Sonntagsreden sind das eine. Vor einiger Zeit veranstaltete der Bund Deutscher Kriminalbeamter gemeinsam mit der Techniker-Krankenkasse in Erfurt einen Kongress zum Thema Kindesmisshandlung. Ein Ermittler zeigte grausame Bilder von Kindern, die verpr√ľgelt, zerkratzt, mit S√§ure √ľbergossen, verbr√ľht oder verbrannt worden waren. Auch die Chefin der Jenaer Rechtsmedizin, Gita-Else Mall, war da. Sie wird in der Ost-Th√ľringischen Zeitung mit diesem Satz zitiert: “Wir haben uns zur Regel gemacht, auch die kleinen Verletzungen wie H√§matome der Kinder anzuzeigen.”

Die Praxis ist das andere. Am 23. September 2009 wurde die damals vierjährige Lea aus Meiningen in die Kinder-Chirurgie des Uni-Klinikums Jena eingeliefert. Bei einer Reihenuntersuchung im Kindergarten waren Hämatome im Gesicht, Verletzungen an den Ohren und eine Biss-Spur am Gesäß aufgefallen. Die Fingernägel des Mädchens waren vollständig abgekaut, die Nagelbetten blutig gebissen.

Wenig sp√§ter soll die Mutter in der Klinik aufgetaucht sein und lautstark die sofortige Herausgabe ihrer Tochter verlangt haben. Dem haben einige der √Ąrzte offenbar nachgegeben, m√∂glicherweise deshalb, weil ihnen die herumschreiende Mutter auf die Nerven ging und sie sie loswerden wollten.

Die Staatsanwaltschaft Meiningen teilt auf Anfrage mit, das M√§dchen sei mehrfach von der Direktorin der Klinik f√ľr Kinderchirurgie untersucht worden, zwei Tage sp√§ter auch von der Direktorin des Rechtsmedizin-Instituts Jena. Wenig sp√§ter er√∂ffnete die Justiz ein Ermittlungsverfahren gegen Leas Mutter und ihren Lebensgef√§hrten, der nicht der leibliche Vater ist. Lea wird w√§hrenddessen in einem Kinder- und Jugenddorf untergebracht.

Die Ermittlungen ziehen sich √ľber Monate hin, was die Lage f√ľr das M√§dchen nicht erleichtert.¬† Sollte Lea zu Hause misshandelt worden sein, so musste sie monatelang f√ľrchten, ihrem Peiniger wieder ausgeliefert zu werden. Sollte sie nicht misshandelt worden sein, w√§re sie ohne wirklichen Grund aus ihrer Umgebung gerissen worden.

Erst am 16. April 2010 erteilt die Staatsanwaltschaft den formalen Auftrag zur Erstellung des Gutachtens. Am 1. Juni 2010 ist es fertig, am 10. Juni trifft es bei der Staatsanwaltschaft ein. Seitdem ist mehr als ein dreiviertel Jahr vergangen, ein Geburtstag und ein Weihnachten eingeschlossen. W√ľrden Staatsanw√§lte und Mediziner so viel Geduld auch akzeptieren, wenn es um ihre eigenen Kinder ginge?

Wenig sp√§ter stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein ‚Äď die gegen den Lebensgef√§hrten der Mutter, weil ‚Äěein hinreichender Tatverdacht nicht feststellbar war‚Äú, die gegen die Mutter ‚Äěwegen geringer Schuld‚Äú. Entscheidend daf√ľr waren die Aussagen der Mutter und das Gutachten der Jenaer Rechtsmedizin.

Gewaltspuren im Gesicht habe die Mutter damit erkl√§rt, ‚Äěin einer Stresssituation das M√§dchen einmal reflexartig in das Gesicht geschlagen zu haben‚Äú. Erstaunlich ist, dass Ermittler und Rechtsmedizinerin diese Aussage glauben, denn “reflexhaftes” Zuschlagen weckt Zweifel daran, dass das nur einmal passierte. “Ein Reflex besteht in einer neuronal vermittelten, unwillk√ľrlichen, raschen und gleichartigen Reaktion eines Organismus auf einen bestimmten Reiz”, kann man bei Wikipedia nachlesen.

