Dieser Herr Breivik, dessen Anblick auf seinen inszenierten Fotos mir inzwischen gehörig auf den Geist geht, leidet offensichtlich an krankhafter Eitelkeit. Man könnte jetzt ein weiteres Mal das Bild zeigen, auf dem er in Uniform zu sehen ist, die Brust mit diversen Orden geschmückt. Und man könnte dazuschreiben, was die einzelnen Orden und Bänder bedeuten. Es steht in seinem über 1500 Seiten dicken wirren sogenannten Manifest. Da hat er sich Farben für die Ordensbänder einfallen lassen, die kenntlich machen sollen, ob der Ordensträger ein Europäer, ein Asiate oder ein Afrikaner ist und welche Sorte Feind und Verräter er tötet, also ob Kultur-Marxisten oder Muslime. Seitenweise schreibt er detailpusselig auf, wer für welchen Verdienst zu ehren sei, eines Tages, wenn seine geheime Ritterloge, die zurzeit und wohl auch für lange Zeit allein aus ihm selber besteht, zuerst den europäischen Bürgerkrieg entfesselt und eine Armee für sich kämpfen lässt.

Anders als mit Eitelkeit ist auch der Rest seiner Fassade nicht erklärbar. Da schmückt er sich mit liberalen Denkern wie Adam Smith oder dem Autor George Orwell. Man muss es mal sagen: Smith und Orwell können nichts dafür, dass dieser Herr Breivik sie zu mögen scheint. Die Facebook-Fassade dieses Herrn Breivik hält auch nicht lange, wenn man sein sogenanntes Manifest zu lesen beginnt. Auf 1500 Seiten kann nur bestehen, wer Substanz einbringt. Aber Substanz fehlt bei Herrn Breivik völlig. Auf den ersten Blick sieht alles immens aus: Seitenlange Texte und seitenlange Quellenverweise. Optisch wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit. Aber die Quellenverweise sind durchweg Weblinks. Die meisten verweisen auf rassistische oder nationalistische Blogs. Herr Breivik macht zwar auf belesen, aber er hat offenbar nie ein Buch in der Hand gehalten.

Zur Oberflächlichkeit gesellst sich der Größenwahn. Herr Breivik hat sich ein globales Bündnissystem ausgedacht hat, das erschöpfend so erklärt ist: Christen, Hindus und Buddhisten schließen eine weltweite Allianz gegen Muslime. Fertig.

Eher unfreiwillig gibt Herr Breivik Einblick in sein privates Leben. Da beschreibt er episch eine mehrtägige Sauftour durch Budapest zusammen mit einigen Kumpels. Da habe er so viel Alkohol konsumiert wie lange nicht, und die ungarischen Mädchen seien die heißesten, die er je erlebte. Das ist aufschlussreich, denn am Anfang seines sogenannten Manifests beklagt er, dass Frauen heutzutage keine Ladies mehr seien, die ihre Erfüllung darin finden, Heim und Kinderpopos sauber zu halten. Die Lady zu Hause und die Nutte nebenbei – so sieht wohl sein privater Traum aus.

Anders als andere, die vielleicht dasselbe träumen, ist Herr Breivik aber gefährlich. Er hat nicht im Affekt drauflos gemordet, sondern er hat das jahrelang geplant und vorbereitet. Er empfindet offenbar nichts anderes dabei als Befriedigung. Darüber, dass sein Kalkül aufgegangen ist und die Welt jetzt über ihn redet. Weil er unfassbares Leid verbreitete, ist das auch unvermeidbar. Überlebende auf Utoya hörten ihn jubeln. Ein Verbrecherlachen eines Verbrechers, der wie ein Verbrecher vorging und wie ein Verbrecher plante. In seinem sogenannten Manifest beschreibt er, wie er Bordelle in Prag durchstreifte, um Drogenhändler kennenzulernen. Die, so seine Hoffnung, könnten auch illegale Waffen beschaffen. Bei seiner Recherche im Internet habe er das Tor-Netz verwendet, damit ihm niemand auf die Schliche kommt. Das passt zum Rest.

Und es passt zu historischen Verbrechern, denen dieser Herr Breivik offensichtlich nacheifert – nacheifert in dem Sinn, dass er seine Wichtigkeit auf kalte Weise an der Zahl der Toten und der Monströsität der Tat bemisst. Sein Geschichtsbild ist deterministisch – er glaubt also, alles sei vorbestimmt und geschehe auf Basis einer zwangsläufigen Logik. Der kommende Bürgerkrieg in Europa sei unvermeidlich, das Ende der Muslime ebenso. Das ist derselbe Quark in braun, den Marx verzapfte, als er ebenso deterministisch den Aufstand der Massen und den kommenden Kommunismus vorhersagte, nur mit mehr Substanz. Viele glaubten das wirklich, etwa Walter Ulbricht oder die Gangster der deutschen RAF. Und auch diese Leute hatten einen Hang zu langatmigen Erklärungen, waren kalt, zynisch und hauptsächlich eitel.

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