So erbarmungslos hat ein Gericht wohl selten einen Kriminalermittler zerlegt. Es ging um das Geständnis des Ulvi Kulac, er habe Peggy ermordet. Offensichtlich ist das Gericht davon überzeugt, dass die Vernehmer ihrem Beschuldigten mehr oder weniger alles eingeredet haben, was er sagte.  Die Fragen stellte in der Regel der über alle Prozesstage bestens vorbereitete Beisitzer Jochen Goetz. Mit seinen Vorhalten brachte der den Kriminalermittler im Zeugenstand mehrmals in Verlegenheit.

Es ging schon mit der Frage los, warum Ulvi Kulac bei einer Autofahrt von Beamten befragt wurde, obwohl sein damaliger Anwalt genau so etwas untersagt hatte. Er wisse es leider nicht, sagt der Beamte.

Goetz zitierte aus einer Vernehmung, bei der es um Peggys angebliche Flucht vor Ulvi ging. Sie sei gestürzt und habe an der rechten Seite ihrer Stirn geblutet. Ulvis damaliger Anwalt habe gefragt: Sicher? Der Vernehmer zu Ulvi: Sie sollten sich nicht beeinflussen lassen.

Wie sich Ulvi in diesem Verhör verhalten habe, will Richter Goetz wissen. „Hat er sich auf die Vernehmer konzentriert?“ „Schwer zu sagen“, antwortete der Kriminalbeamte. Aber: „Er hat Augenkontakt gesucht, als suche er eine Bestätigung“.

Der nächste Vorhalt aus dem Vernehmungsakten:

Peggy habe an Stirn und Knie geblutet, sagte Ulvi aus.  Was er dann gemacht habe, will sein Vernehmer wissen. Nachgeschaut, ob ich Pflaster dabei habe, antwortete er. Er habe eigentlich meistens Pflaster dabeigehabt. Darauf der Vernehmer: „Ich gehe jetzt mal von mir aus. Ich hätte ein Taschentuch oder die Hand auf die Wunde gelegt und nachgeschaut.“

Beisitzer Goetz blätterte zehn Seite weiter und setzte fort:

Ulvi habe im Verhör erzählt, er habe Peggy vom Boden aufgehoben und gesagt, er schaue mal nach, ob er ein Pflaster dabeihabe. Peggy habe laut Ulvi geantwortet: Es wäre schön, wenn Du ein Pflaster oder ein Taschentuch gehabt hättest.

Taschentuch? Der Richter will wissen, ob Ulvi nur deshalb auf ein Taschentuch gekommen sein könnte, weil der Vernehmer zehn Minuten vorher ein Taschentuch ins Spiel brachte. „Es wird uns vorgeworfen, wir hätten ihm was suggeriert“, klagt der Zeuge, „aber das wollten wir ja vermeiden“. Allerdings sei ihm damals schon aufgefallen, dass Ulvis Schilderungen ziemlich merkwürdig waren und nennt ein schönes Beispiel dafür: „Das dann doch nicht stimmen, dass jemand, der Panik hat und fliehen will, über ein Pflaster oder Taschentuch spricht.“

Nächster Vorhalt des Beisitzers:

Peggy habe also gewimmert, fasst der Vernehmer einen Satz von Ulvi Kulac zusammen. Das sei Ihnen doch sicher nahegegangen? Darauf Ulvi: Ich habe ihr gesagt, Indianer kennen keinen Schmerz.

