Der Ermordete hinterließ dieses Schriftstück

“Bestädigung” steht über diesem Schriftstück, der Mundart folgend, in der die Menschen in Anhalt das Wort Bestätigung aussprechen. Geschrieben hat es ein Mann namens Herbert Scheibe aus Lodersleben, 30 Kilometer südwestlich von Halle. Scheibe wurde vor bald neun Jahren ermordet. Er sei erpresst worden, schreibt er in seiner “Bestädigung”. Der Erpresser habe ihn genötigt, ihm einen wesentlichen Teil seines Vermögens notariell zu überschreiben.

Als der Mord an Herbert Scheibe vor Gericht kam, spielte dieses Schriftstück keine Rolle. Es wurde nicht zu den Akten genommen. Offenbar haben weder Polizei noch Staatsanwaltschaft es ernst genommen. Es wurde vom Gericht zwar “durch Augenschein und Verlesung” zur Kenntnis genommen, als Beweismittel aber nicht akzeptiert. Die beiden – Scheibe und der Mann, der ihn erpresst haben soll – hätten “ein gutes Verhältnis” gepflegt, hielten die Richter im Urteil fest. Eine Woche, nachdem Scheibe das Schriftstück verfasste, habe er noch mit mit der Familie des Mannes die Hochzeit seiner Tochter gefeiert. Die Aussagen einer “Vielzahl von Zeugen” aus Lodersleben bestätigten das. Deshalb könne das Dokument “die Annahme einer Erpressung nicht […] stützen”.

Die “Bestädigung” war für die Polizei bestimmt – falls ihm etwas passiert. Wovor fürchtete Scheibe sich?

Nach dem Prozess war das Original längere Zeit verschollen. Später fand es sich in einem Pappkarton. In den hatte die Polizei nach Abschluss des Verfahrens alle möglichen beschlagnahmten Gegenstände zusammengepackt und der Lebensgefährtin des Verurteilten zurückgeschickt.

Schuldig gesprochen und verurteilt wurde am 9. Januar 2004 ausgerechnet der Mann, dem Scheibe seine “Bestädigung” anvertraut hatte, und zwar mit der Bitte, sie der Polizei zu übergeben, falls ihm etwas passiere. Es handelt sich um seinen Schwager und Nachbarn Helmut Marquardt, der am Wochenende 74 Jahre alt wurde. Er bekam lebenslänglich und sitzt seitdem im Gefängnis. Marquardt war nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung aus dem Westen nach Lodersleben zurückgekehrt. Ursprünglich stammte er aus Ostpreußen. Nach dem Krieg floh er mit seinen Eltern und seiner sieben Jahre älteren Schwester zunächst bis Lodersleben. Dort besuchte er die Schule. Die Schwester heiratete 1946 Herbert Scheibe. Marquardt verließ Lodersleben 1956 und zog nach Hamburg. Dort arbeitete er bis Ende 1989 bei der Ölfirma BP. Den Kontakt mit Schwester und Schwager hielt er auch über die DDR-Zeit. Er kam regelmäßig zu Besuch, schickte Pakete mit Westware und Westmark für die Renovierung des Hauses. Mit einer Abfindung von 221.000 DM und einer auskömmlichen Rente von monatlich 2000 Euro beendete Marquardt sein Berufsleben. Er kehrte nach Lodersleben zurück und baute auf dem großen Grundstück des Schwagers in der Ortsmitte ein Haus. Dort traf er auch eine alte Schulkameradin wieder, mit der er zusammenzog und die bis heute seine Lebensgefährtin ist. Dass sich Scheibe und Marquardt zumindest über die ersten Jahre gut verstanden und engen Umfang pflegten, scheint unstrittig. Auch das Gericht sieht das so. Während dieser Zeit setzte Scheibe sein Testament auf und benannte Marquardt als Alleinerben.