Die Biss-Spur am Ges√§√ü rechtfertigte die Mutter damit, sie habe beim ‚ÄěHerumalbern‚Äú an ihrer Tochter herumgeknabbert. ‚ÄěAls Lea sich abrupt bewegt habe, sei ihr Zahnabdruck in der Hautpartie zur√ľckgeblieben, da sie, die Beschuldigte, nicht so rasch habe loslassen k√∂nnen‚Äú, erkl√§rt die Staatsanwaltschaft. Das klingt zwar befremdlich, aber die Bem√ľhungen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, hielten sich wohl in Grenzen. Rechtsmedizin-Chefin und Ermittler halten die Darstellung der Mutter dennoch f√ľr plausibel.¬† Einen Abgleich der Biss-Spur mit den Gebissen der Mutter und ihres Lebensgef√§hrten gab es offenbar nicht. Tats√§chlich gelten Bisswunden am Ges√§√ü als akutes Alarmsignal auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes.

Die Beteiligten, die mit dem Fall zu tun hatten oder Lea damals sahen, h√ľllen sich √ľberwiegend in Schweigen. Details sind schwer zu recherchieren.¬† “Ich habe bei diesem Fall mein Vertrauen in die Justiz verloren”, bekennt eine. Manche sagen, sie w√ľrden gern mehr erz√§hlen, f√ľrchteten aber Repressionen, wenn sie das tun. In der Uniklinik Jena gab es offenbar heftigen Streit √ľber den Umgang mit Lea. Einige Mitarbeiter sollen schockiert gewesen sein, dass verantwortliche Mediziner die Sache verharmlosten, weil sie keine Lust gehabt h√§tten, sich mit der krakeelenden Mutter anzulegen.

Auff√§llig ist auch, dass das Familiengericht Meiningen das M√§dchen inzwischen in die Obhut des leiblichen Vaters gab. Faktisch wird Lea jetzt √ľberwiegend von der Gro√ümutter aufgezogen. Aus der Umgebung der Familie hei√üt es, diese L√∂sung sei vermutlich die beste f√ľr das M√§dchen. So gesehen ging der Fall glimpflich aus ‚Äď trotz St√∂rfeuers von Klinik, Rechtsmedizin und Justiz.

Die Diskrepanz zwischen Sonntagsrede und Praxis ist im Fall Lea evident und erschreckend. Zwei unterschiedliche Einheiten der Justiz, Staatsanwaltschaft und Familiengericht, kommen zu gegens√§tzlichen Schlussfolgerungen. Das riecht nach Zufall, Willk√ľr und Gl√ľcksspiel. Das Versprechen von Jenas Rechtsmedizin-Chefin Gita-Else Mall, auch kleine Verletzungen bei Kindern anzuzeigen, will zu ihrem Umgang mit dem Fall Lea nicht passen. Meine schriftlich √ľbermittelten Fragen dazu hat sie nicht beantwortet.

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  1. […] der Rechtsmedizin in diesem Feld. In diesem Zusammenhang m√∂chte ich Sie fragen, ob Sie den Fall Lea aus Th√ľringen kennen. Lea war 5 Jahre alt, als sie mit allen Anzeichen schwerer Misshandlung auffiel. Monatelang […]

  2. […] auf Gewaltverletzungen bei einem kleinen M√§dchen arbeitete sie so z√∂gerlich und unzureichend ab, dass das Gericht das Kind zur√ľckschickte in die […]

  3. […] This post was mentioned on Twitter by bitterlemmer, bitterlemmer. bitterlemmer said: Lea (5): Misshandelt und dann von Justiz, Klinik und Rechtsmedizin im Stich gelassen? http://t.co/IZUxNSe […]

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