Es ist wirklich schade, dass wir in Deutschland immer so abseits stehen, wenn die wirklich spannenden Dinge sich entwickeln. Das war mit dem Personal Computer so, dann mit dem Internet, mit der populären Musik- und Filmkultur sowieso und auch mit dem Journalismus. Die handwerklichen Trends kommen ja schon seit langem aus den USA, angefangen von der Standard-Gliederung einer Nachricht, die laut anekdotischer Historie im 19. Jahrhundert während des Sezessionskriegs entstand. Die Kriegsreporter waren auf unzuverlässige Telegraphenverbindungen angewiesen und gewöhnten sich darum an, ihre Geschichten nicht chronologisch an die Redaktionen zu tickern, sondern erstmal das neueste und wichtigste Ereignis zu berichten. Dann war wenigstens das erstmal angekommen und der nächste Leitungsausfall nicht ganz so schlimm. Aus dieser Not entwickelte sich der bis heute gängige Aufbau einer Nachrichtenmeldung. Das Neueste und Wichtigste steht am Anfang.

omidyarJetzt steht wieder ein Umbruch an, und wieder kommt er von der anderen Seite des Atlantiks. Ein milliardenschwerer Internet-Investor verbindet sich mit einem weltberühmten Enthüllungsjournalisten, und gemeinsam wollen sie den bisherigen Journalismus aus den Angeln heben. Der Investor heißt Pierre Omidyar. Er ist der Sohn wohlhabender iranischer Eltern, die nach Frankreich emigrierten. Omidyar wurde im Juni 1967 in Paris geboren und lebt heute in Las Vegas. Er studierte an amerikanischen Universitäten und arbeitete für die Softwarefirma Claris. Die ist Apple-Nutzern der ersten Stunde ein Begriff, weil sie großartige Office-Programme für das damalige Mac-Betriebssystem produzierte. Später machte er sich selbständig. 1995 programmierte er eine Webseite, auf der Sammler ihre Stücke kaufen und verkaufen konnten. Daraus wurde dann eBay. Seit er eBay an die Börse brachte, ist Omidyar Milliardär. Jetzt gibt er 250 Millionen Dollar aus und investiert in ein hochkarätiges journalistisches Enthüller-Projekt, dem bislang drei Journalisten angehören, unter ihnen Glenn Greenwald.

greenwaldGreenwald ist der, der für den Guardian und andere Zeitungen die Enthüllungsstorys über Whistleblower Edward Snowden brachte. Ganz egal, ob man Snowden für einen Held oder einen Gangster hält – die Geschichte war der weltweite Scoop des Jahres 2013. Greenwald stammt aus New York, lebt aber in Rio de Janeiro. Er wurde ebenso wie Omidyar 1967 geboren, studierte Jura und arbeitete als freier Reporter und Kolumnist für mehrere Zeitungen, darunter die New York Times, die Los Angeles Times und für ein Magazin namens American Conservative. Greenwald schrieb Artikel, in denen er etwa der amerikanischen Gesellschaft offen gelebte und doktrinär als gut bewertete Ungleichheit vorwirft – etwa hier. Greenwald wechselte dann als Kolumnist zum britischen Guardian, was damit zu tun hatte, dass der Guardian sich vom britischen Zeitungstitel zur globalen Medienmarke entwickeln möchte und sich vor allem den US-Lesermarkt vorgenommen hat. Da war Greenwald als linker US-Journalist genau der richtige Mann. Dass Greenwald dann auch noch die Snowden-Story mitbrachte war ein echter Glücksfall und dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Guardian-Strategie aufzugehen scheint. Die gedruckte Zeitung verkauft derzeit noch 200.000 Exemplare täglich, Tendenz sinkend, nicht anders als überall auf der Welt, auch in Deutschland. Dafür hat der Guardian im Internet eine Leserschaft von sagenhaften 36 Millionen Menschen.

Man ahnt, dass Omidyan und Greenwald an einer publizistischen Macht arbeiten, die sich von niemandem kontrollieren und disziplinieren lassen will und die über annähernd unbegrenzte Ressourcen verfügt. Glenn Greenwald hat in einem lesenswerten E-Mail-Disput mit NYT-Koumnist Bill Keller deutliche Kritik am traditionellen Medienbetrieb geübt, den er für viel zu angepasst hält und der sich damit selber entbehrlich gemacht habe. Greenwald:

Diese erstickende Enge, die Reporter in ihren Worten beschränkt, produziert eine selbstkastrierende Form des Journalismus. Der wird dann so einflusslos wie langweilig. Es ist ein Fehler, Folter nicht „Folter“ zu nennen, nur, weil Regierungs-Offizielle einen freundlicheren Euphemismus dafür verlangen. Oder die bequeme Gleichsetzung einer falschen Aussage mit einer richtigen. So etwas nimmt dem Journalismus seine Leidenschaft, seine Brillanz, Vitalität und Seele.

