Er habe seine Frau mit “außergewöhnlicher Brutalität” mit einer freilich unbekannten Tatwaffe mehrfach geschlagen, als sie schon blutend auf dem Boden lag, urteilte die dritte Strafkammer in Mühlhausen (Thüringen) vor einem Jahr über Gunter A. (57) und verhängte acht Jahre Haft wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge. Als Beweis diente das Gutachten der “sehr guten Rechtsmediziner” aus Jena, wie der Vorsitzende Richter in der Begründung sagte. Seit gestern ist Gunter A. wieder frei. Eine andere Kammer senkte das Strafmaß auf zwei Jahre mit Bewährung. Eine faustdicke Überraschung, die Gunter A. wohl noch gar nicht richtig verarbeitet habe, sagte sein Anwalt Udo Freier.

Der Gerichtstermin gestern war die Konsequenz einer teilweise erfolgreichen Revision. Der Bundesgerichtshof hatte den Schuldspruch nicht bemängelt, wohl aber das vor einem Jahr verhängte Strafmaß. Nur darum ging es gestern. Bei der Neuverhandlung sorgte dann ein psychologischer Gutachter für die Wende: A. habe einen Alkoholpegel von mehr als drei Promille gehabt, seine Schuldfähigkeit sei darum eingeschränkt gewesen. Diese Erkenntnis war zwar keineswegs neu und spielte schon im ersten Durchgang letztes Jahr eine Rolle. Umso unerwarteter war dann die gestrige Entscheidung. Der Haftbefehl wurde noch während der Verhandlung aufgehoben. Angereiste Verwandte A.s nahmen ihn in Empfang.

Eine wesentliche Rolle bei der Verurteilung A.s spielte eine Analyse der Blutspuren, verfasst von einer Medizinerin des rechtsmedizinischen Instituts in Jena. Sie attestierte, auf den Tatortfotos seien “Schleuderspuren” zu sehen, wie sie beim Ausholen eines Schlagwerkzeugs entstehen. A. beteuert dagegen bis heute seine Unschuld und vermutet, seine Frau sei nach gemeinsamem Zechen eine Treppe hinuntergestürzt. Die Gutachterin schrieb dagegen: “Das Befundmuster ist mit einem Sturzgeschehen, auch im Bereich der in der Wohnung befindlichen Treppen, nicht in Übereinstimmung zu bringen”.

Der Berliner Rechtsmediziner Prof. Volkmar Schneider, dem ich Gutachten und Tatortfotos vorlegte, kommentierte diese Feststellung mit der Frage: “Warum eigentlich nicht?” Schneider: “Die Kopf- bzw. Gesichtsverletzungen finden sich an den prominenten Stellen, d.h. dort, wo man auch sonst bei Stürzen nach vorn entsprechende Verletzungen zu erwarten hat.” In seiner Berufspraxis habe er ganz ähnliche Verletzungen bei Menschen gesehen, die “infolge eines Herzinfarktes oder aufgrund höhergradiger Alkoholisierung nach vorn fallen und hart aufschlagen”.

Die Jenaer Rechtsmedizin-Chefin Gita-Else Mall hat mehrere Anfragen zu dem Fall nicht beantwortet, “da das Verfahren nicht abgeschlossen ist”. Auch meine Fragen nach der Qualifikation der Gutachterin in Sachen Blutspuren-Analyse sind bisher unbeantwortet.

Die gestrige Entscheidung des Gerichts ist noch nicht rechtskräftig.

Siehe auch hier und hier und hier.

3 Kommentare
  1. Ingolf Keil sagte:

    Möchte gern noch mal einen Komentar abgeben.
    Nach dem gestrigen Tag, ein Tag des Wechslbades der Gefühle und einigen Gesprächen die ich mit meinem Schwager jetzt in Freiheit führen konnte, bin ich um so mehr überzeugt das er komkl.unschultig im Gefängniss gesessen hat.
    Habe rießen Respekt vor Leuten die sich nicht nur vom Geld leiten lassen, sondern von ihren Gefühlen der Gerechtigkeit.
    Bin leider kein Medienprofi, sonst könnte ich noch viel mehr schreiben. Möge die Gerechtigkeit siegen, auch wenn es über Umwege geschieht und sie bitter ist.
    Vielen Dank Herr Lemmer für ihre Berichterstattung, hat uns sehr viel Mut gemacht und wir haben gelernt nicht immer gleich aufzugeben.
    Mfg Ingolf Keil

    Antworten
  2. bitterlemmer sagte:

    Hallo Herr Keil, ich freue mich für Sie und Ihren Schwager. Und das Thema ist längst nicht beendet.

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] da verringerte das Gericht das Strafmaß so, dass der Mann nach dem Revisionsdurchgang gleich freigelassen werden konnte – und ersparte sich damit Haftentschädigung und […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.