An nächsten Tag lag die Brille der Fahrerin auf der verbogenen Leitplanke. Vielleicht haben Helfer sie gefunden und dort abgelegt

Man weiß ja, dass Redaktionen Fotografen vorbeischicken, wenn an einem Unglücksort gute Bilder zu bekommen sind. Etwas ungewohnt war für mich, selber aus einem Unfallauto zu steigen und einen Fotografen zu sehen, der es für seine Leser aufnahm. Tatsächlich war das Auto spektakulär mit dem Vorderwagen unter eine Leitplanke getaucht. Die linke vordere Ecke des eigentlich ziemlich massiven Mazda 6 existierte nicht mehr. Das dazugehörige Rad stand hervor, der Reifen war von der Felge gerutscht. Die gesamte linke Seite war nach innen gebogen, der Innenraum dort entsprechend enger als vorher. Zum Zustand der linken vorderen Ecke hatte in der Schlussphase vermutlich die Leitplanke beigetragen. Zwei Träger, die sie im Boden hielten, waren komplett weggebrochen, die Schienenkonstruktion ihrerseits konkav verbogen. Dass nur eine der drei Insassen hinterher in der Klinik landete, auch das nur für zwei Tage, erscheint nachträglich wie ein Wunder.

Links vorn ist das Auto komplett zerstört

Mitbekommen habe ich den Unfall erst, als er schon stattfand. Ich saß auf dem Beifahrersitz und hielt mein iPhone in der Hand, darauf das Kartenprogramm, um die Fahrerin zu einem Freilichtkino bei Wasserburg zu lotsen. Wir befuhren die B304. Von dort wollten wir links in eine kleine Landstraße Richtung Obersteppach und Ramsau abbiegen. Etwa einen Kilometer davor sagte ich der Fahrerin, dass wir gleich an der Einmündung wären. Vielleicht 500 Meter davor ging sie vom Gas. Wir spähten nach dem orangefarbenen Wegweiserschild. Als wir die Aufschrift erkannten, bestätigten wir uns unsere übereinstimmenden Wahrnehmungen. Sie setzte den Blinker, es tickerte vernehmlich, ein Mazda 6 hat ein vergleichsweise lautes Blinker-Tickern. Als wir die Einmündung erreicht hatten, lenkte die Fahrerin nach links. Dann krachte es heftig.

Die linke Seite ist auf ganzer Länge eingebogen. Der Fußraum vorn ist nur noch halb so breit wie vorher. Sogar die Mittelkonsole wurde aus ihrer Halterung gepresst

Mein Kopf wurde nach links geschleudert, dann, etwas weniger heftig, nach rechts. Ich sah die Leitplanke in spitzem Winkel näherkommen. Das Auto schleuderte dagegen und schabte sich an ihr entlang. Zwei Mal gab es dabei kleinere Knallgeräusche, das mussten wohl die Planken-Pfeiler gewesen sein. Dann stand das Auto. Einen Moment herrschte Ruhe. Dann gab jeder Laut. An die Worte kann ich mich nicht erinnern. Es waren Äußerungen, die besagten: Ich lebe noch. Hinten lag die Mutter der Fahrerin. Sie hatte sich hingelegt, weil ihr schlecht war. Der Mazda 6 ist ein Auto, in dem hinteren Passagieren leicht schlecht wird. Sie klagte über heftige Schmerzen und konnte sich kaum bewegen. Die Fahrerin und ich bemerkten erstmal keine Beschwerden.

Ich fragte mich, was da passiert war. Aus dem Fenster konnte ich kein anderes Auto sehen. Hatte uns ein Meteorit getroffen? Ich öffnete meine Tür und stieg aus. Schräg hinten links sah ich eine Rauchwolke aus dem Straßengraben hochziehen. Ich lief zur Leitplanke. Dort, etwa vier oder fünf Meter tiefer, stand ein weißer Transporter. Die beiden vorderen Radkästen waren zerfetzt. Ich sah einen Mann hinter der Windschutzscheibe und lief hinab. Ich habe dabei „Ach du Scheiße“ gerufen, berichtete die Fahrerin später. Der Mann im Fahrerhaus hatte die rechte Scheibe heruntergekurbelt und versuchte, durchs Fenster hinauszuklettern. Ich reichte ihm die Hand und half ihm. Er sah unverletzt aus. Ich ging zurück zum Mazda.

Hier wollten wir nach links abbiegen. Deutlich zu sehen: Die kurze heftige Bremsspur des Transporters, der uns in die linke Seite krachte

Eine Frau, die den Unfall gesehen hatte, rief die Polizei. Es dauerte ein paar Minuten, bis zuerst der Rettungsdienst eintraf. Die Mutter der Fahrerin wurde einige Zeit auf der Rückbank behandelt. Sie bekam mehrere Spritzen, offenbar mit Schmerzmitteln. Später wurde sie ins Krankenhaus nach Wasserburg gebracht. Ein anderer Notarzt untersuchte die Fahrerin und mich. Aus dem Krankenwagen sah ich einen Mann mit Kamera, der Bild für Bild fotografierte – der Pressefotograf.

Bevor er die Böschung herabstürzte, faltete der Transporter die Leitplanke zusammen

Was war passiert? Offenbar hatte der Fahrer des Transporters nicht verstanden, dass der Mazda vor ihm links abbiegen wollte. Einer der Polizisten sagte später, er sei offenbar bis zum Schluss hinter dem Mazda gefahren. Erst im allerletzten Moment sei er auf die linke Spur gezogen. Das sei aus den zahlreichen Spuren auf der Fahrbahn deutlich zu sehen. Das würde erklären, warum die Fahrerin den Transporter nicht im linken Spiegel sah. Dann muss der Transporter erst in die linke Seite des Mazda eingeschlagen sein, schleuderte ihn gegen die Leitplanke und sich selber den Hang hinab. Der Aufschlag war so gewaltig, dass ich später die Brille, die ich auf der Nase trug, und das iPhone, das ich in der Hand hielt, links hinten vor der Rückbank wiederfand. Beides muss rasant durchs Auto geflogen sein.

Nachdem der Transporter einen Teil seiner Energie im deformierten Mazda gelassen hatte, reichte es noch, um das vordere Stück der Leitplanke einzurollen. Der Mann hatte unfassbares Glück. Sein Transporter rauschte anschließend einen steilen Hang hinab, haarscharf an einer Baumgruppe vorbei und landete auf einem Unterführungsweg für Fußgänger.

Die Fahrerin ist diese Woche wegen Schleudertraumas krank geschrieben. Die Mutter konnte das Krankenhaus verlassen, leidet aber noch an Rückenschmerzen. Mir geht’s gut.

4 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.