Es war nur eine unauffällige Bemerkung des Richters am Ende des Verhandlungstages, die offenbar von vielen überhört wurde, aber immensen Zündstoff birgt. Er habe das Bundeskriminalamt beauftragt, Videos von Überwachungskameras auszuwerten. Diese Videos seien unmittelbar vor dem Nagelbombenanschlag an der Kölner Keuppstraße aufgezeichnet worden. Und es gebe Anzeichen dafür, dass Beate Zschäpe darauf zu erkennen sein könnte.

Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine außergewöhnliche Nachricht. Richter Manfred Götzl hat mit seinem Auftrag ans BKA zum ersten Mal die Beschaffung eines Beweisstücks in die eigenen Hände genommen. Bisher überließ er das – wie eigentlich üblich – der Anklagebehörde, also der Bundesanwaltschaft. Die Harmonie zwischen Gericht und Bundesanwälten scheint derzeit aber ein bisschen getrübt zu sein. Erst vor wenigen Prozesstagen stauchte Richter Götzl einen der Prozessvertreter der Ankläger zusammen, weil der in einer Rechtsfrage eine andere Meinung vertrat. So etwas kam bis dahin nur vor, wenn ein Nebenklägeranwalt über die Stränge schlug. Und mehrmals schon hat Götzl Amts-Zeugen wegen offensichtlicher Unfähigkeit ziemlich demonstrativ schon nach wenigen Minuten entlassen – etwa BKA-Beamte, die als Waffenexperten oder Spezialisten für Videoauswertungen angekündigt waren, sich aber als völlig ahnungslos erwiesen. Es handelte sich um Zeugen der Bundesanwaltschaft, und Götzl dürfte mittlerweile etwas sauer darüber sein, dass ihm von Ermittlerseite immer wieder Zeugen in den Saal gehievt werden, die nur Zeit kosten, aber nichts bringen.

Ungewöhnlich ist auch die Herkunft dieser Videoaufzeichnungen. Sie existieren seit dem Tag des Anschlags, also seit dem 9. Juni 2004. Warum sie bis heute nicht für die Ermittlungen ausgewertet wurden ist eines dieser typischen NSU-Rätsel. Sie würden bis heute in den Archiven des BKA verstauben, wenn nicht der eine oder andere findige Nebenkläger-Anwalt sie aufgespürt hätte. Es handelt sich außerdem, so deutete Götzl an, um qualitativ hochwertige Aufzeichnungen, weit besseres Material also als die bisher bekannten und gezeigten schwummerigen Videos, auf denen man nicht mal mit Mühe viel erkennt. Die Bundesanwaltschaft hat sich aus rätselhaften Gründen aber nur für die Schwummel-Videos interessiert, nicht aber für die scharfen.

Und schlussendlich: Es wäre der erste handfeste Hinweis darauf, dass Beate Zschäpe bei einer Tat vor Ort war. Bisher ist dieser Nachweis nicht gelungen. Eine Zeugin, die meinte, sie habe Zschäpe in Nürnberg gesehen, erwies sich als etwas wirr. Und die einstige DKP-Vorstandsfrau Vera von Achenbach, die Zschäpe auf ihrem Nachbargrundstück gesehen haben will, hat sich offensichtlich nur etwas eingebildet.

Wenn dieses Videomaterial ausgewertet ist, dann erfahren wir vielleicht auch, warum sich bisher niemand damit beschäftigte – oder beschäftigen wollte. Vielleicht finden sich da ja noch weitere interessante Gesichter. Natürlich vorausgesetzt, dass sich im BKA jemand findet, der – anders, als der bisherige Video-Gutachter der Behörde – wirklich mit Videoanalysen auskennt. Er sollte z.B. in der Lage sein, mit der passenden Software aus mehrere Keyframes hochaufgelöste Einzelbilder zu rechnen. Der BKA-Gutachter, der jüngst zu den Schwummelvideos befragt wurde, wusste aber schon nicht, was Keyframes überhaupt sind.

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