Der ermordete Herbert Scheibe mit einem Enkelkind

Dann starb Marquardts Schwester. Die Leumundszeugen aus Lodersleben sagten vor Gericht, die Frau habe die Freundschaft der beiden Männer immer unterstützt. Nach ihrem Tod sei das Verhältnis abgekühlt. Als Scheibe dann noch zu Lebzeiten einen wesentlichen Teil seines Vermögens einem anderen Mann im Dorf überschrieb, hätten sich die beiden überworfen. Diese Ansicht teilen allerdings nicht alle im Dorf. Die, die das anders sehen, möchten aber keinesfalls zitiert oder namentlich genannt werden. Zweifel sind auch deshalb angebracht, weil Scheibe seine brisante “Bestädigung” erst nach der  Schenkung verfasste und Marquardt übergab.

Zuerst erschlagen, dann gefesselt, schließlich noch erstochen

Der Mord an Scheibe ging ausgesprochen brutal vonstatten. Der Mörder – wer immer es wirklich war – tötete übergründlich. Am Abend des 19. März 2002 überraschte er sein Opfer, das offenbar auf dem Sofa lag. Er verpasste ihm “in Tötungsabsicht mittels eines unbekannt gebliebenen Gegenstandes vier wuchtige Schläge auf den Kopf”, heißt es im Urteil. Zwei der Schläge waren derart wuchtig, das sie die Schädeldecke durchbrachen. Anschließend habe der Täter das auf dem Bauch liegende Opfer gefesselt. Mit Kabelbindern fixierte er die Hände auf dem Rücken und band die Füße zusammen. Dann griff er sich ein Messer – laut Gerichtsakten mit einer “Mindesklingenlänge von 21 cm” – und stach dem wohl schon Bewusstlosen zwei Mal von vorn in den Hals. Den Kopf muss der Mörder dabei angehoben haben. Die Stiche waren so heftig, dass hinten ein Halswirbel verletzt und dazwischen die Luftröhre zerteilt wurde. Der Mörder  wollte wohl ganz sicher gehen, dass Scheibe diesen Überfall nicht überlebt.

Die vielleicht größte Schwäche des Urteils ist das fehlende Motiv. Es habe “nicht zweifelsfrei festgestellt werden” können, welche Beweggründe Marquardt getrieben haben sollen. “Dieser Umstand”, so die Richter, “vermag jedoch nicht die ihn belastenden Indizien, insbesondere zu den bei der Tat verwendeten

  • Tatmitteln

sowie der am Körper Herbert Scheibe aufgefundenen

  • DNA des Angeklagten,

zu erschüttern.”

Bei den “Tatmitteln” handelt es sich allerdings nicht um Schlagwerkzeug und Messer. Die Waffen wurden nie gefunden. Das Gericht nahm stattdessen mit den Kabelbindern und einer Kneifzange vorlieb. Bei den Kabelbindern habe es sich um ein spezielles Fabrikat gehandelt, das bei Marquardts früherer Firma BP verwendet wurde und sonst in Lodersleben nicht verfügbar gewesen sei. Abgeschnitten habe der Mörder die Kabelbinder mit einer Kneifzange, die Marquardt gehöre. Dass Marquardt und Scheibe sich immer wieder gegenseitig Werkzeug liehen und gemeinsam mit Kabelbindern Kränze als Grabschmuck geknüpft hätten, etwa für die verstorbene Schwester Marquardts, ließ das Gericht als Einwand nicht gelten.

Bei der DNA des Angeklagten handelte es sich um eine Spur, die an einem Finger des Toten gefunden wurde. Die konnte Marquardt im Prozess nicht erklären – oder besser: wollte nicht. Sein damaliger Anwalt hatte ihm dringend davon abgeraten (und das inzwischen schriftlich eingeräumt), weil er erwartete, das Gericht würde seine Erklärung als Schutzbehauptung abtun.

Helmut Marquardt (74) wurde für den Mord verurteilt

Sie lautet so: Er – Marquardt – habe gesehen, dass die Übergardinen der Wohnzimmerfenster in Scheibes Haus zugezogen waren. Das sei ungewöhnlich gewesen und habe ihn gewundert. Er sei zum Haus gegangen, und die Hoftür sei verschlossen gewesen – auch das ungewöhnlich. Er sei dann durch das Fenster der Waschküche eingestiegen, habe laut “Hallo” gerufen, aber keine Antwort bekommen. Es sei ihm unheimlich gewesen, er habe geschwitzt. Im Haus fiel ihm zuerst ein umgestürzter Schirmständer auf, dann das aufgebrochene Schloss der Flurtür. Er sei die Treppe in die obere Etage gestiegen und habe im Wohnzimmer die geöffneten Türen des Schreibsekretärs bemerkt. Darin habe sein Schwager seine Unterlagen aufbewahrt. Im Wohnzimmer schließlich sah er den toten Scheibe auf dem Sofa liegen. Die Knie seien ihm weich geworden, er habe sich über den Liegenden gebeugt und mit den Fingern eine der gefesselten Hände berührt. Sie habe sich kalt angefühlt.

