Angaangaq Angakkosuaq in Berlin

Vor vielen Jahren habe Brigitte Bardot ihm einen Heiratsantrag gemacht, erzählt der Schamane Angaangaq Angakkosuaq aus der Eskimo-Familie der Lalaallit im Norden Grönlands. Wir sitzen in der Lobby eines Berliner Hotels, und ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört. Brigitte Bardot? Die einstige Femme Fatale, die schöne Blonde, die die Blicke der Männer auf sich zog? Genau die, bekräftigt Angaangaq, und er habe den Antrag zurückgewiesen. Wieso das? Weil sie Vegetarierin sei. Dann erzählt er, gerade einen Tag zuvor habe er einen Disput mit einer schönen jungen Frau ausgetragen, ebenfalls Vegetarierin. Vermutlich liegt der Anteil an Vegetariern unter westlichen Umweltaktivisten deutlich höher liegt als an der Gesamtbevölkerung, und Angaangaq wurde von einem Ökostromanbieter nach Berlin gebracht, um über den Klimawandel und seine Folgen zu sprechen und ihn mit der Öko-Szene hier zu vernetzen. Da sind kulturelle Missverständnisse wohl unvermeidlich.

“Ich sprach über die Jagd”, erzählt Angaangaq. Die junge Dame habe offenbar nicht verstanden, dass er ein “menschliches Wesen sei wie andere auch”. Ein solcher Satz liest sich aggressiv, aber Angaangaq spricht ihn sehr entspannt aus und wirkt dabei eher milde. “Natürlich hat sie jedes Recht, Vegetarierin zu sein”, fügt er hinzu. Aber “auch ich brauche Frühstück, Mittag- und Abendessen, und das kann ich nur erjagen”. In seinem Land gebe es nun mal keinen Boden, auf dem er Salat pflanzen könne, darüber habe sie womöglich nicht nachgedacht.

Überhaupt mag Angaangaq klare und bildhafte Worte mit sehr praktischen Bezügen. Eine Stadt wie Berlin oder die industrialisierte Welt sieht er aus der Distanz eines Menschen, dessen Umwelt ganz anders aussieht als unsere. Die Dichte, die zusammengeballten Menschenmassen, der Verkehr – all das nennt er die “Vergewaltigung der Mutter Erde”. Einmal sagt er einfach nur: “Drei Millionen Menschen in Berlin” und setzt dann eine Pause, als sei das ein Statement und nicht nur ein nackter Fakt, was wiederum erst dann verständlich wird, wenn man weiß, dass die Sprache der Inuit nur Zahlen bis zwölf kennt und ab der 13 auf dänisch gezählt wird.

Angaangaqs Bezugspunkt ist eindeutig die Natur. “In einem unserer Gebete heißt es, gehe behutsam über die Mutter Erde. Sie ist unsere Mutter. Sie gibt den Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen das Leben.” Viele Menschen, sagt er, würden nicht verstehen, wie groß und vielfältig die Erde sei. Mit dem Erstaunen eines Mannes, der ganz anders lebt als ein Mitteleuropäer, spricht er über die Massenaufzucht von Kühen und Schweinen. “Die haben kein Sex-Leben”, sagt der Schamane, würden auf kleinstem Raum gehalten, künstlich besamt und schnell verkauft.

Dann erzählt er über den Braunbären Bruno, der im Juni 2006 im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet erlegt wurde. “In meinem Land wären wir begeistert gewesen, wenn uns so ein Besucher die Ehre erweist”, sagt Angaangaq. “Wir hätten ihn begrüßt und mit ihm gesprochen”. Die Deutschen dagegen hätten zehn finnische Jäger eingeflogen, um ihn zu töten. “85 Millionen Menschen gegen einen Bären – und dann holen sie Jäger aus Finnland, weil sie sich vor ihm fürchten. Das zeigt, wie unterentwickelt das Verhältnis zu dieser unglaublich schönen und starken Mutter Erde ist.”

Bildhaft und anschaulich ist auch, was er von seiner Heimat erzählt, von den Veränderungen, die er seit seiner Kindheit sieht und spürt. Es gebe immer mehr “neue Tiere”, die sich dort niederlassen. Europäische Wildgänse, die seit ein paar Jahren auch den Winter in Grönland verbringen, früher aber immer in wärmere Gefilde zogen. Neue Insekten, die er vorher nie gesehen hat, neue Fische, die er früher nie gefangen hat. “Wir sind von den Tieren abhängig”, sagt er und wiederholt, was er der schon erwähnten Vegetarierin beizubringen versuchte. “Wir können nichts anbauen. Darum ist es für mich wichtig, die Tiere zu kennen. Aber für diese neuen Tiere haben wir nicht einmal Namen. Ich weiß nicht, ob man sie essen kann oder ob sie unsere eingesessenen Tiere essen. Das sind für uns wirklich wichtige Fragen.”

Dass diese Veränderungen mit verändertem Klima zu tun haben, steht für ihn fest. Auch andere Folgen seien unübersehbar. Vor einigen Jahren hätte er auf Schlitten zu entfernten Siedlungen reisen können, jetzt nicht mehr, weil vielerorts das Eis verschwunden sei. “Das Zusammenleben der Menschen hat sich verändert, Traditionen haben sich verändert, die Kultur verändert sich gerade.” Was wir heute in Deutschland tun, sei morgen in Grönland zu spüren, sagt er und mahnt “Weisheit” an. Was er damit meint, ist nicht so leicht zu ergründen, aber ein Anliegen wird sehr deutlich: Europa möge die Eskimos so leben lassen, wie sie es immer taten, ihnen keine unnötigen Vorschriften machen und ihre Traditionen bis hin zur Robbenjagd respektieren.

Die Überraschung zum Schluss ist dann sehr von dieser Welt: Angaangaq hat während seines Berlin-Besuchs kräftig gefroren, was man von einem Eskimo vermutlich nicht erwartet. Das liege an der hohen Luftfeuchtigkeit, sagt er. Außerdem war es in Berlin gerade wirklich bitterkalt – minus 14 Grad, während das Thermometer in seiner Heimat im Norden Grönlands nur minus 4 Grad zeigte.

Angaangaqs Homepage: klicken

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