Vor bald drei Wochen flog die Mücke zum ersten Mal in meiner Wohnung herum. Sie war etwas größer und kräftiger als die Durchschnittsmücke. Ihr Körper schimmerte in einem bräunlich-transparenten Farbton, anders als die gewöhnlichen schwarzen Mücken, die man sonst so kennt.  

Meistens sah ich sie allerdings nicht, sondern hörte sie nur, nämlich nachts im Dunkeln. Sie war stets schon von Weitem beim Anflug zu hören. Ihr Flügelgeräusch war ungewöhnlich sonor. Sie klang, als habe sie etwas mehr Hubraum als normale Mücken. Wenn sie sich mir näherte, dann nahm die Lautstärke kontinuierlich zu, bis sie direkt vor meinem Ohr kreiste, während mein Kopf auf dem Kissen lag. Ich schlug dann immer mit der Hand nach ihr, also auf mein Ohr, oder, wenn ich dachte, dass sie Richtung Stirn abschwirrt, auf die Stirn. Aber ich habe sie nie erwischt. 

Dabei bin ich inzwischen sehr gut darin, im Schlaf Mücken zu erschlagen. Es gibt welche, die rasen blitzartig heran. Man hört sie erst im letzten Moment, wenn sie schon am Ohr sind, dann aber schlagartig aggressiv sirrend. Ich muss gar nicht wirklich wach werden, um meine Hand zuschlagen zu lassen. Ich treffe fast immer. Sie kleben mir dann am Morgen am Kopf. Es gibt auch die langsamen, die erst eine Weile auf Distanz herumcruisen. Die haben auch keine Chance. Irgendwann sirren sie doch heran, und schon sind sie tot. Diese eine spezielle Mücke hat meine Reflexe perfekt trainiert, so dass keine andere Mücke mehr eine Chance hat. 

Nur diese eine, die schaffte mich. Einmal sah ich sie am hellen Tag durch die Wohnung fliegen. Sie schwebte mitten durchs Zimmer, wo ich am Computer stand und arbeitete. Ich ließ den Blick nicht von ihr und tastete mich zu der Schublade, in der ich eine Spraydose mit Insektengift aufbewahrte. Natürlich verlor ich sie doch aus den Augen. Die Spraydose stellte ich griffbereit auf den Tisch, bis sie wiederkäme. Und tatsächlich: Da war sie schon, mitten im Raum, bestens ausgeleuchtet, ein leichtes Ziel. Ich griff die Spraydose und drückte ab. Die Mücke flog tapfer durch die giftigen Sprühnebel. Und flog. Und flog. Und flog. Bis sie irgendwie im Sonnenlicht verschwand. Ich dachte, dass sie sich zum Sterben in eine Ecke legte und setzte den Tag fort. 

In der Nacht war sie wieder da. Es war eindeutig das gewohnte Fluggeräusch. Sie näherte sich wie immer. Ich schlug nach ihr, wie immer. Ich verfehlte sie, wie immer. So ging es weiter, Nacht für Nacht. Eines morgens saß sie im Bad an der Decke. Ich sah sie, als ich unter der Dusche stand. Blitzartig zielte ich mit dem Brausekopf nach oben und spritzte sie nass. Die Mücke taumelte nach unten. Sie versuchte, seitlich zu entkommen. Ich konnte den Wasserstrahl von oben auf sie richten. Das Wasser zog sie mit sich auf den Boden der Duschtasse. Dort verlor ich sie aus den Augen. Ich dachte, ich hätte sie im Abfluss versenkt.

In der Nacht war sie aber wieder da. Und wieder das übliche Prozedere. Am Morgen, als ich mir in der Küche Kaffee kochte, saß sie auf dem Schneidebrett. Ich betrachtete sie aus nächster Nähe. Sie posierte regelrecht, reckte die Flügel, streckte ein Beinchen, schaute erst nach links, dann nach rechts. Dann schlug ich mit der flachen Hand zu. Ich erwischte sie optimal mit dem Handballen. Endlich war sie platt. Ich sah sie tot vor mir. In der folgenden Nacht wachte ich mehrmals auf und lauschte nach ihrem Sirren, aber es blieb still.

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