Plauderstunde im NSU-Prozess. Der Mitbeschuldigte Carsten S. hat detailliert über sein Leben in Neonazi-Szene in Jena-Winzerla erzählt und nebenbei die Beteiligung an zahlreichen Straftaten gebeichtet – die allerdings verjährt sein dürften. Und er offenbarte, dass rechtsextreme politische Ansichten für ihn und wohl auch einige Kompolizen nicht viel mehr waren als ein Mittel zur Abgrenzung der eigenen Szene zum Rest der „Stinos“, wie S. und Genossen die Stinknormalen nannten.

Auch das Gefühl, etws Verbotenes zu denken und zu tun, gehörte jedenfalls für Carsten S. eher zum Spaß als zum Ernst des Lebens. Er beschrieb ein beliebtes Spiel der Gruppe, das er „Cops-Running“ nannte. Nachts vor der Disko oder anderswo in der Öffentlichkeit, wo Polizisten in der Nähe waren, rannten plötzlich alle los. Mehr oder weniger routinemäßig gingen dann die Blaulichter an. „Zu nem guten Abend gehörte eine Polizeikontrolle“, erinnerte sich Carsten S. vor Gericht.

Oder „der Thrill, wenn wir Plakate geklebt haben.“ Einmal hätte sich die Gruppe ein Sixpack Bier organisiert, getrunken und geguckt, ob Zivilpolizisten in der Nähe waren. „Waren keine, und dann haben wir ganz Winzerla zugeklebt. Und am nächsten Tag gesehen, wie die Polizisten das wieder abhebeln mussten“. Da habe eindeutig der Spaß im Vordergrund gestanden.

Außerdem brachte ihm seine Zugehörigkeit zur Szene Anerkennung von Mitschülern ein. Er erinnere sich speziell an einen aus einer Parallelklasse, der ihn immer gemobbt habe. Aber dann, 1997/98, als er zu den Rechten dazugehörte, da habe der Schulkamerad ihn plötzlich gegrüßt und ihm Respekt gezollt.

Manche Aktion entgleiste allerdings. Carsten S. schilderte, wie eines Nachts ein Gesinnungsgenosse vorbeikam und schimpfte, zwei Männer hätten ihn als Nazi geschmäht. Sofort fuhr die ganze gruppe, acht oder neu Leute, zu der Haltestelle, wo die beiden sich aufhielten. Die Nazi-Gruppe schlug die Männer schwer zusammen. „Ich habe auch zwei Mal getreten“, bekannte Carsten S. Am nächsten Tag habe er in der Zeitung gelesen, dass die beiden Opfer schwer verletzt waren.

S. hat gestanden, die Tatwaffe der mutmaßlichen NSU-Mörder beschafft zu haben. Er habe im Auftrag seines Mentors Ralf Wohlleben den Kontakt zu Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehalten. Alle zwei Wochen musste er eine Mailbox abhören, auf der die Untergetauchten Botschaften hinterließen. Einmal wollten sie ein Motorrad. Das erzählte er Wohlleben. Die beiden knackten eine MZ und schoben sie in ein Waldstück, wo sie allerdings am nächsten Tag wieder verschwunden war. Ein andermal ging es um den Auftrag, in Beate Zschäpes alte Wohnung einzubrechen und Papiere herauszuholen. Und dann wieder um eine Waffe.

Wohlleben habe ihn beauftragt, den Szeneladen Medley in Jena aufzusuchen, den Chef zu grüßen und ihn um eine Waffe zu bitten. Der Kaufmann konnte dann tatsächlich die Ceska liefern, mit der laut den Ermittlungen neun der NSU-Opfer erschossen wurden. Carsten S. verabredete sich mit Mundlos und Böhnhardt in einem Abrisshaus in Chemnitz. Dort übergab er die Pistole, was allerdings beinahe schief gegangen war. Die Neonazis wurden nämlich gestört, enthüllte S. vor Gericht. Es sei ein Mann aufgetaucht und habe gefragt, was die drei da machen, „und einer der beiden Uwes hat die Waffe hinter den Rücken genommen“. Dann hätten sich die beiden Uwes und Carsten S. schnell davongemacht und das Abbruchhaus verlassen.

Was die beiden mit der Waffe wollten, fragte Richter Götzl. Er habe es nicht gewusst, antwortete S. Er habe gedacht, die seien „in Ordnung“. Dass die Waffe für Mordanschläge gebraucht wurde, will er nicht gewusst haben. Er habe auch niemals einen Schalldämpfer besorgen sollen, der sei rein zufällig dabei gewesen. Der Medley-Händler habe nur eine einzige Waffe im Angebot gehabt, und die habe halt einen Schalldämpfer gehabt. Die beiden Uwes seien selber darüber überrascht gewesen.

Carsten S. hat offenbar ein sehr bildhaftes Gedächtnis. Immer wieder sagte er, er erinnere sich „an ein Bild“, so wie die Szene im Chemnitzer Abbruchhaus, als einer der Uwes die Pistole hinter dem Rücken verschwinden ließ. An weniger bildhafte Fakten erinnert er sich kaum. Selbst politische Inhalte seiner Zeit als Funktionär der Jungen Nationaldemokraten sind scheinbar verschütt. Deutschland in den Grenzen von 1937, gegen Multikulti – vielmehr kann Richter Götzl da nicht holen, auch mit vielen Nachfragen nicht.

Carsten S. ist ein ungewöhnlicher Zeuge. Nach seiner Schilderung war es die Suche nach Anerkennung und Gemeinschaft, die ihn in die Szene trieb. Auslöser war, dass ein WG-Freund, der ihm gut gefiel, dazugehörte. Später war seine Homosexualität wohl das Motiv, die Szene wieder zu verlassen. Vor gut zehn Jahren löste er sich und begann im Rheinland ein völlig neues Leben als Sozialpädagoge und Schwulenaktivist. Im November 2001 wurde er schlagartig in sein altes Leben zurückgerissen und als NSU-Helfer festgenommen. Seiner alten Szene gilt er heute als Verräter. Die Sicherheitsbehörden halten ihn für hoch gefährdet und halten seinen Aufenthalt streng geheim.

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