Was ist ein Verhör? Und was ist ein freundliches Geplauder bei einer Zigarette? Und wenn die Beschuldigte im Verhör klarstellt, dass sie keine Aussage machen will, darf dann vor Gericht verwendet werden, was sie hinterher während der Zigarettenpause sagte? Stundenlang befragte das OLG-München im NSU-Prozess den Zwickauer Kripo-Beamten André P. Er war es, der Beate Zschäpe unmittelbar nach ihrer Festnahme im November 2011 in Zwickau vernahm – interessanterweise gemeinsam mit einer extra angereisten Polizistin aus Baden-Württemberg, die im Mordfall Michelle Kiesewetter ermittelte. Und er war es auch, der Zschäpe nach dem offiziellen Teil in sein eigenes Dienstzimmer zum Pläuschchen bat – wiederum mit der Ermittlerin aus Stuttgart.

Als die Kippen brannten, habe er den „Eisbrecher“ gespielt und mit ein paar Fragen die Stimmung aufgelockert. Zschäpe trug da einen Trainingsanzug der Polizei. Ihre eigenen Kleider waren beschlagnahmt worden. Sie fühle sich in den Sachen nicht wohl, habe sie gesagt. Zschäpe habe befürchtet, wahrscheinlich werde das Gespräch jetzt wohl aufgezeichnet, was der Polizist aber verneinte. An die Details erinnerte er sich nicht mehr. Aber Zschäpe habe gesagt, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt seien für sie die Familie gewesen. Sie habe sich gewundert, warum die beiden Männer trotz ihrer behüteten Familien „so“ wurden, womit „so“ wohl das Abgleiten in die Kriminalität und den Untergrund bedeute, vermutete Ermittler P. Bei ihr sei das ja anders gewesen. Mit ihrer Mutter habe sie nie ein brauchbares Verhältnis gehabt. Sie sei ein Omakind. Den Vater kannte sie nicht, der Opa starb früh. Sie habe dann noch von ihren Katzen erzählt und gefragt, wo die seien. Im Tierheim, will der Polizist geantwortet haben. Die Nebenkläger glauben, dass Zschäpe sich mit der Frage nach den Katzen belastet habe. Sie habe nämlich einen Grund haben müssen, warum sie die Tiere aus der Wohnung schaffte, bevor die in die Luft flog. Das wäre zumindest ein mittelbares Eingeständnis, dass sie den Brand gelegt habe.

Zur Sache sagte Zschäpe auch beim Plausch nichts. An diesem Tag präsentierte die Polizei ihr ohnehin nur einen Verdachtsmoment, nämlich Brandstiftung. Sie hatte ja wenige Tage vor dem Verhör die konspirative Wohnung in Zwickau in Schutt und Asche gelegt. Dass sowohl beim Verhör als auch beim Plausch die Kripo-Ermittlerin aus Baden-Württemberg dabei war, liegt allerdings daran, dass da schon die Dienstwaffen der ermordeten Michelle Kiesewetter und ihres angeschossenen Kollegen aufgetaucht waren. Sie lagen in dem abgebrannten Wohnmobil, in dem die beiden toten Uwes gefunden wurden. Man kann vermuten, dass Zschäpe sich an den Vernehmungstag in Zwickau gut erinnert. Sie schwieg zwar auch jetzt wieder im Gericht, aber eine Frage ihre Anwalts Heer legt das nahe. Ob er sich erinnern könne, dass sie sich über den Auftritt der baden-württembergischen Polizistin wunderte, wollte er wissen. Ob er sie habe sagen hören, die spreche ja einen ganz anderen Dialekt als sächsisch. Der Beamte sagte im Gericht, daran erinnere er sich nicht. Zschäpe, so legt die Frage des Anwalts nahe, erinnerte sich wohl schon.

Mit Wonne stürzten sich die Verteidiger dann auf ein weiteres Detail des Zigarettenplauschs. Da klopfte es nämlich irgendwann an die Tür, und ein weiterer Beamter trat ein. Ob Frau Zschäpe zu einem DNA-Test bereit sei, habe er gefragt. Zschäpe habe nichts dagegen gehabt. Die Wonne der Verteidiger rührte daher, dass die Abgabe einer Speichelprobe nicht mehr recht zu einem quasi privaten Plauderstündchen passte, sondern sehr dienstlich vonstatten ging, einschließlich Belehrung und Unterzeichnung eines Formulars. Und konsequenterweise beantragten die Anwälte dann auch, die Aussage des Polizisten P. nicht als Beweismittel zu verwerten. Vereinfacht lautet die Begründung, mit dem Plausch habe der Polizist Zschäpes Recht unterlaufen, die Aussage zu verweigern.

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