Nur ein einziger Zeuge war für den heutigen Termin zum NSU-Prozess geladen – Enrico T. (38). T. gilt für die Ankläger der Bundesanwaltschaft als einer der Waffenhändler, die die Pistole vom Typ Ceska beschafft haben sollen, mit der neun der zehn Opfer der Mordserie erschossen wurden. Nur einen Tag vor seiner Zeugenvernehmung erfuhr das Gericht, dass er „im Ausland sei“. „Nach den Erkenntnissen des Senats handelt es sich um eine Urlaubsreise“, antwortete Gerichtssprecherin Andrea Titz auf meine Anfrage. Offenbar hatte eine Verwandte das Gericht angerufen, die seine Ladung in der Post fand. Über das Urlaubsziel war bisher nichts zu erfahren. Es gebe aber „keine Hinweise auf eine Flucht des Zeugen“. Den heutigen Sitzungstermin sagte das Gericht ab. T. soll im März erneut geladen werden. Mit seiner schwerkriminellen Vergangenheit ist er eine der schillerndsten Figuren im NSU-Umfeld.

Enrico-TT. (Foto) ist einer der ganz alten Freunde von Uwe Böhnhardt. Die beiden gehörten ab Anfang der 90er Jahre zu einer berüchtigten Jugendgang in Jena. Sie klauten und verschoben Autos, brachen in Geschäfte und Wohnungen ein, handelten illegal mit Waffen und waren für außergewöhnliche Brutalität bekannt. Die Jugendgang ist eine der NSU-Vorgängergruppen. Ihre Mitglieder verstanden sich zwar auch als rechtsradikale Aktivisten, aber die Politik war eher zweitrangig. Hauptsächlich war die Gruppe kriminell. Entsprechend liest sich die Liste der Delikte, mit denen T. bei der Polizei auffiel: Mord, Raub, Diebstahl, Sachbeschädigungen, usw. 1997 soll er in Leipzig einen Wachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt haben. Das sagte jedenfalls eine Zeugin aus, die ihm zudem bescheinigte, dass er „vor nichts zurückschreckt“. Mehrmals soll er Geldtransporter überfallen haben. Einmal stand er unter Verdacht, bei einem brachialen Raub mitgemacht zu haben: Die Täter ketteten einen Geldautomaten an einen Radlader und rissen ihn aus der Verankerung. Zeugen berichten, T. habe in seiner Wohnung und einer Garage ein ganzes Waffenarsenal versteckt gehabt, darunter eine Maschinenpistole und Schießkugelschreiber.

Um das Jahr 2000 herum soll T. einer der Männer gewesen sein, die die Ceska-Pistole für das NSU-Trio beschafften. Die Waffe soll, so rekonstruierte es das BKA, über etliche Mittelsmänner aus der Schweiz nach Jena gebracht worden sein. T. war einer von ihnen. Unstrittig ist, dass die Pistole bei einem legal registrierten Waffenhändler namens Jan Luxik in der Ortschaft Derendingen gekauft wurde, und zwar von einem anderen Waffenhändler, der darüber vergangenes Jahr auch schon vor Gericht in München aussagte. Der wiederum verkaufte sie an einen Privatmann weiter, und der dann an einen Schweizer Staatsbürger namens Hans-Ulrich M. aus Boltingen. Dieser M. ist zufälligerweise ein Freund von Enrico T. und soll ihm die Waffe weitergereicht haben. T. wiederum soll sie einem gewissen Jürgen L. gegeben haben, der ein alter Kumpel aus der Jugendgang ist. L. soll die Waffe dem Geschäftsmann Andreas S. in Jena übergeben haben, der dort einen Szeneladen für Nazi- und Skinheadklamotten betrieb. Dort holte sie ein gewisser Carsten Schulze ab. Schulze ist einer der Angeklagten beim NSU-Prozess und der einzige, der ein detailliertes Geständnis ablegte. Schulze sagte, er habe die Ceska dann bei Mundlos und Böhnhardt abgeliefert.
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Der Weg der Ceska im Überblick:

