Mit diesem Bus, innen als Dunkelkammer mit Gruseleffekt eingerichtet, geht Fitzek auf Roadshow für sein neues Buch

 

„Phänomen Fitzek“ nennen sie im Münchner Verlag Droemer Knaur ihren Thriller-Autor Sebastian Fitzek. Als schreibe er nicht nur über unerklärliche Phänomene, sondern sei selber eines. Das verdankt er seinem Erstling „Die Therapie“, eine düstere Geschichte um einen Psychiater, ein totes Kind, eine mysteriöse Frau und eine Geschichte, die sich immer wieder bis zur Grenze der Übersinnlichkeit bewegt. „Der Titel stand zwei Wochen nach dem Erscheinen ganz unvermutet auf Platz 1 der Amazon-Charts“, erinnert sich Klaus Kluge, der Marketing-Chef des Knaur-Verlages. Der Verlag hatte „Die Therapie“ in kleiner Auflage herausgebracht, keine Werbung dafür gemacht und keine besonders hohen Erwartungen gehegt. Er habe an einen Zufall geglaubt, als er die Platzierung sah, sagt Kluge. Nach einer Stunde habe er noch einmal nachgesehen. „Aber da stand ‚Die Therapie‘ immer noch auf Platz 1“. Wie auch am nächsten Tag, in der nächsten Woche, der übernächsten. Fünf Wochen lang gab es bei dem Online-Händler kein Buch, das sich besser verkaufte. Sogar das Amazon-Management soll irritiert gewesen sein. Die Deutsche Niederlassung habe ein E-Mail von der Europa-Geschäftsleitung in London erhalten, in dem gefragt worden sein soll, „who the fuck is Fitzek“.

Who the fuck is Fitzek

Dr. Sebastian Fitzek ist 38 Jahre alt und hat eigentlich drei Berufe. Neben der Schriftstellerei ist er stellvertretender Programmdirektor des Berliner Radiosenders 104.6 RTL. Außerdem hat er Jura studiert und mit Promotion abgeschlossen. Studiert hat er nebenbei, neben seinem Radio-Volontariat und der sich anschließenden Sender-Karriere, zuerst als Comedy-Autor, dann als Leiter der Morgensendung, später Chefredakteur und selbständiger Berater. Wie ein Karrieretyp sieht er nicht aus, er wirkt jungenhaft, ist nicht besonders groß, eher schmächtig, trägt gern nickihafte Pullover zu Blue Jeans und spricht mit leichtem Berliner Einschlag. Die Idee, Bücher zu schreiben, sei „aus beruflicher Unzufriedenheit entstanden“. Als Radioberater sei er zwar gute Honorare verdient, habe es aber vermisst, seine Ratschläge auch als verantwortlicher Macher in einem Sender umsetzen zu können. Außerdem sei er schon immer Thriller-Fan gewesen, lese jede Woche mindestens einen und liebe es, Geschichten zu entwickeln. „Auch Radio ist eine Form, Geschichten zu erzählen“, ist er überzeugt. Und hauptsächlich darum gehe es: Das Publikum mit einer Geschichte zu packen, egal, ob die als Buch, Radiocomedy, Fernsehsoap oder sonstwas verpackt sei.

Es hieß immer, deutsche Thriller-Autoren hätten keine Chance

Die Geschichte, die er sich für seinen ersten Thriller vorstellte, war ausgesprochen mystisch. Ein Psychologe fühlt sich für den Tod seiner Tochter verantwortlich, es geht ihm miserabel. Begegnungen mit merkwürdigen Gestalten, bei denen unklar ist, ob sie aus dem Jenseits oder Diesseits stammen, verunsichern ihn zusätzlich. Außerdem setzt ihm seine geschiedene Frau zu, und irgendwann scheint sogar das totgeglaubte Kind wieder aufzutauchen, was den Protagonisten an seinem Verstand zweifeln lässt. „Ich hatte eine Idee im Kopf und habe versucht, daraus einen Text zu machen“, sagt Fitzek. Das misslang allerdings immer wieder. Die ersten Schreibversuche endeten nach 20 Seiten. Das Schreiben habe ihm Mühe bereitet, er habe den unfertigen Text monatelang in der Schublade liegen lassen. Später erzählte er seiner Mutter davon, einer pensionierten Deutschlehrerin, die darum bat, das angefangene Manuskript lesen zu dürfen. „Sie wollte dann wissen, wie die Geschichte weitergeht“, erinnert sich Fitzek. Also habe er weitergeschrieben – Kapitel für Kapitel. Irgendwann war es geschafft und die Geschichte zu Ende erzählt. Die Mutter redigierte den Text und Fitzek schickte ihn erwartungsfroh an mehrere Verlage. Aber niemand wollte ihn haben. „Es hieß immer, deutsche Thriller-Autoren hätten keine Chance. Das Genre sei fest in englischer und amerikanischer Hand“.

