Eine loose-loose-Situation: Warum sperrt der Apple-Store in Deutschland eine App, mit der Unbegabte Comics zeichnen können?

Man mag ja verstehen, wenn ein Land kein Schweinepest-verseuchtes Fleisch hineinlassen will. Und die Globalisierung der Warenwelt mag gern auch da ihre Grenzen finden, wo der Transport etwa eines Apfels von einem Ende der Welt zum anderen nur noch überdreht ist. Aber warum darf ich in Deutschland eine bestimmte Software nicht herunterladen und kaufen, die weder gefährlich noch geklaut noch sonstwie schädlich oder illegal wäre?

Ich hatte eine Ankündigung für eine Veranstaltung gefunden, deren Protagonisten die Rettung des Journalismus im Comic-Journalismus sehen. Neu, schräg und spannend. Und für einen völlig untalentierten Zeichner wie mich ein Desaster, falls es wirklich einmal so kommen sollte, dass Comics eine bevorzugte Präsentationsform für journalistische Inhalte werden sollten. Also recherchierte ich herum, ob sich nicht eine App finden ließe, die mir das lästige Zeichnen abnehmen würde. Ich fand eine fürs iPad, was mir eh das liebste war. Sie heißt Comics Hero, bietet eine Palette vorgezeichneter Kopfumrisse, Körperteile, Schuhe und Accessoirs, die man nur noch zusammenstecken und auf passende Größen ziehen muss. Für 4,99 US-Dollar. Her damit, dachte ich, suchte einen Link zur App, klickte ihn und steckte sogleich in der Sackgasse.

Vielleicht nicht der Oberknaller – aber sowas würde ich mit der Comic-App hinkriegen. Wäre ich US-Bürger...

„Der von Ihnen angeforderte Artikel ist zur Zeit nicht im deutschen Store erhältlich“, teilte mir eine Fehlermeldungsmaske mit. Zwar sympathischerweise in alter Rechtschreibung, was das Resultat aber nicht besser macht. E-Mail-Anfragen an Apple und den Anbieter der Software blieben unbeantwortet. Der Grund für das Comic-Software-Embargo gegen Deutschland ließ sich darum nicht ermitteln.

Aber es wirft ein Schlaglicht darauf, wie prägend Ländergrenzen auch in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung sind. Apple ist nicht das einzige Unternehmen, das virtuelle Schlagbäume hinnimmt. Andere, etwa Film- und Musikfirmen, bauen sie aktiv auf. Sie sind dafür verantwortlich, dass auf einem in Europa gekauften DVD-Player lange Zeit in den USA erworbene Scheiben nicht liefen und umgekehrt. Oder dafür, dass manche US-Filme sich partout nicht auf Android-Geräte laden lassen. Oder Bananen: Auf französischen Druck hat die EU sich eine – kein Witz! – Bananenmarktordnung gegeben. Die bestimmt, dass Bananen aus früheren französischen Kolonien bevorzugt verkauft werden dürfen. Für Bananen aus sogenannten Drittländern gibt es eine nur geringe Quote.

Typisch für protektionistische Vorschriften solcher Art ist immer dies: Den Nutzen haben einige wenige Anbieter, den Schaden fast alle. Und wenn die Kartellbrüder nicht aufpassen, fegt der Markt sie im Schnelltempo von der Bühne. DVD-Player gibt es heutzutage auch ohne regionale Beschränkungen, weil virtuelle Videotheken im Netz das Geschäft mit DVD-Scheiben ersetzt haben. Also verlegt sich die Industrie auf politische Lobbyarbeit und kämpft für repressive Urheberrechte. In den USA heißen die aktuellen Gesetzesentwürfe SOPA und PIPA, in Europa und im Rest der Welt ACTA.

Das Resultat ist dasselbe wie bei Bananen und bei Software. Aus Gründen, die für den einzelnen undurchschaubar sind, gibt es manches nur an bestimmten Orten und an anderen nicht. Und undurchschaubar ist manchmal auch, warum die Akteure zu handeln. Die Programmierer von Comics Hero könnten ihr fertiges Produkt ohne jeglichen Mehraufwand auch in Europa zu Geld machen, tun es aber nicht. Aber das passt zum Wesen des Protektionismus. Er ist im Prinzip eine irrationale Dummheit.

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