Abschiedsbrief der Mutter an die kleine Leonie

Manchmal lohnt sich auch eher abseitige Lektüre. Im Thüringer Ärzteblatt, Ausgabe September 2009, fand ich einen Artikel zum Thema „Kinder gemeinsam schützen“, verfasst von Kinderärzten aus Gera. Man muss ein bisschen blättern und sich in den Artikel vertiefen, um dann auf die Schilderung eines tragischen Falles zu stoßen. „Ein weiblicher Säugling wurde mit Hämatomen unklarer Genese in unserer Kinderklinik stationär aufgenommen“, heißt es darin. „Der Verdacht einer Kindesmißhandlung ließ sich auch mit Hilfe des Konsils aus der forensischen Medizin nicht erhärten“. Mutter und Ziehvater durften das Kind wieder nach Hause holen. „Eine Woche später wurde der Säugling mit einer schweren traumatischen Hirnblutung erneut ins Klinikum eingeliefert“. Kurz darauf danach starb das Kind. Diesen Fall wollte ich genauer kennenlernen.

Das Baby hieß Leonie-Vanessa. Die Mutter, 25 Jahre alt, klagt auf einer Gedenk-Webseite, ihr „Mutterglück“ sei vom „eigenen Lebenspartner zerstört“ worden. Der Lebenspartner wurde inzwischen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er habe das Baby zu Tode geschüttelt, befand das Gericht. Das ist für sich genommen schon tragisch. Öffentlich hat aber bisher niemand hinterfragt, ob der Tod der kleinen Leonie hätte verhindert werden können. Die Autoren des Ärzteblatt-Artikels stellen fest, dass bei der Aufnahme der Mutter zur Geburt zwar einige kritische Aspekte erfasst wurden, andere aber nicht. Erfasst wurden als Risikokriterien „alleinerziehende Mutter“ und „Zigarettenkonsum > 20 Zigaretten/Tag“. Nicht erfasst wurde, dass die Mutter kurz davor den Wohnort und damit den Zuständigkeitsbereich des Jugendamtes gewechselt hatte, dass ein älteres Geschwisterkind bei den Großeltern lebt und dass die Mutter ihre Wohnung mit einem neuen Partner teilt. „Mit dieser wesentlichen Information wäre bereits zum Zeitpunkt der Geburt eine erhebliche Kindeswohlgefährdung deutlich geworden“, heißt es in dem Text.

Spätestens am 2. Juni 2008 spitzte sich die Lage des Säuglings zu. Dem Hausarzt fiel bei einer Untersuchung auf, dass das Mädchen an beiden Armen und Händen blaue Flecke hatte. Er ließ es stationär in die Kinderklinik in Gera einweisen. Am 6. Juni informierte die Klinik das Jugendamt. Schon nach der Einlieferung hatte die Klinik ein sogenanntes Konsil-Gutachten bei der Rechtsmedizin in Jena angefordert. Von dort erwarteten die Kinderärzte fachliche Auskunft über die Entstehung der blauen Flecke und vor allem eine Antwort auf die Frage, ob es misshandelt wurde. Diese Antwort blieb aber offenbar aus.

Stattdessen wartete das rechtsmedizinische Gutachten mit einer Vermutung auf. Die kleine Leonie habe wohl etwas umklammert oder die Hände zu Fäusten geballt. Gleichzeitig habe ein Erwachsener ihre Hände umfasst und kräftig zugedrückt. So jedenfalls ist es in der Geraer Klinik zu hören. Mit seinen Fingernägeln könne das Mädchen Abdrücke an den Handballen hinterlassen haben, auf diese Weise seien „Unterblutungen“ an allen Fingern beider Hände, außer den Daumen, zu erklären. Die Hände wurden offenbar nicht geröntgt, die Länge der Fingernägel offenbar nicht vermessen. Statt von Misshandlung soll das Gutachten von Überforderung der Eltern gesprochen haben. Diese Vermutung bleibt dem Verfahren bis zum Schluss erhalten. Auch das Gericht, das den Ziehvater am Ende verurteilt, spricht von Überforderung, was wohl auch das verhältnismäßig milde Urteil erklärt. Die Frage, ob für das Kind eine Gefahr bestand, wenn es zu den Eltern zurückkommt, beantwortete das Gutachten offenbar nicht.

Und so kommt die kleine Leonie zurück nach Hause. Am 11. Juni verlässt die Mutter am frühen Abend die Wohnung. Ihr Freund bleibt mit dem Baby allein zu Haus. Gegen 19.30 Uhr alarmiert er den Notarzt. Leonie ist bewusstlos. Sie wird wieder in die Klinik in Gera gebracht und kommt sofort auf den Operationstisch. Ihr Gehirn ist massiv geschwollen, was für Sauerstoffmangel spricht. Weitere Verletzungen, vor allem Hirnblutungen, legen ein Schütteltrauma nahe. Die Ärzte in Gera sind für diesen Fall nicht gerüstet und fordern einen Hubschrauber an, der das Kind zum Universitätsklinikum Jena fliegt. Aber es ist zu spät. In der Nacht wird nur noch ihr Tod festgestellt.

Der Fall schockiert nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die beteiligten Ärzte. „Ob wir mit der frühzeitigen Vermittlung eines Hilfsangebots den dramatischen Verlauf hätten verhindern können, läßt sich nicht beweisen“, schreiben Geraer Mediziner in dem Ärzteblatt-Artikel. „Eine höhere Chance hätte wahrscheinlich bestanden“. Fachlich nicht aufgearbeitet ist die Frage, ob ein klareres Rechtsmedizin-Gutachten geholfen hätte. Institutschefin Gita Mall hat dazu mehrere Fragen von mir erhalten, jedoch noch nicht beantwortet.

2 Kommentare
  1. janina sagte:

    Die Mutter hätteesverhindern könnenwennsie ihrfettes hinterteil mit nachHause bewegt hätteanstattsichden hintern imPark breitzusitzen

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  1. […] der Jenaer Rechtsmedizin, Else-Gita Mall, hat meine Fragen zum Tod der vier Monate alten Leonie beantwortet. Sie schreibt: “Ich war mit dem Fall im Rahmen der Obduktion befasst und habe sodann das […]

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