Entmutigen ließ er sich davon nicht. „Ich wollte das Buch unbedingt herausbringen“, sagt er. Notfalls hätte er es ohne einen Verlag drucken lassen und irgendwie unter die Leute gebracht. Vorher versuchte er es aber bei  Literaturagenturen. Einer, dem er das Manuskript schickte, war Roman Hocke, der langjährige Lektor von Michael Ende. Hocke erinnert sich, dass Fitzeks Entwurf „etwas Besonderes war, was aus der Masse herausragte, sonst wäre es nicht auf meinem Schreibtisch gelandet“. Monatlich erhalte seine Agentur rund 200 Angebote, die seine Mitarbeiter schon nach der ersten Durchsicht ablehnten. Ohne umfassende Überarbeitung habe auch Fitzeks Werk nicht zur Veröffentlichung getaugt. Sein größter Fehler sei es gewesen, die Handlung in den USA spielen zu lassen, sagt Hocke. „Deutsche Autoren, die Thriller schreiben, die in einem anderen Land spielen, sind chancenlos“, meint der Literaturagent. „Wir haben Fitzek darum empfohlen, den Ort zu verlegen und die Handlung anzupassen“. Das habe er „überraschend zielstrebig“ erledigt und nach einigen Monaten einen von Grund auf überarbeiteten Text vorgelegt – mit Schauplätzen zwischen Berlin und einer Nordsee-Insel. „Das ist eine Arbeit, bei der die meisten angehenden Autoren scheitern“, lobt Hocke seinen Schützling. Fitzek habe aber nicht nur enorme Hartnäckigkeit an den Tag gelegt, sondern auch die „Fähigkeit gezeigt, ein komplexes System zu durchdringen“. Hockes Fazit: „Wir haben festgestellt, dass er einen klaren erzählerischen Willen hat“.Auch die Geschichte gefiel ihm. Hocke nahm Fitzek unter Vertrag und verkaufte den Titel an den Verlag Droemer Knaur. Es folgten weitere Monate Feinschliff mit dem Verlags-Lektorat. Im Sommer 2006 war das Buch fertig und konnte an den Handel ausgeliefert werden.

30 Prozent der Auflage wurden im Internet verkauft

Fitzeks Erstling war für Droemer Knaur zunächst reine Routine. „Wir haben das Buch als Midlist-Titel ins Programm aufgenommen“, erinnert sich Marketing-Chef Kluge. Das bedeutet: Kleine Auflage von 4.000 Exemplaren und keinerlei Werbung oder Marketing-Aufwand. „Bei der Fülle des Programms kann es da keine große Aufmerksamkeit geben, da muss sich jeder Titel selbst behaupten“, sagt Kluge. Das tat er dann auch, und zwar so durchschlagend, dass Verlag und Agent bis heute rätseln, „wie dieser Hype zustande kam“. Hocke vermutet, „diese Art von Thriller hat eine bestimmte Zielgruppe erreicht, die sehr Internet-geübt ist und sich in Chats und Foren austauscht“. Allein mit Mund-zu-Mund-Propaganda sei ein solcher Effekt nicht möglich gewesen. Es müsse wohl ein „Beschleunigungsfaktor aus dem Web“ gewesen sein, den der Literaturagent als „Piazza-Effekt“ bezeichnet.

