Die Fakten. In der Nacht auf Montag umstellten libysche Polizisten die Botschaft der Schweiz in Tripolis. Sie drohten damit, die diplomatische Vertretung unseres Nachbarlandes zu stürmen. Libyens Außenminister sprach von “Maßnahmen”, die ergriffen würden, sollte der Schweizer Geschäftsmann Max Göldi nicht die Botschaft verlassen und sich der Polizei stellen. Göldi ist einer der beiden Schweizer, die im Sommer 2008 in Libyen festgenommen und zu 16 Monaten Haft und 1100 Euro Geldstrafe verurteilt worden waren. Die beiden hatten das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Kurz davor hatte die Polizei in Genf den Sohn Gadhafis, Hannibal, und seine Frau festgenommen, weil sie zwei Hausangestellte verprügelt hatten. Die Festnahme der beiden Schweizer war offenbar ein Racheakt von Vater Muammar, der zur Satisfaktion seines Sohnes wenig später dann auch vor der Uno die Zerschlagung der Schweiz und die Aufteilung ihres Territoriums unter den Nachbarn Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich forderte.

Zurück zur Nacht auf Montag: Die Drohung der bewaffneten libyschen Staatsmacht gegen die Schweizer Botschaft alarmierte die Botschafter einiger anderer Länder, darunter Österreichs. Sie begaben sich in das Gebäude der Schweizer Vertretung, so dass eine gewaltsame Erstürmung für Libyen eine teure Angelegenheit geworden wäre. Ob der deutsche Botschafter unter den Beschützern war, ist nicht bekannt. Am Vormittag gab Geschäftsmann Göldi schließlich klein bei. Er verließ das Gebäude. Bewaffnete Männer fesselten seine Hände und verfrachteten ihn in ein ziviles Auto. Gefolgt von Polizeiwagen fuhr die Eskorte in ein Gefängnis, wo er jetzt gefangen gehalten wird.

Der Hintergrund. Möglicherweise ist Göldis Fahrt ins Gefängnis eine Art Freilassung auf Umwegen. Die Zeitungen schreiben, er könne jetzt mit Hilfe eines Anwalts und eines Übersetzers ein Gnadengesuch an Gaddafi senior richten. Aufgrund vertraulicher diplomatischer Kungelei in den letzten Wochen sei so ein Weg gefunden worden, die beiden Schweizer frei zu bekommen und gleichzeitig einen Gesichtsverlust Gadhafis zu vermeiden. Der zweite Schweizer durfte bereits ausreisen. Er verließ Libyen in einem Auto Richtung Tunis und kehrt dieser Tage in die Schweiz zurück.

Der diplomatische Skandal. Dass ein Unschuldiger in den Knast gesteckt wird, damit ein irrer, gewalttätiger Diktator sein Gesicht wahren kann, ist absurd. Gadhafi gehört nicht an den Verhandlungstisch, sondern in die Isolation. Dass eine Kategorie wie “Gesichtswahrung” überhaupt ernsthaft zwischen Staaten verhandelt wird, ist zudem hochgradig lächerlich. Wer sich so auf so etwas einlässt, begibt sich auf Kindergartenniveau.

Der Medienskandal. Man musste schon die Schweizer NZZ lesen, um die Dimension des Vorgehens gegen die Schweiz erfassen zu können. Die linksliberale Süddeutsche Zeitung überschrieb ihren Artikel zum Thema mit “Gaddafi lässt eine Schweizer Geisel laufen”. Diese Überschrift ist hochgradig manipulativ und verstößt gegen das journalistisch-handwerkliche Prinzip, die Dinge zuzuspitzen und auf den Punkt zu bringen. Die Kollegen fühlten sich offenbar eher als vierte diplomatisch-staatliche Gewalt denn als unabhängige Journalisten. Die SPD-nahe Frankfurter Rundschau ignorierte das Thema komplett. In Maßen verharmloste auch die FAZ, die titelte: Schweizer tritt Haft in Libyen an. Das stimmt zwar, suggeriert aber Freiwilligkeit, von der angesichts der auf die Botschaft gerichteten Gewehrläufe keine Rede sein konnte. Im Text informiert die FAZ immerhin über die wesentlichen Fakten, auch das libysche Ultimatum und die drohende Stürmung, die die Süddeutsche ihren Lesern verschwieg. Akzeptabel war der Bericht der Welt. Deren Überschrift lautete: Libyen erzwingt Übergabe von Schweizer Geschäftsmann, was der Wahrheit wohl am nächsten kommt. Keine deutsche Zeitung, auch die Welt nicht, wagte es allerdings, das Thema angemessen groß aufzubereiten. In der Welt war es ein Mittelstück zwischen dem Seitenaufmacher über irgendwelche neuen Kalamitäten zwischen der Hamas und Ägyptens Staatsführung und einem Kellerstück über die iranische Ankündigung, neue Uran-Anlagen zu bauen. Es ist offensichtlich, dass das Auswärtige Amt die Redaktionen aufgefordert hatte, das Thema klein zu halten. Dass die Redaktionen da mitspielen, ist skandalös, zumal derartige Rücksichten nicht gelten, wenn die Schweiz von deutschen Politikern an den Pranger gestellt wird. Die deutschen Übergriffe auf die Schweizer Innenpolitik, zu der die Bankengesetze gehören, oder die verächtlichen Kommentare nach der Volksabstimmung zum Minarettverbot klingen inzwischen so, als sei die Schweiz der Schurkenstaat und nicht Libyen. Demnach wäre Gaddafi wohl der General von Fort Yuma, der die von Ex-Finanzminister Steinbrück bestellte Kavallerie befehligt.

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