Die Welt ist klein, und die Kripo-Elite der bayerischen Polizei ist auch klein. Heute sagte ein Ermittler im NSU-Prozess als Zeuge aus, der schon in einem anderen Fall im wahrsten Wortsinn Schlagzeilen produzierte, nämlich im Fall Peggy. Es handelt sich um einen der beiden Vernehmer, die dem geistig minderbemittelten Ulvi Kulac mit falschen Vorhalten und nach angeblich zufälligem Ausfall des Aufzeichnungsgeräts das Mordgeständnis abtrotzten.

Dieser Beamte, ein Kriminalhauptkommissar G. vom Landeskriminalamt München, half nach dem Ende der Soko Peggy bei der „BAO Bosporus“ mit, der Spezialgruppe, die die damals noch „Dönermorde“ genannte Mordserie aufklären sollte. Wie schon die Soko Peggy wurde auch die BAO Bosporus von Kriminaldirektor Wolfgang Geier geleitet. G. war einer der Spezialisten, die er jetzt ein weiteres Mal heranzog.

G. war wegen des NSU-Mordes an dem Schneider Abdurahim Özudogru geladen. Özüdogru wurde am 13. Juni 2001 in seinem Schneidergeschäft an der Siemensstraße in Nürnberg erschossen. Die Polizei vermutete die Täter bekanntlich im Dunstkreis aus Drogen, Glücksspiel und fremdländischer Mafia. G.s Aussage heute war banal. Er hatte lediglich zu bestätigen, dass eine bestimmte Zeugin zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort war, was aber jeder ohnehin schon wusste, weil die Zeugin das von sich aus auch schon gesagt hatte. Also Zeitverschwendung.

Spannender wäre es gewesen, G.s Verhöre zu untersuchen, mit denen er den Verdacht einer innertürkischen Mafia zu erhärten versuchte. So führte er mit März 2007 ein Telefonat mit einem Nachbarn des ermordeten Schneiders an der Siemensstraße. Das Gespräch wurde aufgezeichnet, wörtlich niedergeschrieben und die Abschrift später Seite für Seite vom Zeugen paraphiert. Da schilderte er etwa einen Streit auf der Straße, den sich Özudogru mit einem anderen Mann geliefert haben soll. Einen „wutentbrannten Streit“, sagte er wörtlich. Worum es ging, habe er mangels Sprachverständnis allerdings nicht mitbekommen. Er habe nicht einmal erkennen können, in welcher Sprache die Männer stritten. Es könne türkisch oder slawisch gewesen sein. Aber das störte Ermittler G. nicht groß. Er fragte nach:

G.: Gab es irgendwelche Gestiken oder Drohungen?

Zeuge: Drohungen musste man verstehen. Was heißt das?

G.: Wurden die verbalen Aussagen mit den Händen oder Armen untermauert/unterstützt?

Zeuge: Ja, das war Wut.

G.: Von welcher Seite wurde gedroht?

Zeuge: Ja, von beiden. Es war ein richtiger Wortwechsel, laut und aggressiv.

Nur in welcher Sprache, das blieb unklar. Dafür wusste der Zeuge etwas anderes: Dieser Streit habe sich nur wenige Tage vor dem Mord ereignet. Und dann gibt die Abschrift ausführlich wieder, was nach Meinung des Zeugen hinter den Schüssen auf den Schneider Özudogru gesteckt haben musste: Es sei ein Auftragsmord gewesen. Er habe in der Zeitung gelesen, dass keine Patronenhülsen gefunden worden seien. Die Waffe habe in einer Plastiktüte gesteckt. Der oder die Killer hätten „kein seelisches Empfinden“ gehabt. Und weil die Schüsse mitten am hellen Tage fielen, sei auch klar, dass sie „eine Botschaft“ seien, wie bei der Mafia.

Nur so dahergeplaudert ist das nicht. Der Zeuge war ziemlich gut informiert. Er erwähnte den Profiler der Münchner Kripo und dessen Einschätzung, irgendjemand richte bewusst „türkische Mitbürger“ hin. Er überlege, ob der Täter „gerade das Geld verbrät“ und dann wieder herumfahre und woanders morde. Und ob er irgendwann vielleicht das Land wechsle und etwa nach Rumänien gehe. „Sie glauben doch nicht, dass sich da jemand rührt, wenn da jemand mal schnell erschossen wird“, wird er im Protokoll zitiert. Der Zeuge heißt Dr. B. Ein promovierter Geologe. Akademiker. Und redet einen solchen Stuss. Und Kripomann G. protokolliert ihn lang und breit und heftet ihn in die NSU-Akte, die zu diesem Zeitpunkt – 2007 – noch nicht NSU-Akte heißt.

Noch spannender war G.s Rolle im Fall Peggy. Am 2. Juli 2002 konfrontierten die beiden Vernehmer – einer von ihnen G. – den Beschuldigten Ulvi Kulac damit, dass an seinem Arbeitsoverall Blutflecken gefunden worden seien, mutmaßlich von Peggy. Dieser Vorhalt war frei erfunden. Ulvi Kulac blieb dennoch erstmal bei seiner Beteuerung, er sei unschuldig. Am Mittag war das Verhör beendet. Sein Anwalt verabschiedete sich. Und da soll Kulac dann plötzlich gemeint haben, er wolle sich jetzt erleichtern. Die Vernehmer führten ihn wieder ins Verhörzimmer. Dort ging das Bandgerät kaputt (oder es sollte danach aussehen). Dann gestand er, die neun Jahre alte Peggy Knobloch aus Lichtenberg ermordet zu haben. Er schmückte das Geständnis mit einer Fülle von Details aus, von denen sich alle, die man objektiv überprüfen konnte, als falsch erwiesen. Wenig später nahm er das Geständnis zurück.

Was nichts nützte. Das Geständnis, das Hauptkommissar G. ihm zusammen mit einem Kollegen entlockt hatte, war der einzige Beweis in diesem Mordprozess ohne Leiche, und er reichte dem Richter für einen Schuldspruch mit lebenslanger Freiheitsstrafe.

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