Dass das Internet die treibende Kraft für den Anfangserfolg der „Therapie“ war, belegen die Verkaufsdaten des Verlags. 30 Prozent der Auflage seien bei Amazon oder anderen Internet-Händlern verkauft worden, üblich sei sonst ein Online-Anteil von acht Prozent, sagt Kluge. Der Autor habe selber dafür gesorgt, dass die Internet-Gemeinde auf ihn aufmerksam wurde. „Ein Teil des Erfolgs war wohl seine offensive Aufforderung, ihm per E-Mail zu schreiben“, so der Verlagsmann. Fitzek hatte im Anhang des Buches seine E-Mail-Adresse mit der Bitte um Kommentare bekannt gegeben. „Er hat jede Mail auch persönlich beantwortet, nicht  mit Textbausteinen. Das wurde in zahlreichen Online-Foren gelobt.“

Bücher und Bier

Fitzek selber hat eine zusätzliche, eher bodenständige Erklärung parat: „Wenn ein Titel erfolgreich sein soll, sollte der Autor erstmal dafür sorgen, dass jeder im Verlag ihn liest und kennt“ – keine Kleinigkeit angesichts der Fülle des Programms, aber entscheidend, wenn die Verlagsvertreter den Händlern ihre Neuerscheinungen vorstellen. Die Platzierung bei Amazon, die Rezensionen von Lesern in Fan-Foren wie „Krimi-Couch.de“ sprachen sich auch im Verlag herum. Die Vertreter hatten bei ihren Händler-Besuchen unverhofft gute Argumente für die prominente Platzierung auf Tischen und in Regalen. Der Erfolg aus dem Internet schwappte über in den klassischen Buchhandel. Für Fitzeks zweiten Titel – „Amokspiel“ – setzte der Verlag von vornherein auf Online-Foren, „weil wir wussten, dass er da eine große Fangruppe hat.“

Einen Teil des Erfolgs erklärt Kluge auch mit Fitzeks Bereitschaft, „sich gut zu inszenieren. Er ist da von einer enormen Kreativität.“ So entwickelt der Autor derzeit eine Reihe von Auftritten, auf denen er mit seinen Büchern andere populäre Zeitvertreibe herausfordert. Geplante Veranstaltungstitel lauten „Bücher und Bier“, „Buch vs. PC-Spiel“ oder „Bücher und Boxen“. Für seinen dritten Thriller – „Das Kind“ -, testete der Verlag ein „ARG“-Spiel. ARG bedeutet „Alternate Reality Game“. Der Sinn besteht darin, eine erdachte Geschichte spielerisch in die wirkliche Welt zu tragen. In diesem Fall führte der Autor seine Mitspieler wochenlang auf geheimnisvollen Spuren durch Berlin, brachte sie dazu, sich bei Nacht und Nebel am Teufelssee mitten in einem Waldstück zu versammeln, sich entführen und an einen geheimen Ort bringen zu lassen, wo Fitzek sie erwartete. „Das Kind“ erzählt die unheimliche Geschichte eines Jungen, der sich für einen wiedergeborenen Mörder hält. Eine Krankenschwester und ein Rechtsanwalt schenken ihm Glauben, nachdem er sie zu Verstecken führte, in denen er seine getöteten Opfer entsorgt haben will – und wo sich dann tatsächlich sterbliche Überreste vermisster Kapitalverbrecher fanden.

Ich lese mir jeden Text vor der Herausgabe zwei Mal laut vor

Zusätzlich beginnt gerade das Geschäft mit Auslandslizenzen und Filmen. Vor zwei Jahren erschienen Fitzeks erste Titel auch in England und den USA, „den Mutterländern des Thriller“, wie Hocke anmerkt. Auch die Buchrechte nach Japan und Korea sind verkauft. „Die Therapie“ und das „Amokspiel“ werden von den Produktionsfirmen Odeon und Goldkind verfilmt, für die Verfilmung von „Das Kind“ verhandelt Hocke derzeit mit japanischen und amerikanischen Produzenten.

