Ein Beschuldigter sitzt bei der Polizei und wird vernommen. Er verlangt einen Anwalt. Er bekommt einen Staatsanwalt. Der Staatsanwalt soll ihm gesagt haben, ein Rechtsanwalt könne jetzt auch nichts groß fĂŒr ihn tun. Klingt schrĂ€g, ist aber so passiert: Vergangenen September, als die Polizei im oberfrĂ€nkischen Naila einen gewissen Manuel S. vernahm. Das ist der Mann, den die Ermittler derzeit beschuldigen, im Jahr 2001 die neunjĂ€hrige Peggy in Lichtenberg umgebracht zu haben. Und die Auskunft war auch Quatsch: Manuel S. hĂ€tte einfach aufstehen und gehen können, aber das scheint der Staatsanwalt ihm nicht gesagt zu haben.

Das war die Vernehmung, von der es heißt, Manuel S. habe darin eine wahrhafte RĂ€uberpistole gestanden: Er sei mit seinem Auto durch Lichtenberg gefahren. An einem BuswartehĂ€uschen habe ihn ein Mann angehalten. Dieser Mann habe die leblose Peggy bei sich gehabt. Manuel S. habe versucht, sie zu beatmen. Das sei schief gegangen. Der Mann im BuswartehĂ€uschen habe gefragt, ob er die Peggy nicht irgendwie wegschaffen könne. Klar doch. Er habe seinen Kofferraum geöffnet, eine rote Decke rausgeholt, Peggy eingewickelt, in den Kofferraum gelegt und habe sie dann 20 Kilometer weit in ein WaldstĂŒck gefahren und im Boden vergraben. Ja klar doch, wer hĂ€tte das nicht getan?

Wo sind die Schuhe? Falsche Antwort…

Diese Story ist schon seit lĂ€ngerem bekannt. Aber hier ein Detail, das ich – wie die Episode mit dem Staatsanwalt – fĂŒr meinem neuen Podcast Geheimakte Peggy bei ANTENNE BAYERN erst jetzt in Erfahrung gebracht habe und das öffentlich bis dato nicht bekannt war. Es betrifft Peggys Schuhe. Anders als Schulranzen und Jacke waren die nicht verschwunden, sondern befanden sich nahe bei den sterblichen Überresten, die ein Pilzsammler im Sommer 2016 zufĂ€llig in diesem WaldstĂŒck bei Rodacherbrunn auf der ThĂŒringischen Seite fand. Die Ermittler fanden sie rund 15 Meter entfernt.

In erwĂ€hnter Vernehmung behauptete Manuel S. zunĂ€chst, Schulranzen und Jacke habe er mitgenommen und spĂ€ter bei sich verbrannt. Dann fragten die Ermittler, was er mit den Schuhen gemacht habe. Da, so hat es mir sein Anwalt gesagt (jetzt tatsĂ€chlich Rechts-, nicht Staatsanwalt), habe er dann erstmal ein paar falsche Antworten gegeben. Weggeworfen, wohl auch verbrannt, derartiges. Es sei dann ziemlich unruhig geworden in diesem fensterlosen Vernehmungszimmer im Keller der Polizeistation, denn diese Antworten passen nicht recht dazu, dass die Schuhe gefunden wurden. Die Vernehmer hĂ€tten Manuel S. ermahnt, endlich doch „die Wahrheit“ zu sagen. Und schlussendlich habe Manuel S. gemeint, er wisse es nicht mehr. Puh, da waren die Vernehmen wohl erleichtert. „Nicht mehr wissen“ mag zwar nicht optimal sein, passt aber notfalls auch.

So, wie ich das hier schreibe, mag es ein bisschen flapsig klingen, aber so soll es nicht gemeint sein. Ich will Polizei und Staatsanwaltschaft in Bayreuth auch nicht den Willen absprechen, ernsthaft den Fall Peggy nach nunmehr bald 18 Jahren doch noch zu lösen. Es mag schon sein, dass das Landgericht Bayreuth die Vernehmung mit dem obskuren GestĂ€ndnis fĂŒr verwertbar hĂ€lt, aber leise Zweifel am korrekten Ablauf darf man trotzdem Ă€ußern. Und kein Wort hat das Gericht – Ermittlungsrichter, nicht Tatrichter – zur GlaubwĂŒrdigkeit gesagt. 

