Beate Zschäpe hat sich ja festgelegt. Sie will nicht reden, und in den ersten Wochen des NSU-Prozesses hat sie das konsequent durchgehalten. So konsequent, dass sie nicht einmal dann etwas von ihrer Stimme hören ließ, als sie lachte, was häufiger vorkam. Oder, wenn Richter Götzl sie mal fragte, ob sie dabei bleibe, dass sie nichts sagte, was jetzt schon längere Zeit nicht mehr vorkam. Da hauchte sie ihre Antwort nur stimmlos oder ließ gleich einen ihrer Anwälte antworten. Und auch heute blieb sie stimmlos, als Richter Götzl sie fragte, ob sie noch genug Akku-Strom in ihrem Laptop hat, denn ihr Netzteil hatte sich wohl wegen eines Kurzschlusses mit einem Puff verabschiedet. Sie hauchte ein zwar lachendes, aber wiederum stimmloses Ja. Das erste stimmlose Ja dieser Woche. Denn in den letzten Tagen hatte es meist stimmlose Neins gegeben, was daran lag, dass die Beweisaufnahme anfing. Die Mordserie und die Mordopfer standen plötzlich sehr greifbar im Raum. Die ersten Zeugen erkannten sie wieder.

Wie der Hausverwalter E. Er hatte die Hausverwaltung für das Haus an der Frühlingstraße 26 in Zwickau erst im September 2011 übernommen. Es war zwei Monate, bevor die konspirative Wohnung in der ersten Etage explodierte. Mieter dieser Wohnung sei ein Herr Dienelt gewesen, ein Deckname natürlich. Und dieser Herr Dienelt habe sich beschwert, dass sein Küchenfußboden an einer Stelle abgesackt sei. Er habe Herrn Dienelt auf seinem Handy angerufen. Die beiden hätten einen Termin in der Wohnung vereinbart, und am 6. September, so steht es in den Akten, tauchte er dort auf, zusammen mit einem Handwerker. Es gab eine kurze Besichtigung ohne konkretes Ergebnis. Hausverwalter E. meldete sich wenige Tage später noch einmal auf dem Handy des Mieters, der sich Dienelt nannte, und kündigte einen weiteren Besuch an. Der Mieter habe gesagt, er sei da nicht zu Hause, aber er werde eine Bekannte schicken, die ihn hereinlassen werde. Diese Bekannte, erkannte Herr E. dann wenig später, war Beate Zschäpe. Zschäpe wippte, als Herr E. aussagte, nervös mit dem Oberkörper und faltete die Hände zu immer neuen Formen, auf die sie ihr Gesicht abstützte. Manchmal massierte sie auch ihre Schläfen.