Das würde die DNA-Spur erklären.

Dann, so Marquardt weiter, sei er um einen Sessel gegangen und habe gesehen, dass alle Schubladen des Wohnzimmerschranks herausgezogen waren und der Inhalt auf dem Boden verstreut lag. In einem Fach habe immer eine Blechkassette gelegen, in der sich Goldschmuck und Schuldscheine befunden haben sollen. Auf den Schuldscheinen sei festgehalten gewesen, dass Scheibe ausgerechnet dem Mann insgesamt 28.000 DM geborgt haben soll, den er in seiner “Bestädigung” der Erpressung beschuldigte. Die erste Rückzahlungs-Rate sei im Januar 2002 fällig gewesen, zwei Monate vor dem Mord. Marquardt sagte im Prozess, er habe dank seines vertrauensvollen Verhältnisses zu Scheibe davon gewusst. Aber die Kassette sei weg gewesen.

Diese Begebenheit erzählte Marquardt einige Wochen später einer Nachbarin. Und er schilderte sie seinem damaligen Anwalt, der ihm riet, sie vor Gericht bloß nicht zu wiederholen.

In Lodersleben ist der Mord an Herbert Scheibe bis heute nicht vergessen. Er lastet wie ein Schatten auf dem Dorf. Nur selten sieht man Menschen auf der Straße, eigentlich nur Alte, die auf Fragen nur verhalten antworten. Manche sagen, Marquardt, der Wessi, habe sich zu wichtig genommen, man habe ihn von Anfang an unter Verdacht gehabt. Andere schütteln nur den Kopf, schauen, ob jemand anders zusieht, nennen die Tat grausam oder fürchterlich und geben zu verstehen, dass sie weiter nicht darüber sprechen möchten.

“Ich habe mich bombig mit ihm verstanden. Bombig!”

Ich habe auch den Mann getroffen, den Scheibe vor seinem Tod als Erpresser bezeichnete. Seine Frau, auch sie war Zeugin im Prozess, stand mit einer Nachbarin vor dem Haus, als ich mich näherte. Sie kam auf mich zu, fragte, wen ich suche und holte dann ihren Mann. Die beiden ließen mich ein, wir setzten uns, und ich bat ihn, zu erzählen, wie er sich an den Fall erinnere. Bevor er antwortete, stellte sich einer seiner Schwiegersöhne dazu, erkundigte sich sichtlich misstrauisch nach dem Grund meiner Fragen, hörte eine Weile mit und zog sich dann zurück.

Der Mann erzählte, unterstützt von seiner Frau, wie er den toten Herbert Scheibe gefunden habe. Die beiden hätten ihn am nächsten Tag besuchen wollen. Ihnen sei das aufgebrochene Türschloss aufgefallen, sie seien ins Haus gegangen. Er sei es dann gewesen, der Scheibe auf dem Sofa sah, sagte der Mann. Er habe ihn reflexhaft berühren wollen, aber seine Frau habe ihn davon abgehalten. Irgendwie sei er dann ins Auto gestiegen, völlig aufgelöst, sei zu sich gefahren und habe die Polizei angerufen.

Mit Scheibe, erzählt er, habe er sich immer großartig verstanden. Der habe ihm damals, zu DDR-Zeiten, seine Ausbildung als Autoelektriker verschafft. Scheibe sei regelmäßig zum Essen vorbeigekommen. “Bei uns ist nie ein böses Wort gefallen”, sagte er, wobei seine Frau den Kopf wiegte, abwinkte, so etwas wie “jaja” sagte, leicht ironisch, aber dann hinzufügte, dass es nie Schlimmeres gegeben habe als kleinere Meinungsverschiedenheiten. “Ich habe mich bombig mit ihm verstanden. Bombig!”, sagte der Mann.