Wieder so ein Satz, den Ulvi mal irgendwo aufgeschnappt haben könnte, folgerte der Beisitzer. Die Vorhalte bekommen eine Richtung. Der nächste:

Der Beisitzer liest aus dem Protokoll und zitiert den Vernehmer: „Soll ich Ihnen mal sagen, was ich glaube? Ist die Peggy vielleicht ein zweites Mal hingefallen? Überlegen Sie gut!“

Und gleich danach:

Beisitzer zitiert wieder den Vernehmer: „Ich hätte mal versucht, die Peggy auf der Treppe einzuholen. Warum haben Sie nicht versucht, die Peggy einzuholen?“

Dann legt der Richter offene Widersprüche bloß, etwa den, der das angebliche Mordmotiv betrifft, also den Vorwurf, Ulvi habe Peggy vergewaltigt. Einerseits:

Beisitzer zitiert wieder den Vernehmer: „Sie haben uns gesagt, Sie hätten Angst gehabt, dass die Peggy was erzählt und sie alt aussehen.“ Ulvi: „Ja!“

Andererseits:

Da ging es um die Frage, wie Ulvi Peggys Stiefvater erklären wollte, dass Peggy einen Kratzer an der Stirn habe. Ulvi erklärt: „Dass ich Sexverkehr mit ihr hatte, mich entschuldigen wollte und sie vor mir weggelaufen und gefallen ist.“

Sagt das jemand, dem das Gericht später vorwirft, er habe Peggy ermordet, um eine Vergewaltigung zu verdecken?

Zuvor war es in der Verhandlung um die Umstände gegangen, unter denen Ulvi Kulac sein Geständnis ablegt. Der Zeuge schilderte einen Ablauf, der so noch nicht bekannt war und den im zweiten Verhandlungstag der Chef der zweiten Sonderkommission, Wolfgang Geier, und ein weiterer Vernehmer auch schon erzählt hatten. Er geht so:

Ulvi Kulac sei regulär vernommen worden. Ein Geständnis habe es nicht gegeben. Dann war die Vernehmung zu Ende. Der Anwalt verabschiedet sich, die Kripoleute bauen ihre Aufnahmegeräte ab. Alle sind mehr oder weniger aufbruchbereit. Nur Ulvi Kulac, der sitzt da noch im Vernehmungszimmer, bei ihm der Lichtenberger Polizeibeamte Walter H.. H. gehört nicht zur Soko, er ist auch kein Kripo-Mann, sondern einer, der Kulac schon seit lange kennt und als Vertrauensfigur dabei war. H. und Kulac hätten dann „die Köpfe zusammengesteckt“. Er habe dazu zufällig aus dem Nebenzimmer mitbekommen, sagte einer der Kripo-Vernehmer, sich still in den Türrahmen gestellt und habe aus der Ferne gelauscht. Ein weiterer Soko-Mann will im Nebenzimmer mitgehört haben. Ein dritter, so sagte Geier aus, sei die Treppen heruntergerannt, um ihn zu suchen und habe dann gemeldet: „Er gesteht gerade“. Die ganze Zeit über habe sich niemand in den Plausch zwischen Kulac und dem Lichtenberger Polizisten eingemischt. Eine halbe Stunde habe das gedauert. Dann habe einer der Kripo-Leute „verschriftet“, was er da aufschnappte – das mittlerweile legendäre Gedächtnisprotokoll des Geständnis-Verhör entstand. Es unterschrieben zwei der Soko-Ermittler und der Lichtenberger Polizist H.

Wie er dazu komme, dieses Protokoll zu unterschreiben, obwohl er nur einen Teil des Gesprächs mithören konnte, will Kulacs Anwalt Michael Euler wissen. Er habe immer „Mund und Nase zuhalten“ verstanden, antwortet der.

Dann will der Anwalt wissen, wie die Soko den Wahrheitsgehalt des Geständnisses überprüfte, immerhin gab es darin ja objektiv nachprüfbare Aussagen. Er selber habe noch am selben Tag Ulrike S. festgenommen und verhört, antwortet der Beamte. Die hatte Ulvi Kulac in seinem Geständnis als Helferin genannt. Sie soll mit ihrem Freund und ihrem Auto gekommen sein, um Peggys Leiche abzutransportieren. Sie hatte aber ein Alibi und an diesem Tag war ihr Auto abgemeldet. „Das war bis zum Abend abgeklärt“, sagte der Zeuge.

