So langsam wird‘s richtig interessant im NSU-Verfahren. Einer der beiden Kronzeugen, Holger G., hat womöglich nicht alles gesagt, was er weiß. Er fühle sich bedroht, berichtete ein als Zeuge geladener BKA-Ermittler. Und er sagte auch, von wem: Von Thorsten Heise. Das ist fürwahr eine starke Aussage.

G. war kurz nach dem Auffliegen der NSU-Zelle festgenommen wurden. Er wurde dann mehrmals verhört und zeigte sich nach Aussage seiner Vernehmer kooperationswillig. Er habe wichtige Ansätze für die Ermittlungen geliefert. Aber seine Aussagebereitschaft stieß bisweilen an Grenzen. Er nannte den Namen Heise und sagte, er fürchte um seine Lebensgefährtin. Der BKA-Mann, der die Verhöre führte, beruhigte ihn. Er kenne Heise, und er halte ihn für ungefährlich. Auf teils heftige Nachfragen von Nebenklägern und Verteidigern begründete er das u.a. damit, Heise habe sich eine Existenz aufgebaut, er habe etwas zu verlieren und sei schon deshalb keine Gefahr.

Thorsten Heise gehörte zur verbotenen FAP. Er betreibt einen Groß- und Versandhandel für rechtsextreme Musik und einschlägige Devotionalien. Er ist Funktionär der NPD und sitzt für die NPD im Kreistag Eichsfeld. Im NPD-Bundesvorstand ist er Verbindungsmann zu den Freien Kameradschaften, heißt es in einem internen Vermerk des Verfassungsschutzes. Seinen Söhnen verpasste er die Vornamen Nordulf und Thoralf. Neben seinem Versandhandel besitzt er den von ihm gegründeten „Nordland-Verlag“. Die Verfassungsschützer haben dazu wohl nicht zufällig einen historischen Hintergrund vermerkt: 1933 wurde ein gleichnamiger Verlag gegründet, der dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt gehörte. Heise „verschafft sich offensichtlich erhebliche finanzielle Mittel durch den Verkauf/Versand von Tonträgern mit rechtsextremistischen Inhalten“, meinen die Verfassungsschützer.

Im Prozesstermin heute wurde sehr schnell klar, dass Nebenkläger und Verteidiger Zweifel hegen, dass Heise so harmlos sei wie der BKA-Ermittler meinte. Mehrfach fragten sie nach Heises Strafregister. Irgendwann räumte er ein, dass darunter auch Gewalttaten waren und dass einmal eine Waffe in seinem Schlafzimmer gefunden worden sei. „Die wurde ihm aber untergeschoben, und das ist bei Gericht auch so durchgegangen“, sagte der Ermittler im Münchner Gericht.

Die Unterlage des Verfassungsschutzes hat da mehr zu bieten. Die Liste unangenehmer Begegnungen mit der Polizei, Verurteilungen und Haftzeiten Heises umfasst sieben eng beschriebene Seiten. Da finden sich nicht nur die üblichen Propagandadelikte, sondern auch gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigungen und Verstöße gegen das Waffengesetz. Immer wieder fiel er bei Schlägereien als Rädelsführer auf. Verurteilt wurde er u.a. wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und wegen eines „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“. Dahinter verbirgt sich der Versuch, einen Libanesen umzufahren.

Gleichwohl bestand der BKA-Ermittler vor den NSU-Richtern darauf, dass von Heise keine Gefahr ausgehe. Nicole Schneiders, die Anwältin des ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben (der sich nicht von der Szene löste und von seinem Recht gebrauch macht, zu schweigen), bohrte mit Vorhalten nach. Sie hielt dem Ermittler die Abschrift eines Tonbandes vor. Auf dem ist ein heftiger Streit Heises mit Gesinnungsgenossen zu hören. Es geht darum, dass nach einem Konzert 20.000 DM aus der Kasse verschwunden sein sollen. Das Konzert soll ein Benefiz-Konzert für die untergetauchten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos gewesen sein. Schneiders verlas aus der Niederschrift:

Was denkste, was wir mit dem Geld machen? […] Wir haben so oft […] über Politik diskutiert. Und du hast nie abgerafft, was wir machen? Nie mit F. unterhalten? […] Wir haben reichlich Leute hier. Versorgen sich reichlich mit Waffen. Weißt Du, was die gemacht haben?“

Entstanden war diese Aufnahme im Auto auf der Heimfahrt nach dem Konzert. Offenbar war es Heise selber, der unauffällig ein Aufnahmegerät eingeschaltet hatte.

Der Heise schreit halt viel, antwortete der Ermittler darauf. „Viel Erzählerei, bla bla.“ Wäre Heise tatsächlich so gefährlich, hätte er seinen Gesinnungsgenossen damals nicht nur angebrüllt, denn: „Der hat ihn um richtig viel Geld betrogen“. Und dann noch einmal: „Das war bla bla“. Dass dann später doch ein Genosse starb habe mit dem mitgeschnittenen Gespräch nichts zu tun. „Der ist reichlich später gestorben“, sagte der Ermittler.

Nicht minder brisant ist, was heute über die internen Diskussionen des harten NSU-Kerns durchschimmerte. Es habe Gegner und Befürworter eines „bewaffneten Kampfes“ gegeben. Holger G. sei ein Gegner gewesen. Das Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sei dafür gewesen – und nicht als einzige. Ein weiterer Befürworter sei Tino Brandt gewesen, was deshalb brisant ist, weil Brandt als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitete. Tino Brandt gilt ebenfalls als Führungsfigur der Szene und als Gründer des „Thüringer Heimatschutzes“.

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