Als ich ihn auf den Erpressungsvorwurf ansprach, lachte er auf. “Womit denn?” Scheibe habe ihm Geld geschenkt, nicht geborgt.

Wir sprachen auch über den Mord, und ich fragte ihn, welches Motiv der verurteilte Marquardt gehabt haben könnte. “Hass”, antworteten beide, Frau und Mann. Marquardt habe Scheibe gehasst, weil der den wesentlichen Teil seines Vermögens verschenkt habe, das habe ja sein Erbteil geschmälert. Zwischendurch erschien eine Tochter des Ehepaares. Die Frau verschwand kurz mit ihr in einem hinteren Zimmer, kehrte dann zurück und meinte, die Tochter sehe es nicht gern, dass die Eltern mit mir reden. Sie sprachen trotzdem weiter. Er schilderte, was er von Herbert Marquardt hielt, nämlich nichts. “Er musste immer im Mittelpunkt stehen”, habe sich als reicher Wessi für etwas Besseres gehalten, habe seinen Wohlstand zur Schau gestellt. “Nur Ärger hatten wir mit ihm”. Er habe keinen Zweifel, dass Marquardt der Täter sei. Das Gericht habe genug Beweise gehabt.

Und dann sagte er noch, er selber habe keinen Grund gehabt, Scheibe zu töten. Er habe von dem Tod ja nichts gehabt.

***

Helmut Marquardt hat inzwischen den Anwalt gewechselt und kämpft um Wiederaufnahme. Seinen ersten Antrag hat das Landgericht Magdeburg am 10. Juli 2010 abgelehnt. Dagegen und gegen die Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft hat sein Anwalt Dirk Simon Beschwerde beim Oberlandgericht Naumburg eingelegt. Dessen – wohl schicksalhafte – Entscheidung steht noch aus.

8 Kommentare
  1. Otto Wolf, Dr. Christine Wolf sagte:

    Ich fordere die Wiederaufnahme des Verfahrens. Wahrheit und Recht müssen vor Rechtskraft und Rechtsfrieden in unserem demokratischen Rechtsstaat stehen!

    Antworten
  2. Teah Wollschlaeger sagte:

    Ja Herr Marquardt ist ein sogen.”Bauernopfer”.Wer hat jetzt eigentlich Nutzen von dessen
    beruflicher Abfindung (221000.-)?

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  3. Johanna Gravel sagte:

    Hier steht die Justizministerin eindeutig in der Verantwortung! Es muß was passieren, so ist das unerträglich.

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  1. […] Zweifel an Urteil nach Opa-Mord: Forensiker Mark Beneke fordert Glaubhaftigkeitsgutachten Seit nunmehr acht Jahren sitzt Helmut Marquardt (75) für einen Mord im Gefängnis, den er vermutlich nicht begangen hat – was jetzt den Forensiker und Bestseller-Autor Mark Beneke auf den Plan ruft. In seinem neuen Buch “Aus der Dunkelkammer des Bösen” beschreibt Beneke den Fall detailliert. Sein Fazit: Marquardts eigene Aussagen über das Auffinden des Mordopfers seien zumindest eine Prüfung wert. Sie zeigten “einige Merkmale, die für eine wirklich selbst erlebte Geschichte sprechen”. […]

  2. […] Fall Helmut Marquardt: Opa-Mord in Lodersleben: Sitzt der Falsche im Gefängnis? […]

  3. […] nunmehr acht Jahren sitzt Helmut Marquardt (75) für einen Mord im Gefängnis, den er vermutlich nicht begangen hat – was jetzt den […]

  4. […] bald sieben Jahren wegen eines grausamen Mordes in Lodersleben (Sachsen-Anhalt) verurteilt wurde. Hier die ganze Geschichte. Marquardt wurde in einem Indizienprozess verurteilt. Er beteuert bis heute seine Unschuld. Das […]

  5. […] Helmuth Marquardt für einen Mord im Gefängnis, den er nicht begangen hat?  Auf diesen Text habe ich überraschend viele Reaktionen bekommen, die zudem in ungewohnter Form eingingen, nämlich […]

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