Sichtlich unangenehm ist es ihr auch jedes Mal, wenn jemand direkt erklärt, die Frau, die er damals erlebte, sei genau die, die da auf der Anklagebank sitze. So, wie es René K. tat, ein Bauhelfer, der mitarbeitete, die beiden Wohnungen über der Zschäpe-Wohnung zu sanieren. „Können Sie die Frau beschreiben“, fragt Richter Götzl ihn. K. ist kein Mann vieler Wort. Er neigt zum Nuscheln, und das auf sächsisch. Diesmal nuschelt er nicht mal, sondern wedelt nur eine Hand in Richtung der Anklagten. „Meinen Sie Frau Zschäpe?“ fragt Richter Götzl nach. „Jo“, nuschelt Zeuge K. Zschäpe guckt ernst. Ihre beiden Anwälte Stahl und Heer, die rechts und links von ihr sitzen, beugen sich vor ihre Mandantin und tuscheln miteinander. Richter Götzl konzentriert sich weiter auf den Bauhelfer K: „Und die Männer?“ „Gurze Hoore…“, beginnt er mit der Antwort und wird dann jäh unterbrochen. Von Zschäpes Verteidiger Heer. „Muss ich beanstanden“, protestiert er. Richter Götzl kontert sarkastisch: „Wundert mich, dass Sie das nicht hören wollen!“ Anwalt Heer erkämpft sich das Wort zurück und kritisiert, Götzl habe dem Zeugen unzulässigerweise dieselbe Frage mehrmals gestellt, „was ich erneut beanstande“. Zschäpe ist jetzt hellwach und grinst feixend. Der andere Anwalt, Stahl, betrachtet den Bildschirm seines iPhones, auf dem gerade offenbar eine gute Nachricht einläuft. Er ballt die rechte Faust und schwingt sie ein paarmal hin und her, es sieht ein bisschen aus, als rufe er ein freudiges „Strrrrike“ in sich hinein. Richter Götzl befragt wieder den Zeugen K. Es geht um den 4. November 2011, also den Tag, an dem das Trio aufflog, an dem die beiden Uwes starben und an dem ihre Wohnung in die Luft flog. Einen dumpfen Knall habe er gehört, er habe nur ein paar Meter entfernt gestanden, schildert K. Ein Stück der Fassade im ersten Stock sei weggeflogen. Er habe in Wohn- und Schlafzimmer gucken können und ein Laufband und einen Fernseher erkannt. Dann habe er noch eine alte Frau am Fenster in der Nachbarwohnung gesehen und geschaut, ob er hier helfen kann, aber da waren schon zwei Männer an der Haustür, die sagten, die Frau sei ihre Tante und sie seien schon zu ihr unterwegs.

Dann geht es nochmal um die beiden Uwes und ob K. mit denen mal zu tun hatte. Jo. Hatte er. „Einmal kam einer von beiden runter und fragte, ob wir einen Sessel von ihm auf den Sperrmüll bringen können“. Er habe da sowieso gerade den Keller entrümpelt. „Wer hat Sie gefragt?“ will Richter Götzl wissen. „Der Uwe“, sagt K. Gelächter im Saal. „Der größere von den beiden“, ergänzt der Zeuge. Dann fragt der Richter, ob K. die drei mal auf Fahrrädern gesehen habe. K. antwortet ein klare Jo. Beate Zschäpe kaut auf den Nägeln von Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand herum. Fingernägel hat sie bisher nicht gekaut. Irgendwas scheint sie an dieser Antwort nervös zu machen.

Anwalt Stahl meldet sich zu Wort. Er sei noch sechs Stunden im Zug anch Hause unterwegs und habe vermutlich jetzt keinen Sitzplatz mehr und müsse stehen. Wie lange bitte der Verhandlungstag noch dauere. Richter Götzl wehrt ab und will den Zeugen weiter befragen. Anwalt Heer meldet sich zu Wort. Heer spielt heute den bösen Anwalt, Stahl den guten. Seine Mandantin Zschäpe könne sich nicht mehr konzentrieren, verkündet Heer. Es entspinnt sich ein Wortwechsel, der immer aggressiver wird. Bei den Opferanwälten meldet sich Anwalt Rabe zu Wort. „Eine Enddreißigerin einfach für nicht fit zu erklären ist nicht substantiiert“, wirft er ein. Und was das Jammern über den späten Zug und die Aussicht auf einen Stehplatz beträfe – „so ist das Anwaltsleben“. Richter Götzl tut, was er in solchen Situation eigentlich immer tut: Er verordnet fünf Minuten Pause.

Zehn Minuten später geht es weiter, und Götzl fragt Zschäpe: „Haben Sie sich regeneriert?“ Anwalt Heer antwortet für sie und sagt nein. Wieder schaukelt sich der Streit auf. Am Ende verkündet Götzl eine weitere Pause – und lässt Zschäpe vom Arzt untersuchen.

Leider war nur ein Unfallarzt im Gericht. Zschäpe sei gesund, aber er könne nicht beurteilen, ob sie sich konzentrieren kann. Das wird dann wohl nächste Woche geklärt werden. Bis dahin unterbrach Götzl die Verhandlung.

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