Als größten Erfolg sieht Fitzek allerdings seinen Erfolg bei jungen Lesern, „denen ja meist nachgesagt wird, sie hätten kein Interesse mehr am Lesen“. Für diese Gruppe schreibe er, und deren Spielregeln respektiere er: „Man muss ihnen an jeder Stelle einen Grund geben, weiter zu lesen. Tut man das nicht, sind sie weg“. Darum habe er sich angewöhnt, sich jeden Text vor der Herausgabe zwei Mal von Anfang bis Ende laut vorzulesen. „Spätestens da merke ich, wo es hakt und wo ich nachbessern muss.“

7 Kommentare
  1. Ulrike sagte:

    Alles auf den Punkt gebracht‘ ich bIn so eine „junge Leserin“ und es ist absolut faszinierend, wie jemand so spannend schreiben kann und es einen total packt! Bester Autor – hoffentlich noch sehr, sehr lange!
    Ich kann es kaum erwarten den augensammlet zu lesen

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  2. Martina van Groen sagte:

    Ich bin wochenlang um „Die Therapie“ herumgschlichen, bevor ich sie mir gekauft habe. Danach musste ich alle weiteren Bücher sofort haben. Ich bin nicht durch das Internet auf das Buch aufmerksam geworden. sondern durch Stöbern in einer Buchhandlung.Der Titel „Die Therapie“ hat ich einfach abgesprochen. Vor dem Augensammler graut mir allerdings ein bischen, habe selber Kinder.

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  3. J.Mac sagte:

    “ Fitzek hatte im Anhang des Buches seine E-Mail-Adresse mit der Bitte um Kommentare bekannt gegeben. „Er hat jede Mail auch persönlich beantwortet, nicht mit Textbausteinen (…)“

    thats the point! Herr Fitzek ist quasie zum anfassen nah. ob bei facebook, bei lesungen oder via e mail. er kuemmert sich um seine leser und nutzt das zeitalter internet ausgesprochen clever.

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  4. Sabine Ullrich sagte:

    hallo herr lemmer ich bins mal wieder:D
    das mädchen was eine facharbeit über sebastina fitzek schreibt
    ich hab ein kleines problem:
    ich versteh einen begriff in ihrem artikel nicht
    „Allein mit Mund-zu-Mund-Propaganda sei ein solcher Effekt nicht möglich gewesen. Es müsse wohl ein „Beschleunigungsfaktor aus dem Web“ gewesen sein, den der Literaturagent als „Piazza-Effekt“ bezeichnet.“
    der Piazza effekt ist so eine sache…
    ich hab versuch herauszufinden was dies ist jedoch beziehen sich alle begrifferklärungen auf bauten
    können sie mir dieses wort bitte erklären oder die definition geben
    herzlichen dank
    liebe grüße sabine

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  5. bitterlemmer sagte:

    Klar. Roman Hocke meinte damit den Effekt, der entsteht, wenn sich Menschen auf der Piazza treffen und einen Schwatz halten. Da geht das Wort nicht einfach von Mund zu Mund, sondern es hören und reden viele mit. Es handelt sich dabei sicher nicht um einen feststehenden Begriff. An dieser Stelle stockte er ein bisschen, suchte das richtige Wort für das, was er meinte, und heraus kam das Wort „Piazza-Effekt“.

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  6. nachgebloggt sagte:

    Für mich war es eine Premiere, einen Psychothriller von Sebastian Fitzek zu lesen. Dieser Thriller ist spannend ab der ersten Minute. Der Autor verwirrt den Leser schon von vorn herein, in dem er das Buch mit dem Epilog beginnt und die Kapitel von hinten beginnen. Die einzelnen Kapitel werden jeweils aus der Sicht einer der Figuren im Buch erzählt, so dass man sich in jeden gut hineinversetzen.  

    http://nachgebloggt.de/2011/08/07/sebastian-fitzek-der-augensammler/

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  7. Martin sagte:

    Ein sehr interessanter Artikel.

    Ich denke, der Erfolg von Sebastian Fitzek hat in der Tat in erster Linie etwas damit zu tun, wie offen und ehrlich er mit seinen Lesern umgeht und wie bodenständig er sich immer wieder zeigt.

    Ich habe während der Leipziger Buchmesse mit ihm sprechen können (siehe Link) und war echt begeistert von seiner Art und auch von der Bereitschaft, trotz Messestress und vielerlei Terminen, mit einem Blogger ein Interview zu führen, der noch nicht die große Reichweite hat, die andere Blogs mitbringen.

    http://buchwellenreiter.blogspot.de/2016/04/drei-fragen-sebastian-fitzek-4.html

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