In Deutschland leben 81,879 Millionen Menschen und geschätzt mehr als 100 Millionen Ratten. Auf jeden Menschen kommen ein bis zwei der Tiere, schätzen Experten. Einer von ihnen, der Berliner Seuchenforscher Sebastian Günther, schlägt jetzt Alarm: Zumindest in Berlin tragen mindestens ein Drittel der drei bis sechs Millionen Hauptstadtratten multiresistente Krankenhauskeime mit sich. Zusätzlich alarmierend: Kaum eine  deutsche Stadtverwaltung sieht die Gefahr. Aussagekräftige Studien gibt es bisher nicht.

Die gängige Art in Deutschland ist die ehemalige Wanderratte Rattus Norvegicus, die längst sesshaft ist und die Art Rattus Rattus verdrängt hat / Zeichnung: Karim-Pierre Maalej via Wikipedia

Seuchenforscher Sebastian Günther von der FU Berlin

Günther ist ein zurückhaltender Mann. Er authorisiert jedes Zitat und lässt seinen Chef seine Aussagen absegnen. „Ich will nicht übertreiben“, beginnt er seinen Exkurs. „Aber wir sehen einen Trend“. Der freilich klingt alarmierend: Günther schätzt, dass mindestens ein Drittel aller Berliner Ratten mit multiresistenten Krankenhauskeimen befallen sind. Im Prenzlauer Berg entdeckte er sogar Kolibakterien vom Typ ST131, die zu einer sich weltweit in Krankenhäusern ausbreitenden Gruppe gehören. Günther: „Wahrscheinlich werden die Tiere aus Krankenhausabwässern infiziert“.

Wirklich harte Zahlen konnte der Forscher bisher nicht ermitteln. Er ging zwangsläufig eher behelfsmäßig vor. Kanalarbeiter und Schädlingsbekämpfer brachten ihm tote Ratten und Hinterlassenschaften der Tiere in sein Labor. Freundschaftsdienste, keine systematische Probensammlung. Immer wieder stieg er selber in die Berliner Unterwelt und sammelte Rattenkot ein. 200 Proben bekam er auf diese Weise zusammen.

Inspiriert hatte ihn ein Papier der Weltgesundheitsorganisation, die Ratten vor allem in Städten für eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit hält. „Da gibt es eine große Gefahr, die wir einfach ignorieren“, sagt der Forscher.

Auch, wenn Günthers Arbeit keine systematische Studie ist: Mehr existiert zu dem Thema schlicht nicht. Darum fordert er: „Wir brauchen dringend ein koordiniertes Forschungsprogramm“. Dafür fehlt bisher das Geld. Dass es sinnvoll wäre, zeigen die Reaktionen deutscher Stadtverwaltungen, die ich mit dem Thema konfrontiert habe. Sie sind höchst unterschiedlich. Einige nehmen die Rattengefahr sehr ernst, andere weniger. Nachfolgend sind sie dokumentiert.

Diese  Frage habe ich gestellt:

Wie schätzen Sie die Gefährdung durch Ratten ein? Sehen Sie Gefahren, die erst in jüngerer Zeit hinzugekommen sind, wie etwa die Infektion von Tieren mit multiresistenten Krankenhauskeimen?

Hier die Antworten:

Harald Zirkel, Sprecher der Stadt Nürnberg: „Die Gefährdung hat sich in letzter Zeit nicht verändert. In sensiblen Bereichen wie z.B. Kinderspielplätzen sind sie (die Ratten) nicht zu dulden“.

