Man sollte glauben, wenigstens ernsthafte Zeitungen würden sich die Mühe machen, auf klassische Weise irgendwelche Verschwörungstheorien zu überprüfen, bevor sie sie weiterreichen. Und mit klassische Weise meine ich nicht, einen Verschwörungstheoretiker zu befragen, ob seine Verschwörungstheorie stimmt. Genau das haben aber die Augsburger Allgemeine und der Fränkische Tag getan, als sie berichteten, Peggy Knobloch, das Mädchen, das vor 12 Jahren im oberfränkischen Lichtenberg verschwand, habe möglicherweise unter anderem Namen weitergelebt und sei als Yvonne Menzel im Jahr 2009 ermordet worden. Normalerweise versuche ich, so etwas zu ignorieren. Diesmal nicht, weil mir diese Theorie aufgrund unseres Buches zum Fall Peggy zu sehr auf die Pelle rückt.

Zunächst zur Herkunft der Behauptung, Peggy sei Yvonne gewesen: Da scheint es gleich mehrere Erfinder zu geben, aber der bekannteste ist ein Mann namens Hans-Werner Lange, den die Zeitungen als „Journalist aus Regensburg“ bezeichnen. Lange betreibt die Webseite http://peggyuntot.justizversagen.de/. Auf der schreibt er zuerst ein paar Sätze über Peggy und dann ein paar Sätze über Yvonne Menzel. Dann folgt diese Behauptung:

Wir haben die Tote – angeblich Yvonne Menzel – mit Peggy verglichen. Wir halten Yvonne Menzel für Peggy Knobloch.

Dazu hat er eine selbstgestrickte forensische Fotoanalyse gestellt, die aus einem Foto von Yvonne Menzel, einem von Peggy und einem Hybriden besteht, in dem das Foto von Peggy teiltransparent auf das von Yvonne Menzel kopiert wurde.

Seit Lange damit im Netz ist, ist diese Legende über das Weiterleben von Peggy als Yvonne Menzel nicht mehr aus der Welt zu bekommen. Ich habe jetzt schon einige Debatten hinter mir, in denen ich versuche, wenigstens Zweifel zu säen, aber es ist immer dasselbe mit Leuten, die an Verschwörungstheorien glauben wollen. Sie fragen grundsätzlich „warum nicht“ und nie „warum“. Und vermutlich werden sie gleich eine neue Verschwörung annehmen, wenn ich jetzt enthülle, dass Yvonne Menzel und Peggy nicht einmal entfernt miteinander zu tun hatten.

Yvonne Menzel wurde am 10. Oktober 1988 in Löbau, einem Städtchen in Ost-Sachsen in der Nähe des deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländerecks, geboren. Ihre Eltern hatten da gerade erst ein eigenes Häuschen im nahen Ebersbach gekauft. Als sie vier Jahre alt war trennte sich ihre Mutter von ihrem Vater und verließ das gemeinsame Haus. Yvonne besuchte zuerst die Schule in Ebersbach, dann die Oberschule in Neusalza-Spremberg. Mit 14 verlor sie das Interesse am Unterricht und konzentrierte sich aufs Feiern und auf falsche Freunde. Das tat ihr nicht besonders gut. Sie verließ die Schule ohne Abschluss, war vorübergehend in psychiatrischer Behandlung und lebte eine Zeitlang in einer betreuten Wohnung in Dresden. Die Therapie funktionierte. Das Verhältnis zu ihrer Mutter und deren neuen Lebensgefährten verbesserte sich. Yvonne nahm sich eine eigene Wohnung in Löbau und ging dort auf die Berufsschule. Dort holte sie den Hauptschulabschluss nach. Anschließend begann sie eine Ausbildung in Zittau. 2009 war sie fertige Sozialassistentin und nunmehr auch mit Realschulabschluss ausgestattet. Da kannte sie ihren späteren Mörder schon etwa ein Jahr. Freunde bezeichneten sie als lebenslustig und flippig. 2009 wurde sie ermordet, ihre Leiche in ein Fass betoniert und in einem See versenkt. Laut Gerichtsurteil wollte ihr Ex-Freund sich ihren buntbemalten Trabbi aneignen. Yvonne verbrachte ihr gesamtes Leben in Ost-Sachsen. Sie wohnte nie woanders, schon gar nicht im Westen.

Peggy dagegen wurde in Bayreuth geboren und verbrachte ihr kurzes Leben in Oberfranken mit Phasen in Schwanewede und Halle. 2001, als Peggy verschwand, lebte Yvonne noch in Ebersbach bei Vater und Mutter und hatte noch nicht Schulschwänzen und Lotterleben begonnen.

Es war nicht besonders schwer, diese Fakten zu bekommen. Das hätte jeder Journalist geschafft, der es gewollt hätte. Von mir aus mag ein Verschwörungstheoretiker jetzt immer noch bezweifeln, dass Yvonnes Mörder ganz allein auf die Idee kam, sein Opfer in Beton zu gießen und zu versenken. Von mir aus soll jemand spekulieren, so etwas sehe ja derart nach Mafia aus, dass etwas anderes nicht in Frage komme. Aber dass dieselben, die freihändig Plausibilitäten definieren, ihrerseits mit der irrwitzigen Behauptung aufwarten, Yvonne sei Peggy gewesen, finde ich arg. Meinetwegen mag eine solche Story die Vorlage für einen fiktiven Krimi liefern, aber wer damit als „Journalist“ hausieren geht, möge sich bitte kurz überlegen, wie begeistert die Mütter von Peggy und Yvonne Menzel sein mögen, wenn sie noch nach Jahren mit solchem Unfug belästigt werden.

