Wären Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André E. und Holger G. genauso gesprächig wie ihr Mitbeklagter Carsten S. – der Prozess um die Ceska-Morde würde wohl Jahrzehnte dauern. Die Befragung von S. dauert jetzt schon sechs Verhandlungstage. Mit etwas Pech könnte diese Woche noch einmal komplett dafür draufgehen, jedem, der Fragerecht hat, sein Fragerecht zu gewähren. Würde es der Wahrheitsfindung dienen, könnte man dem Aufwand etwas abgewinnen. Aber das meiste, das zuletzt gefragt wurde, brachte wenig Aufschluss, ob die Angeklagten schuldig sind oder nicht. Und es zeigte sich, dass manche Anwälte schlechte Fragesteller sind.

Bisher durften sich – nach Gericht und Bundesanwaltschaft – die Vertreter der Nebenkläger an Carsten S. wenden. Das taten sie, indem sie ihm überwiegend Suggestivfragen stellten, also solche, auf die man mit Ja oder Nein antworten kann und die bereits eine Aussage enthalten, die die Anwälte vielleicht gern hören würden, die aber nicht unbedingt das sein muss, was Carsten S. sagen möchte. Besonders arg trieb es in dieser Hinsicht Annette Lunnebach, die Opfer des Anschlags in der Kölner Probsteigasse vertritt. Sie interessierte sich für Details des Kaufs der Ceska-Tatwaffe. Es ging um die Frage, unter welchen Umständen Carsten S. das Geld für den Kauf bei Ralf Wohlleben abgeholt haben will. Sie fragte:

„Als Sie bei Wohlleben waren, hatte der das Geld da schon parat?“

Carsten S. antwortete ausweichend – weil es offenbar gar nicht anders ging.

„Ich weiß nur, dass ich das zur Abholung mitgenommen hab“.

Dann bohrte Anwältin Lunnebach nach, ob die untergetauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Szene besonders gut oder schlecht angesehen waren. Wobei Sie wohl gezielt darauf hinauswollte, dass das Trio besondere Wertschätzung genossen haben müsste. Das war vermutlich wirklich so, aber Lunnebach beging den Fehler, Carsten S. mit ihren Fragen schon vorab festzulegen und verhinderte so, dass er das mit eigenen Worten schildern konnte. Manchmal war sie sogar derart ungeduldig, dass sie gleich zwei Fragen auf einmal stellte. Ein wörtlicher Auszug:

Lunnebach: “Gab es noch andere, die untergetaucht waren?”

S.: “Nein.”

Lunnebach: “Das waren also die einzigen Untergetauchten der rechten Szene? Was bedeutete das für die Szene?”

S.: “Es gab in der rechten Szene drei Personen, die aus Furcht vor Strafverfolgung untergetaucht waren. Diese drei.”

Es folgte ein Geplänkel mit den Verteidigern von Zschäpe und Wohlleben, denen nicht einleuchtete, was Frau Lunnebach jetzt eigentlich wissen wollte. Lunnebach fuhr unbeeindruckt fort:

“Was bedeutete das für die Anerkennung, die sie in der Szene hatten?”

Jetzt wurde es laut im Gerichtssaal. Verteidiger und Anwältin Lunnebach gifteten sich an. Dabei ging es auch um den Umstand, dass tatsächlich außer den Dreien noch weitere Neonazis untergetaucht waren, von denen Carsten S. aber nichts wusste oder gewusst haben will. Dann versuchte Frau Lunnebach es noch einmal:

„Sie haben gesagt, dass die drei Untergetauchten aus Ihrer Kenntnis die einzigen sind, die innerhalb der rechten Szene untergetaucht sind. Auf meine Frage, ob das den Dreien eine gewisse Anerkennung…“

Weiter kam sie nicht. Richter Manfred Götzl fuhr ihr über den Mund, sichtlich genervt:

„Sie kommen jetzt sehr weit von der Frage weg. Fünf Minuten Pause. Konzentrieren Sie sich erst mal!“

Nicht besser erging es Rechtsanwältin Pinar Gül – aus demselben Grund. Auch sie fragte suggestiv.

„Passte denn Ihrer Ansicht nach ein Anschlag in das Weltbild, das damals in Ihrer Szene vertreten wurde?“

Richter Götzl war jetzt richtig sauer.

„Wir fragen hier nach Tatsachen – um Sie mal auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen“.

Und das war tatsächlich das Problem der ausufernden Befragung. Sind die Angeklagten im Sinne der Anklage schuldig oder nicht schuldig? Darum geht es schließlich in dem Prozess, aber die Befragung brachte da wenig, jedenfalls bisher. Dafür lieferte sie einen Vorgeschmack auf die weiteren Zeugenvernehmungen, von denen es ja insgesamt 600 in diesem Prozess geben soll. Nehmen wir optimistisch an, jeder Zeuge wird von 40 Nebenklägervertretern befragt. Nehmen wir weiter an, dass Gericht, Bundesanwälte und Verteidiger sich mit zusammen 10 Fragestellern begnügen. Schätzen wir die Dauer der durchschnittlichen Befragung auf optimistische 10 Minuten.

Dann lautet die Rechnung allein für die Dauer der Zeugenbefragungen so:

600 x (40 + 10) x 10 Minuten = 300.000 Minuten.

Entspricht 5000 Stunden. Entspricht 625 Arbeitstagen à acht Stunden. Entspricht 209 Verhandlungswochen à drei Verhandlungstage pro Woche. Entspricht einer Prozessdauer von über fünf Jahren, wenn das Gericht es schafft, pro Jahr 40 Wochen zu verhandeln – was angesichts der Pausen während der Schulferien und Feiertage stramm gerechnet ist.

Ein solches Verfahren hätte es in Deutschland vorher noch nie gegeben. Und ob ein solches Verfahren Wahrheit und Rechtsfrieden herstellen kann – man mag es im Augenblick nur schwer für möglich halten.

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