David Quosdorf, Sprecher der Stadt Leipzig: „Ratten gehören entsprechend ihrer Lebensweise, Art und Verbreitung zu den Gesundheitschädlingen, d.h. es sind Tiere, durch die Krankheitserreger auf den Menschen übertragen werden können (gem. Infektionsschutzgesetz § 2 Ziff. 13). Darin hat sich bis dato nichts geändert. Ratten, die im urbanen Gebiet vorzugsweise in der Kanalisation leben, haben keine Bedeutung bei Weiterverbreitung bzw. Übertragung sog. multiresisitenter Erreger. Von dieser Problematik sind eher Nutztierbestände betroffen (Antibiotikagabe).“

Katrin Zettler, Sprecherin des Gesundheitsreferats in München: „Ratten können Krankheiten bertragen. Für eine Infektion muss es aber zum direkten Kontakt mit dem Tier und insbesondere mit den Ausscheidungen des Tieres gekommen sein, also zu einer sogennanten Schmierinfektion. Dies ist eher selten der Fall.“

Lothar Pflüger, Sprecher des Ordnungsamtes Kassel: „Fest steht, dass Ratten als Schädlinge gelten, die Krankheiten übertragen können. Daher auch die gesetzliche Regelung für Bekämpfungsmaßnahmen. Weiter gehende Antworten auf Ihre Fragen können Ihnen sicherlich Veterinärbehörden geben.“

Tabea Gernoth-Laber, Sprecherin der Stadt Mannheim: „Die Möglichkeit einer Infektion von Ratten mit multiresistenten Keimen vom Menschen ist durch die räumliche Nähe (Kanalisation) gegeben. Eine Rückübertragung zum Menschen bzw. die Weitergabe bei den gegeben hygienischen Verhältnissen in Deutschland ist wohl eher unwahrscheinlich. Multiresistente Keime verursachen Probleme und Kosten in Krankenhäusern, sie werden da aber nicht geschaffen sondern bei unsachgemäßer Hygiene allenfalls weiterverbreitet.“

Ralph Rohr, Sprecher des Ordnungsamtes Frankfurt/M.: „Ratten sind seit jeher durch ihre Lebensweise (morgens im Kanal, nachmittags auf dem Gartentisch) und den Rattenfloh (potentieller Überträger des Pest) als gefährlich eingestuft. Obwohl durch den angewachsenen weltumspannenden Reiseverkehr das Risiko, dass sich neue Krankheiten schnell verbreiten, stark gestiegen ist, sehen wir keine Erhöhung der Gefahr einer Verbreitung durch Ratten.“

Thomas Wahmes, Sprecher der Rattenfängerstadt Hameln: „Da Hameln als befallsarm gilt, sehen wir hier keine größeren Gefahren.“ Anmerkung: Hameln leistet sich tatsächlich ein umfangreiches Vorsorgeprogramm und bekämpft Ratten kontinuierlicher als andere Städte. In der Kanalisation werden jährlich ein bis zwei Tonnen Giftköder ausgelgt. Wahmes: „Das Kanalnetz wird praktisch komplett belegt“.

Sinje Köpke, Sprecherin des Instituts für Hygiene und Umwelt in Hamburg: „In unseren Breiten ist davon auszugehen, dass die Hantavirusinfektion und die Leptospirose reale Gefahren darstellen. Wird eine Ratte in die Enge getrieben, kann sie aggressiv reagieren und unter Umständen auch beißen und somit das sogenannte Rattenbissfieber übertragen. Ferner sind sie Reservoirtiere für Zecken und spielen somit indirekt eine Rolle bei der Übertragung der Borrelienbakterien auf den Menschen. Insgesamt spielte die Ratte als Überträger von Infektionskrankheiten in den letzten Jahrzenten aber eine eher untergeordnete Rolle, da durch die kontinuierlichen Bekämpfungsmaßnahmen ein direkter Kontakt mit dem Menschen eher selten war und ist. Dieses kann sich aber je nach übertragener Erregerart und dessen Virulenz jederzeit wieder ändern. Eine deutlich größere Rolle spielen vor allem die durch die Ratte verursachten wirtschaftlichen Schäden in der Vorratshaltung sowie im Bau- und Sielwesen.“ Anmerkung: Hamburg ist die einzige Stadt, in der jedermann verpflichtet ist, die Sichtung von Ratten an die Behörden zu melden.