Da ist was dran. Greenwald rebelliert im Grunde gegen all diese versteckten Tagesordnungen, die in den traditionellen Medien völlig normal geworden sind, in den USA nicht anders als bei uns in Deutschland. Damit meine ich noch nicht einmal die stillen Absprachen mit großen Werbekunden, die für treue Umsätze hier und da mit einem Feature getätschelt werden – so etwas gab es immer, und es ist nicht wirklich tragisch. Schlimmer sind die Einflüsse und Spielregeln, die die politische Macht den Medien einfach vorknallt. Dazu zähle ich:

  • Die absurde Konvention, den Sprecher eines Ministeriums oder einer großen Behörde nicht mehr mit Vor- und Nachnamen zu nennen, sondern nur noch anonymisiert als „ein Sprecher“.
  • Den Gehorsam, den jeden Journalisten befällt, wenn ein solcher anonymer Behördensprecher einzelne seiner Sätze als „zitierbar“ oder „nicht zitierbar“ freigibt oder sperrt.
  • Die Praxis, wörtliche Interviews nachträglich „autorisieren“ zu lassen – was nichts anderes ist, als sie nachträglich vom Protagonisten umfrisieren zu lassen.
  • Der  Blick der Journalisten auf die Welt mit den Augen der Macht – was etwa dann deutlich wird, wenn Medien hohe Steuereinnahmen des Staates als gute Nachricht präsentieren.
  • Die manchmal unsäglichen Wortkrämpfe, die uns Amtsträger aus Gründen politischer Korrektheit verordnen.

Natürlich hält Bill Keller tapfer dagegen und weist zurecht auf große investigative Geschichten etablierter Zeitungen hin – voran Watergate als Symbol des Enthüllungsjournalismus. Und Keller hat natürlich Recht, wenn er Greenwald vorhält, dass er seinen größten Scoop – die Snowden-Enthüllungen – mit Unterstützung des guten, alten, britischen Guardian stemmte. Aber gerade der Guardian macht ja vor, wie die Zukunft einer Zeitung in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung aussehen könnte: Global ausgerichtet, als weltweites Nachrichten- und Enthüllungsportal.

Genau das ist auch die Idee hinter dem von Omidyar finanzierten Journalismus-Projekt mit Greenwald. Omidyar wird dabei vermutlich nicht nur die Rolle eines stillen Geldgebers spielen. Journalismus fasziniert ihn schon länger. Eines seiner Projekte ist schon seit längerem am Markt, das Portal Honolulu Civil Beat, das für die Bewohner des Bundesstaates Hawaii gemacht ist und sich mit investigativen regionalen Themen beschäftigt. Die grundsätzliche politische Ausrichtung ist links. Das dürfte beim Greenwalt-Projekt nicht anders sein. Dort sind auch die in Berlin lebende Dokumentarfilmerin Laura Poitras und der journalistische Linksaußen und Kriegsberichterstatter Jeremy Scahill dabei.

Nachahmer dürften sich schnell finden, schon deshalb, weil es manchem nicht gefallen dürfte, dass die journalistische Globalisierung gerade von Linken vorangetrieben wird. Es gibt genug Enrepreneure, die politisch konservativ oder liberal eingestellt sind, und es hat noch nie ein Geschäft gegeben, das im Erfolgsfall nicht zügig seine Herausforderer gefunden hätte. Sollte Omidyas Modell des linken investigativen Journalismus aufgehen, dann würden die konservativen oder liberalen Konkurrenten bald ebenfalls online gehen.

Es wäre eine gute journalistische Welt. Jedes Portal würde seine Lieblingsfeinde in Schach halten. Die einen die US-Regierungen, die anderen die Herren in Russland, China, Nahost oder – was aktuell gerade fehlt – Ukraine. Es wäre ein neues journalistisches Geschäftsmodell – global, flexibel, von niemandem zu stoppen und damit so unabhängig und frei, wie Presse sein sollte. Und wenn schon nicht in Deutschland, dann wenigstens im Rest der Welt.

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