Daeng Khamlao

Als kleines Kind kam Daeng Khamlao mit ihrer Mutter nach Deutschland. Ihre Eltern vergaßen einen Eintrag in ihrem Kinderpass und das Original ihrer Geburtsurkunde. Als Konsequenz ist ihr Aufenthaltsstatus bis heute ungeklärt – und, dank zusätzlicher Behördenschlamperei, auch der ihres Sohnes (2), der eigentlich deutscher Staatsbürger ist.

Die Schauspielerin Daeng Khamlao (27, Foto) benennt ihre Herkunft eher drastisch. Sie sei die Tochter einer „thailändischen Katalogfrau“. Als sie vier Jahre alt war, holte die Mutter sie nach Deutschland. Inzwischen hat sie selber einen zweijährigen Sohn, Carl. Vater des Kindes ist ihr früherer Lebensgefährte, der prominente Berliner Gastronom und Konzertveranstalter Falk Walter (Admiralspalast, Badeschiff, Arena). Die beiden leben getrennt, sind aber weiter freundschaftlich verbunden. Neuerdings kämpft Daeng um ihren Aufenthaltsstatus. Sie und ihr Sohn halten sich illegal in Deutschland auf, teilte ihr vor einigen Wochen die Berliner Ausländerbehörde mit. Jetzt wurde auch das Kindergeld gestrichen. Vorläufiger Höhepunkt eines jahrelangen kafkaesken Marathons durch deutsche und thailändische Amtsstuben.

Eine Nachlässigkeit ihrer Mutter und ihres deutschen Stiefvaters stehen am Anfang des Desasters. Ihre Mutter hatte sie nach Deutschland geholt, nachdem sie einen Mann im hessischen Lauterbach geheiratet hatte. Ihre Mutter erwarb mit der Heirat eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Die hätte Daeng heute auch – wenn denn der Status der Mutter seinerzeit in ihrem Pass vermerkt worden wäre.

Die Folgen bekam sie als 16-Jährige erstmals mit Wucht zu spüren. Die Mutter hatte sich von ihrem Mann getrennt und war nach Thailand zurückgekehrt. Daeng blieb in Hessen. Eines Tages, erzählt sie, bekam sie eine Vorladung zur Ausländerbehörde. Der Beamte dort wollte wissen, wie sie ihr Geld verdiene. Sie müsse Verdienstnachweise vorlegen, wenn sie in Deutschland bleiben wolle. Sie sei Schülerin, habe sie geantwortet. Für ihren Unterhalt sorge ihr Stiefvater, in dessen Haus sie lebe. Es folgten weitere Vorladungen und Schriftwechsel. Am Ende begleitete der Stiefvater sie aufs Amt. Dort unterschrieb er ein Formular als Erziehungsberechtigter. Die Behörde erteilte ihr eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis, die seitdem alle zwei Jahre verlängert wurde. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Die letzte Befristung lief Anfang Dezember dieses Jahres ab – aber diesmal wurde sie nicht wie sonst verlängert.

Als Daeng am 1. Dezember 2009 bei der Ausländerbehörde am Weddinger Friedrich-Krause-Ufer vorsprach, hatte die Sachbearbeiterin gleich zwei unerfreuliche Überraschungen parat. Anders als gedacht besitze ihr Sohn keine deutsche Staatsangehörigkeit. Außerdem sei ihr Einkommen zu niedrig für sie und das Kind. Darum werde ihre Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert.

Beide Gründe, die die Bearbeiterin nannte, bedürfen der Erklärung.

Aus einer festen Teilzeitstellung und den Unterhaltszahlungen des Vaters verfügt Daeng über ein monatliches Bruttoeinkommen von 1500 Euro. Hinzu kommt – bisher – das Kindergeld in Höhe von 164 Euro. An Steuern und Sozialabgaben zahlt sie etwas mehr als 400 Euro. Netto verfügt sie über 1300 Euro. Für zwei Zimmer in ihrer Kreuzberger Wohngemeinschaft bezahlt sie monatlich 300 Euro Miete. Der Rest, etwa 1000 Euro, ist frei verfügbar für Essen, Trinken, Kita und sonstiges. Sie komme damit problemlos aus, sagt sie.

Die Bearbeiterin der Ausländerbehörde sieht das anders. Sie tippte die Daten in ein Formular auf ihrem Computerbildschirm und teilte dann mit, nach amtlicher Festlegung sei das zu wenig. Es fehlten 90 Euro am Nettobetrag. Es spiele keine Rolle, ob das Geld im wirklichen Leben reiche oder nicht. Für das Recht, in Deutschland zu leben, gelte allein, was die amtliche Tabelle errechne. Welches Bruttoeinkommen nötig ist, um auf das geforderte Netto zu kommen, konnte sie auf Nachfrage nicht sagen. Sie könne nur überprüfen, was die Antragstellerin vorlege und dann feststellen, ob es reiche oder nicht.

Anschließend blätterte die Bearbeiterin die Akte auf und widmete sich Sohn Carl. Auf der Geburtsurkunde sei der Name des Vaters nicht vermerkt. Daher sei Carl kein deutscher Staatsbürger, sondern Thai. Er halte sich illegal in Deutschland auf, ebenso wie nunmehr auch die Mutter.

