Das ist eine ungewohnte Koalition: Auf der einen Seite die Verteidiger von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben, auf der anderen die Anwälte der NSU-Opferangehörigen. Aber immer wieder blitzen gemeinsame Interessen durch. Gestern gingen die Gemeinsamkeiten sogar so weit, dass sich beide Seiten gemeinsam gegen Gericht und – mutmaßlich auch – die Bundesanwaltschaft stellten. Gemeinsam beantragten sie, Mitarbeiter von Verfassungsschutzämtern, BKA und Landeskriminalämtern aus dem Saal zu schicken, sofern denn überhaupt welche als Beobachter im Saal sind. Die launige Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl, ob unter den Zuschauern ein Verfassungsschützer oder BKA-Ermittler sitze, mündete in kollektivem Gelächter, aber es meldete sich kein Geheimdienstler.

Bei ihm habe sich auch niemand vorab als Prozessbeobachter einer Sicherheitsbehörde angemeldet, sagte Götzl. Das Götzl versuchte, das Anliegen der Anwälte mit Unverbindlichkeit auszuräumen, trug ihm keine Sympathiepunkte ein. Die Anwälte argumentierten, es sei sehr wahrscheinlich, dass auch Verfassungsschützer irgendwann noch einmal als Zeugen aussagen müssten, und darum dürften sie die Verhandlung nicht im Zuschauerraum verfolgen. Anwalt Bliwier wies Götzl fast schon rüde zurecht, er möge sich auf die Vernehmung von Andreas T. einstellen, also des hessischen Verfassungsbeamten, der während des Mordes an einem Internet-Café-Besitzer im Lokal anwesend war – angeblich rein zufällig, weil er privat an einem anonymen Ort eine ausgefallene Sexkontakte-Webseite besucht haben will. Darum wäre es sinnvoll, wenn T. nicht über die Details der Verhandlung im Bilde sei und sich über seine Aussage mit wem auch immer abstimmen könne.

Überhaupt gibt es bei Beschuldigten- und Opfervertretern unübersehbares Misstrauen in die Glaubwürdigkeit und Integrität der Sicherheitsbehörden. Zschäpe-Anwältin Anja Sturm hatte vorher ein weiteres Mal das Ende des Verfahrens beantragt, u.a., weil die Rolle von V-Leuten nicht geklärt sei und weil die Bundesanwaltschaft sich öffentlich dazu hatte hinreißen lassen, mehrfach von einem „Mördertrio“ zu sprechen. Das sei eine behördliche Vorverurteilung, sagte Zschäpe-Verteidigerin Sturm. Dem pflichtete Nebenkläger-Anwältin Edith Lunnebach, die politisch eher zur Linken zählt, einerseits bei und wies darauf hin, dass tatsächlich die Möglichkeit bestehe, dass nicht allein das Trio Zschäpe-Mundlos-Böhnhardt für die Morde verantwortlich sei. Es könnte durchaus ein größeres Täterumfeld geben, und womöglich könnten dabei tatsächlich einige der V-Leute eine Rolle spielen. Lunnebach widersprach allerdings dem Begehren, das Verfahren deshalb platzen zu lassen. Vielmehr sei es gerade Aufgabe des Gerichts, Licht ins Dunkel zu bringen. Das sahen auch die anderen Nebenklage-Vertreter so.

 

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