Unschuldsvermutung? Nun ja…

Ein bisschen unanstĂ€ndig finde ich, dass bei der Soko Peggy ein oder zwei Beamte zeitlich gut koordiniert belastende Details an Journalisten durchgestochen haben – nicht als persönliche Gefallen, sondern zwecks Stimmungsmache in der Öffentlichkeit. Das ist eine nicht gerade korrekt. Schon der offizielle Teil der Pressearbeit war ja durchaus fragwĂŒrdig. Polizei und Staatsanwaltschaft haben seit vergangenem September ziemlich auf den Putz gehauen. Gemessen daran erscheint die Substanz an Beweismaterial erst recht ziemlich dĂŒnn. Im Podcast gehe ich das sehr detailliert durch.

Zu den Irrwitzigkeiten im Fall Peggy gehört nunmehr auch, dass eine zweite Staatsanwaltschaft – WĂŒrzburg – gegen die Peggy-Ermittler in Bayreuth ermittelt. Dabei geht es um eines der Beweismittel, mit denen die Bayreuther Manuel S. kriegen wollen. Es handelt sich um ein heimlich im Jahr 2002 aufgezeichnetes GesprĂ€ch zwischen Ulvi K. und seinem Vater. Ulvi K. war wegen des Mordes an Peggy verurteilt worden, aber zu Unrecht. In einem Wiederaufnahmeverfahren wurde er spĂ€ter freigesprochen. Das falsche erste Urteil, der Umgang mit GestĂ€ndnissen, Zeugenaussagen und Beweismitteln hatte sich damals nach und nach zu einem veritablen Justizskandal ausgeweitet. Im Ganzen beschuldigte Ulvi K. damals um die 40 (!) Leute, ihm geholfen zu haben, je nach Vernehmungssituation, ob ihm gerade jemand Zigaretten verbieten wollte, etc. Eine Woche nach diesem GesprĂ€ch, das die Bayreuther Ermittler jetzt fĂŒr einen Beweis halten, beschuldigte Ulvi K. seinen Vater. Diese Variante glauben Polizei und Staatsanwaltschaft freilich nicht, die andere dagegen schon. Man kann nur hoffen, dass sich das Muster der damaligen Ermittlung nicht wiederholt.

Im Podcast beschĂ€ftige ich mich auch mit der Frage der Unschuldsvermutung. Offen gesagt: Ich finde es befremdlich, dass mir die Staatsanwaltschaft gebetsmĂŒhlenhaft in jeder Antwortmail mitteilt, dass die Unschuldsvermutung auch fĂŒr Manuel S. gelte. Das ist mir durchaus klar. Nur: Wie vertrĂ€gt sich das mit den massiven und vermutlich unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Auftritten der Polizei im kleinen Marktleuthen, wo der Mann wohnt? Oder damit, dass die Ermittler auf ihrer Pressekonferenz vergangenen September seinen vollen Namen nannten? Oder damit, dass diese ein oder zwei Polizisten systematisch Untergrund-PR mit ausgewĂ€hlten, durchgestochenen Infos betreiben? 

Und noch etwas wundert mich: Dass die Polizei wieder zurĂŒck will auf Null und so tut, als habe es das Wiederaufnahmeverfahren gegen Ulvi K. mit dem Freispruch nicht gegeben. Manuel S. soll ja jetzt nur MittĂ€ter von Ulvi K. gewesen sein, das ist die Hypothese, die die Ermittler jetzt vertreten, wenn auch nur intern. Demnach meint die Polizei also erneut, dass alle Zeugen in Lichtenberg gelogen haben, die Peggy am Nachmittag oder Abend noch gesehen haben. Denn wenn die Ulvi-Manuel-These stimmen sollte, dann muss Peggy am Mittag ermordet worden sein. Anders funktioniert das mit den Alibis nicht. Ich bin ehrlich gespannt, wie diese Nummer ausgeht.

Neue Ermittlungen, alte Fehler: Geheimakte Peggy, mein Podcast fĂŒr ANTENNE BAYERN. Folge 1 ist draußen.

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