Ein Beweisstück und sein – noch – ungelöstes Mysterium: Im NSU-Prozess projizierte ein Sachverständiger heute Hunderte Fundstücke aus der abgebrannten Wohnung in Zwickau, in der Beate Zschäpe mit ihren beiden mutmaßlichen Komplizen lebte. Eines der Bilder zeigte einen Mitgliedsausweises des Tennisclubs TSV Großgründlach. Darauf prangt das Foto Zschäpes. Ausgestellt ist er auf einen ihrer Alias-Namen aus der Untergrundzeit, Mandy Struck.

Den TSV Großgründlach gibt es tatsächlich. Es ist ein Mini-Tennisverein in einem kleinen Ort bei Nürnberg. Sein Gelände liegt gleich neben einem allgemeinen Sportverein und ist eher winzig. Er verfügt über gerade zwei Spielplätze. Der Vorsitzende wohnt nicht weit entfernt.

Beate Zschäpe kennt er nur aus der Zeitung, sagte er mir schon vor längerer Zeit. In Großgründlach habe er sie nie gesehen. Auch seine Mitglieder haben sie niemals getroffen. Sie sei auch niemals Mitglied des Vereins gewesen. Und schließlich schildert er einen ziemlich überzeugenden Umstand: Der TSV Großgründlach gebe an seine Mitglieder überhaupt keine Mitgliedsausweise aus. Der Verein habe nie solche Dokumente besessen.

Das Dokument, das Beate Zschäpe besaß, war also ein Fantasiedokument. Was mag sie damit bezweckt haben?

Der offenbar am Computer selbstgestaltete Ausweis war nicht das einzige Dokument, das der Sachverständige heute vor Gericht präsentierte. Da fand sich etwa ein Bibliotheksausweis aus Hannover, der mit ähnlichen Schriften gestaltet war wie die vermeintliche Vereinskarte. Zschäpe mag diese Dokumente mit sich getragen haben, um im Fall einer Ausweiskontrolle irgendein halbwegs aktuelles Dokument mit ihrem Foto und einem Decknamen zeigen zu können. Ihr letzter Personalausweis, der auf ihren richtigen Namen ausgestellt war, war ja schon einige Jahre alt – und er wäre gefährlich gewesen, den der Name Zschäpe stand schließlich in den Fahndungscomputern.

Die diversen Mitgliedskarten waren nicht die einzigen Dokumente, die der Sachverständige dem Gericht vorführte. Richtig beklemmend war eine umfangreiche Sammlung von Zeitungsausschnitten, die die Zwickauer Spurensicherer aus den durchweichten Trümmern retteten. Es handelt sich um Berichte über die Morde, die dem Trio angelastet werden. Sie stammen von Zeitungen aus dem gesamten Bundesgebiet. Auf einem Artikel einer Kölner Boulevardzeitung ist sogar ein Foto eines der Uwes zu sehen. Es stammt von einer Überwachungskamera und zeigt ihn, wie er ein Fahrrad über den Bürgersteig schiebt. Die Überschrift dazu: „Ist er der Nagelbomber?“

Es wirkt, als habe das Trio die Artikel wie Trophäen gesammelt – und womöglich von weiteren Komplizen vor Ort zugesandt bekommen.

1 Antwort
  1. Günter Platzdasch sagte:

    Sehr interessante Details zum NSU-Prozeß finde ich hier, die ich in der überregionalen Medienberichterstattung (leider) nicht finden kann. Daher würde mich direkter Kontakt interessieren.

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.