  • –> Waffenhändler Jan Luxik in Derendingen (hat die Schweiz inzwischen verlassen und sein Geschäft nach Prag verlegt)
  • –> Waffenhandel Schläfli & Zbinden in Bern (inzwischen aufgelöst)
  • –> Peter Anton G. (Privatmann in Oberdiessbach, Schweiz)
  • –> Hans-Ulrich M. (Privatmann in Boltingen, Schweiz. Freund von Enrico T., bestreitet Kauf der Ceska)
  • –> Enrico T.
  • –> Jürgen L. (früheres Mitglied der Jenaer Jugendgang mit Uwe Böhnhardt. Bis heute mit Enrico T. befreundet)
  • –> Andreas S. (Betreiber des ehemaligen Szeneladens Madley in Jena)
  • –> Carsten Schulze (geständiger Mitangeklagter im NSU-Prozess)
  • –> Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt[/yellow_box]

Lückenlos bewiesen ist diese Kette bisher allerdings nicht, denn zwei der Mittelsmänner bestreiten, mit der Waffe zu tun zu haben: Der Schweizer Hans-Ulrich M. und Enrico T.

M. lässt sich nicht befragen, denn er weigert sich, zum Prozess nach München zu reisen. Die Schweiz müsste ihn ausliefern, was sie wohl nicht tun wird. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl kündigte schon vergangenes Jahr an, M. auf andere Weise zu befragen, etwa über eine Videoleitung. Seitdem war von diesem Plan aber nichts mehr zu hören.

T. dagegen hat keine Wahl. Er ist deutscher Staatsbürger. Möglicherweise verdient er sein Geld inzwischen auf legale Weise. Eine Zeitlang arbeitete er als Zugführer in einem Nahverkehrsunternehmen in Hessen. In Ermittlerkreisen heißt es aber auch, möglicherweise handele er bis heute illegal mit Waffen. Inzwischen lebt er wieder in Thüringen. Mit einigen der alten Jugendgang-Mitglieder ist er bis heute befreundet. Sollte er jetzt tatsächlich nur in den Ferien gewesen sein und die Ladung des Münchner Gerichts darum nicht gesehen haben, dann dürfte er im März tatsächlich als Zeuge erscheinen. Fortsetzung folgt.

5 Kommentare
  1. Pete Denker sagte:

    Die Liste der Delikte beinhaltet Raub und Mord. Wenn diese Delikte dem E. T. wirklich zur Last gelegt werden, verwundert es mich, wenn sich dieser auf einem Ferienausflug befindet.

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  2. Pete Denker sagte:

    Woher hat eigentlich der Waffenhändler Jan Luxik die Pistole? Wenn man sich mit diesem Waffenmodell befasst, findet man kein handelsübliches Modell, was den Einsatz eines Schalldämpfers ermöglicht.

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  3. bitterlemmer sagte:

    Wegen Raub saß er im Gefängnis. Mord konnte man ihm nicht beweisen.
    Luxik hatte die Waffe direkt vom Hersteller in Tschechien. Das Modell wurde generell nur im Set mit Schalldämpfer geliefert und über Stationen hinweg auch komplett weitergereicht.

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    • fatalist sagte:

      Das BKA hat den Zwickauer Schalldämpfer nicht untersucht, weil der „unwichtig“ sei. (Aussagen der BKA-Sachverständigen Pfoser und Nennstiel vor Gericht)

      Man will zwar 2006 Alu-Spuren vom Schalldämpfer an den Mordprojektilen gefunden haben, die man dann bis zum Mord 2004 zurück verfolgte, will jedoch den Zwickauer Schalldämpfer nicht daraufhin untersucht haben, ob in dessen „Innenleben“ diese „Kollisionen“ stattfanden.

      Oder anders gesagt: Der Zwickauer Schalldämpfer ist kein „Set-Schalldämpfer“ aus der Luxik-Serie, hat keine angeschossenen Alurippen im Innern und passt auch sonst nicht.

      Alles Schmu.

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  4. Pete Denker sagte:

    Das ist ja auch mal interessant. Wenn der Hersteller die Waffe selbst für einen Schalldämpfer Einsatz vorgesehen hat, war die nicht für den gewöhnlichen Einsatz bestimmt. Da CZ eine seriöse Firma ist, wird man sich dort sicher erinnern, wer der Abnehmer des Sets war.

    Momentan ist bei keinem Waffenhändler ein derartiges Set zu haben. Weder neu, noch gebraucht. Also dürfte die Auflage des Sets nicht sehr groß gewesen sein.

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