Diese Feststellung ist mir wichtig. Denn in unserem Buch kommen solche Unfug-Theorien nicht vor. Und sie lenken auch nur davon ab, worin der wirkliche Skandal im Fall Peggy steckt.

8 Kommentare
  1. Mel sagte:

    Diese Verschwörungstheorie, hörte sich für mich schon immer weithergeholt an
    und diese Homepage… Naja, hat was von einem Besuch bei einer Sekte.

    Mich würde auch mehr interessieren, was nun beim Knochenpfund rauskam?
    Anscheinend wird der Fall wieder aus den Medien verbannt.

    Werde mir auf jedenfall das Buch kaufen.

    MfG

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  2. bitterlemmer sagte:

    Vielen Dank! Bei der Untersuchung der Knochen kam bisher nichts heraus. Es handelt sich teilweise um menschliche, teilweise um tierische Stücke.

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  3. Patrick Schndler sagte:

    Endlich hat es jemand einmal auf den Punkt gebracht. Sehr gut Herr Lemmer. Ich verstehe nicht, wie sich Journalisten schon derart plamieren können und eine Verschwörungtherorie, eines schon paranoid anmutenden selbsternannten Journalisten Namens Lange, in der Öffentlichkeit verbreiten. Und der Fränkische Tag bietet so einen Schwachsinn auch noch als Premiumangebot an. Damit beweißt man nicht nur „Vollpfostenjournalismus“, sondern verkrault sich ach noch die Leser – jedenfalls diejenigen, die noch ihres Verstandes mächtig sind. Außerdem scheinen die Journalisten auch noch an Rechenschwäche zu leiden, denn Yvonne Menzel war zur Zeit ihres Todes schon fast 21. Soll das die Zukunft der deutschen Medienlandschaft sein? Dann aber gute Nacht.

    Danke Herr Lemmer, dass es auch noch seriösen Journalismus wie Ihren gibt.

    Liebe Grüße aus dem Allgäu, Patrick Schindler

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  4. Pete Denker sagte:

    Die Untersuchung der Knochenteile verzögerte sich, da ein Laborgerät außer Betrieb ist. Angeblich bis heute.

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  5. Pete Denker sagte:

    Solche Enthüllungs-Eskapaden bietet aber nicht nur der Fall Peggy. Neuerdings gibt es ein Buch über die Großfamilie Miri. Von den ganzen Vorwürfen, die durch die Medien geisterten, bleibt da nicht viel übrig.

    Das Buch heißt „Blutsbande“. Man könnte gewiß noch weitere Themen recherchieren und wird auch dort fündig.

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  6. komtur sagte:

    Die BRD-Schandjustiz verurteilte einen geistig behinderten jungen Mann wegen Mordes an der damals neunjährigen Peggy Knobloch. Das er sich Kindern sexuell genähert hat, ist bekannt, schon damals hätte reagiert werden müssen, eventuell Einweisung in eine Klinik, therapierbar ist eine solche Veranlagung trotzdem nicht. Wie kann man einen Menschen wegen Mordes verurteilen, dessen angebliches Opfer nie gefunden wurde, hier haben ganz andere Dreck am Stecken. Ich hoffe, dass Peggy noch lebt und eines Tages die Wahrheit ans Licht kommt.

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  7. komtur sagte:

    A C H T U N G – UNBEDINGT LESEN -FÜR SUSANNE UND PEGGY KNOBLOCH Ich bin wahrlich kein Anhänger der DDR-Politik gewesen, aber eines möchte ich hier zum Ausdruck bringen: Zu Zeiten der DDR wäre der Fall Peggy mit großer Wahrscheinlichkeit aufgeklärt wurden. Die damaligen Behörden hätten viele Leute, ohne Ansehen und Person in die Zange genommen, da wäre Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurden. Beispiel : DDR 1981, Halle/Neustadt, der damals 7-jährige Lars B. wird an der Bahnstrecke Leipzig-Halle/Saale von einem Streckenwärter der Deutschen Reichsbahn in einem Koffer, missbraucht und ermordet, neben den Gleisen gefunden. Obwohl es fast ausweglos schien, ist der Fall mit einem riesigen Aufwand, mit tausenden von Leuten geklärt wurden. Bei einem Kapitalverbrechen an einem Kind müssen sämtliche Register gezogen werden, entspricht aber nicht dem verlogenen Rechtsempfinden der BRD-Justiz. Beispiel: Fall Jakob von Metzler, ermordet am 27.09.2002, der damalige Kriminaloberkommissar Ortwin Ennigkeit hatte es mit Zustimmung von Wolfgang Daschner, stellvertretender Polizeipräsident von Frankfurt/Main gewagt, den mutmaßlichen Entführer des damals 11-jährigen Jungen, Magnus Gäfgen etwas unsanfter zu befragen. Jakob könnte noch leben, der Kindermörder bekam dann im Jahr 2002 eine Entschädigung von 3000,- Euro Die sogenannte Sonderkommision, die den Fall Peggy aufklären sollte, eine Gruppe von überbezahlten Versagern, so dilettantisch und voller Pannen ist doch völlig nutzlos. Der Mord an einem Kind ist das schlimmste, was es gibt, die Angehörigen leiden ein Leben darunter. Ich bin nicht nach der “ Rübe runter“ -Version, Kindermörder in ein russisches Arbeitslager, dort wünschen sie sich den Tag, an dem sie nie geboren wären. Ich hoffe, dass Peggy noch lebt, auf jeden Fall aber in den Herzen anständiger Leute ( Keine BRD-Staatsdiener )

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  8. Freidhelm sagte:

    Leider hat sich alle Hoffnung, Peggy lebend zu finden, mit dem Fund der Kinderleiche in der Nähe von Lichtenberg nun zerschlagen. Ich hoffe, dass sie den Mörder nach so langer Zeit noch finden.

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