Warum habe es aber dann exakt drei Wochen gedauert, bis Ulvi Kulac für ein Tatrekonstruktionsvideo vor die Kamera geholt wurde? Der Beamte sagte, er wisse es nicht mehr. Ob es vielleicht daran liege, dass da Kulacs Verteidiger verreist gewesen sei? Der Zeuge schüttelte den Kopf.

Für den Nachmittag hat das Gericht das Gutachten von Prof. Hans-Ludwig Kröber geplant. Ob Kröber seinen Bericht abgeben wird ist aber dennoch unklar. Am Rande ist zu hören, dass die Staatsanwaltschaft den Sachverständigen heute nicht hören möchte. Das Gericht will offenbar über Mittag entscheiden, ob es ihn dennoch befragt oder nicht. Kröber hatte im ersten Prozessdurchgang eine entscheidende Rolle. Er meinte damals, das Geständnis sei glaubhaft. Dem Vernehmen nach hält er daran nach wie vor fest. Er begründete das damals u.a. damit, dass Ulvi Kulac nicht „erhöht suggestibel“ sei und die Polizei nicht darauf vorbereitet gewesen sei, ihm eine erfundene Story für den Tathergang vorzuhalten.

Richter Eckstein hatte bereits am Ende des zweiten Prozesstages angedeutet, dass er Kröbers Expertise möglicherweise nicht folgen werde. Er bemerkte, Ulvi habe wohl eine Neigung, bestimmte gedankliche Versatzstücke immer wieder in unterschiedliche Zusammenhänge zu setzen, etwa das Motiv „blutendes Knie und Pflaster“, das mal in Variationen des Geständnisses, mal an anderer Stelle auftaucht.

Für Kröber dürfte es so oder so eng werden – egal, ob heute oder nach den Osterferien.

4 Kommentare
  1. Hans Krämer sagte:

    Ihre Schilderungen sind sehr viel interessanter und aufschlussreicher als die üblichen Presseberichterstattungen. Danke.

    Was ist Ihre Meinung zu Geiers merkwürdiger Erklärung am zweiten Prozesstag, er habe von der Tathergangshypothese erst vor einigen Wochen erfahren? Was für eine Nummer will der SOKO II-Chef hier abziehen? Will er sich selbst als dumm darstellen, das Bayreuther Landgericht oder die interessierte Öffentlichkeit? Von “Kommunikationsdefiziten” in der SOKO II ist neuerdings die Rede. Wem hat Herr Horn die Hypothese übergeben und erklärt? Ist er heimlich dagewesen, um sein dreiseitiges Papier unauffällig in einem Aktenordner verschwinden zu lassen? Wenn der Herr Geier auf Dienstreise und anschließend im Urlaub war (die Arbeit der SOKO II muss wohl so wichtig gewesen sein, dass der Chef auch noch Urlaub machen konnte?) haben dann seine Mitarbeiter die Tathergangshypothese für so unwichtig gehalten, dass sie ihren Chef nicht davon berichten mussten?

    Gruß aus Lichtenberg
    H.K.

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  2. gabrielewolff sagte:

    “Warum habe es aber dann exakt drei Wochen gedauert, bis Ulvi Kulac für ein Tatrekonstruktionsvideo vor die Kamera geholt wurde?”

    Die Frage kann ich nicht nachvollziehen. Denn noch am Geständnistag 2.7.2002 wurden gleich zwei Videos gedreht: eins von der ergebnislosen Leichensuche im Wald bei Schwarzenstein und ein Rekonstruktionsvideo in Lichtenberg…

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  3. Rudolf Sponsel sagte:

    “Er meinte damals, das Geständnis sei glaubhaft.”
    Eine wirklich sehr gelungene Formulierung, sozusagen ein Volltreffer. “Meinen”, statt begründen, herleiten, belegen ist die “Kompetenz” der forensischen Psychiatrie: das Meinungsachten ist ihre Domäne.
    Vielen Dank für die Berichterstattung.

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