Dass die Geburtsurkunde von Carl Khamlao unvollständig ist und er somit kein kleiner deutscher Staatsbürger, haben allerdings Behörden zu verantworten, und zwar das Bezirksamt Kreuzberg-Friedrichshain und das Einwohneramt in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Carl wurde am 2. Oktober 2007 im Vivantes-Klinikum Friedrichshain geboren. Die Klinik meldete die Geburt an das zuständige Bürgeramt Kreuzberg-Friedrichshain. Dorthin begaben sich im Februar 2008 beide Eltern und versuchten, die Geburtsurkunde für das Kind zu erhalten. Sie scheiterten.

Denn der Beamte erklärte, er benötige die Originale der Geburtsurkunden beider Elternteile. Vater Falk Walter konnte damit dienen, Mutter Daeng Khamlao nicht. Sie besitzt seit jeher nur eine beglaubigte Kopie ihrer thailändischen Geburtsurkunde. In den darauffolgenden Monaten widmete sie sich der Herausforderung, ein Original aus Thailand zu besorgen. Über die thailändische Botschaft in Berlin schickte sie Vollmachten an einen Bekannten in Bangkok. Dafür waren mehrere Anläufe nötig. Da Daeng nicht thailändisch spricht, die Botschaftsmitarbeiter dafür kaum deutsch oder englisch, waren die ersten Übersetzungen der Vollmacht fehlerhaft. Schließlich hielt ihr Bekannter in Bangkok ein korrektes Exemplar in der Hand. Das Bangkoker Einwohneramt verweigerte ihm dennoch die Herausgabe eines Originaldokuments. Das sei nach den thailändischen Gesetzen nicht möglich. Er könne lediglich eine Kopie erhalten.

Im August 2008 suchte Daeng erneut das Kreuzberger Amt auf und beschrieb die Lage: Das Original ihrer Geburtsurkunde sei nicht zu beschafften, die Bedingung für die Ausstellung der Geburtsurkunde ihres Sohnes damit nicht zu erfüllen. Die Sachbearbeiterin habe dann eine Schublade geöffnet und die Geburtsurkunde ihres Sohnes Carl in dreifacher Ausfertigung herausgezogen, ihr übergeben und gemeint, die liege da schon seit etlichen Monaten. Sie habe sich gewundert, warum die keiner abhole.

Fatalerweise bemerkte Daeng nicht, dass auf der Geburtsurkunde der Name des Vaters Falk Walter fehlte – bis sie dann am 1. Dezember 2009 bei der

Ausländerbehörde damit konfrontiert wurde. Anschließend eröffnete ihr die Sachbearbeiterin, sie werde noch einmal für sechs Monate in Deutschland bleiben dürfen. Diese Zeit müsse reichen, um ein höheres Einkommen nachzuweisen und eine neue Geburtsurkunde für Sohn Carl vorzulegen – mit dem Namen des Vaters.

Gleichzeitig nahm die Ausländerbehörde offenbar Kontakt mit der Berliner Familienkasse auf. Schon das Dezember-Kindergeld landete nicht mehr auf Daengs Konto. Als sie sich telefonisch danach erkundigte, teilte der Mitarbeiter ihr mit, sie habe darauf keinen Anspruch mehr, weil ihr Aufenthaltsstatus sich geändert habe.

Die Entscheidung, das Kindergeld zu streichen, hatte die Familienkasse also blitzartig gefällt und in die Tat umgesetzt. Umgekehrt hatte es bedeutend länger gedauert. Das erste Mal zahlte das Amt, als Carl bereits 16 Monate alt war. Daeng Khamlao hatte monatelang insgesamt drei identische Anträge eingereicht. Auf Nachfragen war sie immer damit vertröstet worden, ihr Fall sei noch nicht bearbeitet worden. Schließlich ging sie hin. Nach zweistündigem Warten und ergebnislosem Gespräch mit einer hilflosen Sachbearbeiterin landete sie bei einem Vorgesetzten, der sich die Akte kommen ließ. Als er sie aufschlug, fanden sich darin alle drei Anträge, säuberlich vorbereitet, die Portraitfotos aus den Passkopien ausgeschnitten und in Formulare geklebt. Und dann, wie Daeng sarkastisch sagt: „Abgeheftet und weggestellt“. Der Vorgesetzte entschuldigte sich und räumte ein, ihr Anliegen sei nicht angemessen gewürdigt worden. Immerhin zahlte die Familienkasse dann anstandslos das Kindergeld für jeden Monat seit Carls Geburt nach. Bis zum neuerlichen Zahlungsstopp.

Keine Schwierigkeiten gibt es mit dem Finanzamt. Wenigstens Steuern und Abgaben sind dem Staat willkommen, die Daeng Khamlao auf ihr nach Ansicht der Ausländerbehörde zu niedriges Einkommen zahlt. Und willkommen ist sie auch als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Union Hilfswerks. In dessen Pflegeheim an der Stallschreiber Straße in Keuzberg kümmert sie sich um tüttelige alte Damen und alkoholkranke Männer.

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