstört werden. Und er entwickelte die Idee, dass undichte Stellen dieser Institutionen als Waffe in seinem Krieg um die Information taugen könnten.

2006 verschanzte er sich in seiner Wohnung und begann damit, die Wikileaks-Plattform zu programmieren. Er quartierte Rucksacktouristen bei sich ein, die ihm bei der Arbeit halfen. „Er hat nie geschlafen“, sagte einer, der dabei war. „Er hat nicht einmal gegessen“. Seine Idee war, Unzufriedene, die das Gewissen plagt, zum Verrat zu animieren. Auf sichere und verschlüsselte Weise Dokumente ins Netz zu stellen, ohne fürchten zu müssen, von Vorgesetzten erwischt zu werden.

Zum Start hatte er freilich nur eine leere Plattform, die niemand kannte und der niemand traute. Woher die ersten Dokumente bekommen, wie Wikileaks bekannt machen? Einer seiner Mit-Aktivisten hatte die Lösung. Offenbar handelt es sich um Jacob Appelbaum, einer der Entwickler des Tor-Netzwerks. Dort werden Millionen verschlüsselter Informationen durchgereicht. Sein Mitaktivist stellte fest, dass chinesische Hacker es verwendeten, um unbemerkt Geheimdokumente westlicher Regierungen zu sammeln. Die Wikileaks-Leute schnitten den Datenverkehr mit und kamen auf diese Weise selber in den Besitz der Dokumente.

„Wir haben mehr als eine Million Dokumente aus 13 Ländern empfangen“, sagt Assange. Nur ein Bruchteil davon ist inzwischen veröffentlicht. Das erste, das Wikileaks für die Öffentlichkeit zugänglich machte, trägt den Titel „Geheime Entscheidung“ und stammt von einem islamistischen somalischen Rebellenführer. Schlagartig war Wikileaks bekannt. Zehntausende weitere Dokumente folgten.

Assange zählt heute zu den umstrittensten Persönlichkeiten der Welt. Letztes Jahr zeichnete ihn Amnesty International mit dem Media Award aus. Seit der Veröffentlichung eines Einsatzvideos aus einem amerikanischen Apache-Hubschrauber, das einen tragischen Einsatz über Bagdad zeigt, fließen offenbar große Spenden an Wikileaks. Details dazu sind nicht zu erfahren. Geheimnisumflort sind auch die Betreiber von Wikileaks. Einen seiner Mitstreiter, Daniel Domscheit-Berg, hat Assange gerade verloren. Domscheit-Berg fungierte als Wikileaks-Sprecher und ließ den einst ständig klammen Assange in seiner Berliner Wohnung nächtigen, wenn er überraschend einflog. Ein weiterer ist der derwähnte Jacob Appelbaum. Und Assange, die Gallionsfigur und treibende Kraft, lebt noch unsteter als zuvor. Einen Wohnsitz hat er nicht mehr. Er halte sich eigentlich nur noch auf Flughäfen auf, sagte er bis zu seiner Verhaftung.

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  5. […] Christine Assange, die Mutter des umstrittenen Wikileaks-Gründers Julian Assange, hat ihren Sohn gegen Vergewaltigungsvorwürfe in Schutz genommen. Ihr Sohn würde so etwas nie tun, sagte sie dem australischen Fernsehsender ABC. “Er ist mein Sohn. Ich liebe ihn, und es ist klar, dass ich nicht will, dass er gejagt und eingesperrt wird”. Das Portrait über Assange hier. […]

  6. […] Infrastruktur fertig wird, die das ermöglicht. Dass sollte keine Hexerei sein, denn die Leute, die dieses Netz betreiben und von ihm profitieren, sind ja namentlich […]

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