Eine Fallstudie von Professor Gerhard Bundschuh für die Zeitschrift Kriminalistik bestätigt meine Berichterstattung über den ungeklärten Tod des 96-jährigen Rudolf F. aus Meiningen. Bundschuh hat für seine Arbeit den Fall mit einem Modell detailliert nachgestellt. In den rechtsmedizinischen Befunden ist er auf zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten gestoßen. Außerdem äußert er einen scharfen Verdacht gegen die Staatsanwaltschaft Meiningen: „Die Ermittlungen werden eingestellt, noch bevor gerichtsmedizinische Abschlussgutachten vorliegen“.

Den ersten Widerspruch findet Bundschuh schon bei der Ermittlung des Todeszeitpunktes. Offiziell wurde er für 4.51 Uhr festgeschrieben. Bei einer späteren Leichenschau um 9.26 Uhr finden sich nach seiner Darstellung aber Symptome, die einen deutlich späteren Tod nahelegen. Außerdem seien um 5.00 Uhr noch „deutliche Herzkontraktionen“ festgestellt worden.

Wie berichtet, gab es laut den rechtsmedizinischen Unterlagen drei Leichenschauen. Staatsanwaltschaft Meiningen und Rechtsmedizin Jena haben entsprechende Fragen nur ausweichend beantwortet. Die Chefin der Staatsanwaltschaft behauptete, es habe nur eine Leichenschau gegeben und ging auf Detail-Nachfragen nicht ein.

Nicht nachvollziehen kann Bundschuh die Ausagen der Jenaer Gutachter zum Bruch des Kehlkopfes von Rudolf F. Die Verletzung hätte beim CT erkannt werden müssen. Bundschuh bemängelt, dass die Stellungnahme eines Fachradiologen fehlt. Unmissverständlich nimmt er zum Verschwinden der CT-Aufnahmen Stellung, die nach der Einlieferung des alten Mannes angefertigt wurden. „“CT-Aufnahmen werden primär auf der Festplatte des Computers gespeichert“, schreibt Bundschuh, „erst danach können sie von dort Schicht für Schicht bzw. Bild für Bild auf den Bildschirm zwecks Beurteilung heruntergeladen werden“. Laut Gesetz müssen sie 30 Jahre aufbewahrt werden. „Anderenfalls macht sich die Klinik strafbar“. Klinik, Staatsanwaltschaft und Jenaer Rechtsmedizin haben das Verschwinden der Aufnahmen zwar eingeräumt, aber auch auf mehrfache Nachfrage jegliche Auskunft über die Konsequenzen verweigert. Ermittlungen gibt es dazu bisher nicht.

Für den auffälligsten Befund, die unübersehbare Strangulationsmarke um den Hals, bietet Bundschuh eine neue Erklärung an, die bisher nicht zu hören war. Sie basiert auf einer Rekonstruktion mit einem Modell. Demnach könnte der alte Mann versucht haben, sich von seiner Fixierung auf seiner Intensiv-Liege zu befreien. Dabei könnte er auf und ab gerutscht sein. Als Folge könnte sich der Hemdkragen seines Klinikhemds unter seiner Halskrause aufgefaltet und so die Strangulation und den Bruch des Kehlkopfs verursacht haben.

Sollte Bundschuh richtig liegen, kann an der Darstellung der Klinik etwas nicht stimmen, die offenbar eins zu eins von der Jenaer Rechtsmedizin in ihr Gutachten übernommen wurde. Da heißt es, der Patient sei kontinuierlich von den angeschlossenen Geräten überwacht worden, das Personal hätte es bemerkt, wenn mit ihm etwas passiert wäre. Auch das Verhalten der Staatsanwaltschaft bleibt dubios. Sie ging weder einem Mordverdacht nach noch der Frage, ob der Tod des alten Mannes fahrlässig verursacht wurde. „Bestimmte Punkte in den Gutachten erscheinen leichtfertig oder bewusst fahrlässig behandelt“, schreibt Bundschuh.

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