Ralf Peterhanwahr, Sprecher der Stadt Mainz: „Eine solche Frage müssen Experte aus dem Veterinärwesen oder Gesundheitsbehörden beantworten. Sollten von solchen Fachstellen Signale mit neuen Erkenntnissen geäußert werden, wird man sich die Hinweise und mögliche Hinweise für Gegenmaßnahmen im Detail erläutern lassen.“

Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart: „Neue Gefahren durch Ratten sind hier nicht bekannt. Dass multiresistente Krankenhauskeime durch (wildlebende) Ratten übertragen werden, ist nicht bekannt. Die Verbreitung von multiresistenten Krankenhauskeimen erfolgt aufgrund anderer Mechanismen, z. B. wie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ausreichend angewandte/umgesetzte hygienische Leitlininien oder nicht sachgerechte antibiotische Therapien.“

Karla Götz, Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung in Bremen: „Ratten im öffentlichen Raum stellen primär ein ästhetisches Problem dar wie z.B. Auslösen von Angst oder Ekel. Eine konkrete Gefährdung durch einen Angriff der Tiere auf den Menschen ist nur in sehr seltenen Einzelfällen vorgekommen. Eine Übertragung von multiresistenten Krankenhauskeimen von der Ratte auf den Menschen ist eher hypothetisch und nach unserem Wissen bisher nicht vorgekommen. Erstens müsste sich eine Ratte mit dem Keim infizieren (z.B. auf einer Intensivstation) und zweitens müsste sich die kontaminierte Ratte von einem Menschen streicheln lassen. Beide Szenarien sind wenig realistisch. Eine indirekte Kontamination der Ratte im Kanalsystem durch z.B. erregerhaltige menschliche Abfälle und eine weitere Verbreitung des Erregers wäre da schon eher denkbar. Derartiges ist aber eher spekulativ und in der Realität bisher nicht vorgekommen. Aus infektiologischer Sicht sind hier die Fäkalien im öffentlichen Raum, verursacht durch Hunde, Katzen oder Tauben ein sehr viel konkreteres und vor allem reales Problem.“

Anke Hoffmann, Sprecherin der Stadt Dresden: „Zum Glück sind die hygienischen Wohnverhältnisse im Allgemeinen in Deutschland so gut, dass nur selten direkter Ratten-Mensch-Kontakt besteht und damit nicht von einer besonderen Infektionsgefahr ausgegangen werden muss. Personen, die beruflich in Bereichen mit einer solchen Infektionsgefahr tätig sind, werden aus Gründen des Personalschutzes angehalten, entsprechende Schutzkleidung und Schutzhandschuhe zu tragen und in Arbeitspausen oder nach Arbeitsende die Hände gründlich zu waschen. Die Verbreitung von multiresistenten Krankenhauserregern erfolgt in erster Linie über die Patienten, das Krankenhauspersonal, durch unsachgemäßen Umgang mit Wäsche, Abfall u.ä. und nicht über die Ratten.“

Regina Kneidung, Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin: „Wanderraten sind seit Jahrhunderten aufgrund ihrer Lebensweise und -räume als Träger von pathogenen Keinem bekannt und gelten als Gesundheitsschädlinge gem. Begriffsbestimmung Infektionsschutzgesetz § 2 Nr.12. Wanderatten als Überträger von multiresistenten Krankenhauskeimen spielen keine Rolle, da hierfür andere Übertragungswege infrage kommen.“ Anmerkung: Berlin jagt Ratten nur bei konkreten Vorfällen. Eine Meldepflicht gibt es nicht, wohl aber zahlreiche Beschwerden. Letztes Jahr (2010) gab es in Berlin 4577 Aktionen, bei denen Giftköder ausgelegt wurden.

Die Recherche für diesen Beitrag habe ich im Auftrag der B.Z. geführt.

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