Als Kronzeuge trägt der als NSU-Helfer beschuldigte Carsten S. bisher eher wenig bei, um die Hintergründe der Mordserie aufzudecken. Das könnte einerseits damit zu tun haben, dass er sich nicht allzu stark exponieren möchte, weil sich das für ihn strafverschärfend auswirken könnte. Andererseits erwarten Gericht und Bundesanwaltschaft gerade von ihm Hinweise auf die Rolle von Beate Zschäpe. Die hat der Bundesanwalt als Mittäterin angeklagt. Ausgerechnet zu ihrer Rolle konnte Carsten S. aber fast nichts beitragen. Er hat sie offenbar kaum gekannt. Wirklich gesprächig war er immer dann, wenn es um Party, Abenteuer und persönliche Anerkennung ging. Und womöglich war Nazisein für ihn nicht mehr als als ein jugendkultureller Lebensstil.

Als Richter Götzl ihn nach seiner damaligen politischen Überzeugung befragte, da war das einer dieser vielen Momente, in denen S. nach einer Antwort rang und ihm eigentlich keine einfiel. Mit Mühe brachte er ein paar Schlagworte zustande. Dass es uns Deutschen schlecht geht, sagte er. Oder: Finanzjudentum. Oder: Gegen Multikulti. Als Richter Götzl weiterbohrte, wehrte er sich dann irgendwann mit der Feststellung, es habe da schon den einen oder anderen in der Gruppe gegeben, der auch mal ein Buch über Holocaust-Leugnung gelesen habe, er aber nicht. Er habe damals so gut wie nie ein Buch gelesen, und heute lese er übrigens auch so gut wie nie ein Buch. Damit habe er es nicht so.

Dafür hat er es mit Symbolen und den richtigen Erkennungszeichen. Das Outfit, die Stiefel und die Musik seines WG-Kumpels habe er gemocht, abgesehen davon, dass er den WG-Kumpel sowieso und auch in erotischer Hinsicht attraktiv fand. Schon bald, nachdem er sich der rechten Szene in Jena-Winzerla näherte, staffierte er sich im Szene-Laden Medley mit der korrekten Kleidung aus. Die modische Wandlung zum Ebenbild eines modernen Jungnazis war ihm möglicherweise wichtiger als die Ideologie. Und manches von dem, was er da erzählt, lässt den Schluss zu, dass auch die krude Nazi-Form von Ehre und Kameradschaft für Carsten S. Teil der äußeren Inszenierung war. Etwa, als er erzählte, wie er mit der Gruppe auf zwei unschuldige Männer losgegangen und auch selber zugetreten hatte. Die brutale Gewalt war für ihn wohl vor allem ein Akt, Zugehörigkeit zur Gruppe zu demonstrieren.

Die Gruppe revanchierte sich, indem sie Carsten S. Hochachtung und Respekt verschaffte. Er wurde von Mitschülern auf der Straße gegrüßt, die ihn vorher lächerlich gemacht hatten. In der Gruppenhierarchie stieg er auf, weil er sich mit einer geheimnisumwitterten Legende schmücken konnte. Irgendwann wusste man, dass Carsten S. Kontakt zu den Älteren, den Untergetauchten, den unheimlichen Helden pflegte. Dass er Leute leibhaftig kennen durfte, die andere auch gern gekannt hätten, die für sie aber unerreichbar waren. Die Nähe zu Mundlos und Böhnhardt verschaffte Carsten S. eine Aura, die ihn größer und schöner aussehen ließ als er war. Denn in Wahrheit war er ein nützlicher Idiot, der auch auf hartnäckiges Nachfragen des Richters nicht schlüssig erklären konnte, warum ausgerechnet er ausgewählt worden war, alle 14 Tage die Mailbox der beiden Uwes anzurufen und diverse Beschaffungsaufträge entgegenzunehmen und zu erledigen. Ihm fiel immer nur ein, dass Ralf Wohlleben, sein Mentor, unter Polizeibeobachtung stand und darum nicht selber mit den Untergetauchten sprechen wollte. Aber die Frage, warum dann ausgerechnet Carsten S. das übernehm, schien ihn nie interessiert zu haben. Vielleicht haben sie mir vertraut, sagte er irgendwann mit matter Stimme.

Ebenso unpolitisch wie sein Einstieg wird auch sein Ausstieg aus der Nazi-Szene gewesen sein. Das sagte Carsten S. auch . Es ging um seine Homosexualität. Er hatte bemerkt, dass seine Kameraden mit Schwulen nicht viel anzufangen wussten. Offenbar kamen Gerüchte über ihn auf. Er erzählte, wie Wohlleben einmal geschimpft habe, wie unglaublich es sei, dass irgendwelche Leute Carsten als schwul geschmäht hätten. Das sei ein Auslöser gewesen, sich von der Gruppe zu lösen, sagte S. Politische Gründe dafür nennt er nicht. Ablehnung von Fremdenhass, Abscheu vor Gewalt und faschistischer Ideologie – nichts davon bringt er über die Lippen, was daran liegen könnte, dass es für ihn keine Rolle spielte und spielt. Carsten S. scheint ein durch und durch unpolitischer und nicht besonders intelligenter Mensch zu sein, der sich vor allem um persönliche Anerkennung und Respekt schert, dem der Rest der Welt aber herzlich egal zu sein scheint.

Dass er darum als Zeuge taugt, um die gleichberechtigte Beteiligung von Beate Zschäpe am NSU-Trio zu beweisen, erscheint nach zwei Verhör-Tagen eher unwahrscheinlich. Offenbar wusste er nur wenig. Offenbar lauschte er nur auf Befehle, die er ausführte, ohne darüber nachzudenken. Offenbar beschaffte er die Waffe vor allem deshalb, um seine Aura als Vertrauter einer Art von Nazi-Heiligkeit zu pflegen.

Heute geht daas Verhör weiter. Möglicherweise kommt heute auch zum ersten Mal der zweite angeklagte NSU-Aussteiger zu Wort, Holger G.

 

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