Zwei entscheidende Polizeizeugen haben am zweiten Tag im Peggy-Wiederaufnahmeverfahren bisher berichtet, wie sie damals auf den geistig minderbemittelten Ulvi Kulac als möglichen Täter kamen – der Chef der zweiten Sonderkommission, Wolfgang Geier und der Münchner Profiler Alexander Horn. Vor allem Horn hatte im Zeugenstand zu kämpfen – das Gericht nahm ihn regelrecht auseinander.

Horn schilderte, wie er zehn Tage nach Peggys Verschwinden noch von der ersten Sonderkommission zu einem Treffen eingeladen wurde. „Es ging um die Frage: Was könnte vorgefallen sein?“, erklärte er dem Richter. Alsdann berichtete er, nach welcher Methode er vorging – nämlich empirisch-statistisch. Peggy war bereits zehn Tage verschwunden, was ein simples Weglaufen unwahrscheinlich mache. Nächste Überlegung: Ein Unfall mit oder ohne Beteiligung Dritter – auch der wäre nach zehn Tagen wohl zu klären gewesen. Dritte Überlegung: Eine Erpressung – aber die war nach zehn Tagen ohne Lösegeldforderung oder ähnliches auch unwahrscheinlich. Also sei nur Variante vier infrage gekommen: Ein Tötungsdelikt, wiederum unterschieden in „persönliche Motivation“ und „sexuelle Motivation“. Horn sprach von „Entscheidungsraum aufmachen“ und „Hypothese verifizieren oder falsifizieren“.

Bei einem zweiten Termin sei es dann darum gegangen, mögliche Verdächtige zu kategorisieren und wiederum Wahrscheinlichkeiten anzunehmen, vom „Nahraum“ zum weiteren Umfeld zu gehen. Heraus kamen folgende Kategorien:

  1. Die Familie
  2. Täter mit Opferbezug
  3. Täter mit Ortsbezug
  4. Ortsfremde Personen ohne Opferbezug.

Wiederum habe man Wahrscheinlichkeiten angenommen und Kategorie 4 gleich zur Seite gelegt. Die komme einfach zu selten vor. Als Schlussfolgerung habe Horn den Soko-Ermittlern geraten, unbedingt ein möglichst dichtes „Bewegungsbild“ des Opfers und möglicher Verdächtiger zu erstellen.

Gleich die erste Nachfrage stoppte Horns Redefluss nachhaltig. Ob der Name Ulvi Kulac bei den Ermittlungen da schon gefallen sei, erkundigte sich Richter Eckstein. Horn musste eine Weile nachdenken, und dabei hangelte er sich gedanklich wohl durch sein Kategorien-Gerüst und antwortete:

„Der war ja unter den Bezugspersonen schon dabei, der Name fiel zu einem frühen Zeitpunkt. Opferumfeld. Insofern ist der Name Ulvi Kulac natürlich schon bald in die Ermittlungen gekommen.“

Damit war der Beginn des Dramas benannt, das der Justiz jetzt die Wiederaufnahme eines Strafprozesses bescherte. Ulvi Kulac war offenbar mittels empirischer Wahrscheinlichkeitsbetrachtung in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen worden, ohne, dass später ein kausaler Evidenzbeweis hinzugekommen wäre. Man muss sich die Rolle des Alexander Horn wohl so vorstellen wie die eines McKinsey-Beraters, der auf seinem Laptop große Excel-Tabellen und Powerpointpräsentationen bereithält und seinen Zuhörern mit mathematischer Logik alle möglichen Lösungen verkauft.

„Hatten Sie eine Hypothese, wie es sich abgespielt haben könnte?“, will die Staatsanwaltschaft von ihm wissen. Und er antwortet abermals empirisch: Bei Kindern zwischen 5 und 12 Jahren sei zwar „das Risiko eines Tötungsdelikts besonders gering“, dafür aber die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es, wenn schon, dann sexuell motiviert sei. Und darum sei es relevant gewesen, als bekanntwurde, Ulvi könne Peggy vergewaltigt haben.

Gänzlich ins Rutschen kam Horn, als er dann doch einmal eine Zeugenaussage ins Spiel brachte und damit ein kausales Argument. Da habe es die Zeugenaussage einer Frau gegeben, die Ulvi auf einer Parkbank gesehen habe, genau dort, wo Peggy auf ihn getroffen sein könne. Er bringt wieder sein Bewegungsprofil ins Spiel, und diese Aussage habe also die Wege von Ulvi und Peggy zusammengeführt. Dummerweise hielt ihm einer der Beisitzer vor, dass das so nicht stimmen könne, denn die Zeugin hatte ihre Aussage erst nach seinem Bericht abgegeben, den er der Polizei am 2. Mai 2002 erstattete. „Das ist sehr interessant“, stammelte Horn, „aber mit ist nicht bewusst, dass sie vorher noch gar nicht vernommen wurde.“

„Wurde Sie“, meldet sich da sie Staatsanwältin zu Wort, „aber dabei hat sie das noch nicht gesagt“.

Zweiter Zeuge ist der Leider der zweiten Peggy-Soko, Kriminaldirektor Wolfgang Geier. Am Vormittag schilderte er zunächst mit vielen Details, warum er sich auf Ulvi Kulac konzentrierte. Er hat sich einen Notizzettel mitgebracht, den habe er schon beim ersten Peggy-Prozess vor zehn Jahren bei seiner Aussage vor sich gehabt. Er liest mehr als er vorträgt. Es ist der bekannte Ablauf. Peggy kommt aus der Schule und werde noch bis ca. 13.15 Uhr gesehen. Alle „Sichtungen“ des Mädchens danach nennt er „Irrtümer“. Er beschreibt, wie dann Ulvis Vernehmungen vorbereitet werden, wie die Verhöre verlaufen und das Geständnis fällt, nachdem die Vernehmung eigentlich schon vorbei und der Anwalt nicht mehr dabei ist. Als nächstes sei man dorthin gefahren, wo die Leiche liegen sollte und dann nach Lichtenberg, um die Tat zu rekonstruieren, wobei die Polizei von diesen Aktionen Videos anfertigte.

Die zeigte das Gericht dann auch sogleich, was Richter Eckstein bemerkenswert begründete:

“Ich glaube, es ist von Interesse, diese Videos anzusehen. Was mir aufgefallen ist: Dass über diesen beträchtlichen Weg der Ulvi hinter dem Mädchen hinterhergerannt ist.”

Zwei der drei Videos wurden bis zur Mittagspause gezeigt. Sie zeigen einen stark übergewichtigen Ulvi in hellen Jeans und einem Ringel-Polohemd, der sich fortwährend Zigaretten ansteckt und immer wieder vernehmlich hustet. Auf der Suche nach der angeblich bei Schwarzenstein versteckten Leiche verliert er beim Balancieren über eine Wurzel fast das Gleichgewicht. Man sieht Kriminaldirektor Geier im Bundeswehrparka im Gespräch mit Ulvi. Streckenweise sind nur Wortfetzen zu verstehen – „…Voraussetzung, das des stimmt…“, „…ich hab Ihnen ja gesagt, wie es ausschaut, wenn es sich bewahrheitet…“, daneben ein grinsender Ulvi, der den Rauch seiner Zigarette ausbläst.

Offensichtliche Widersprüche, die in den Videos erkennbar sind, hat offenbar niemals jemand hinterfragt. Im ersten Video fragt Geier: „Hast Du ihr die Augen zugehalten?“ Ulvi nickt. Gemeint ist, dass Ulvi ihr die Augen verschlossen habe, nachdem er sie vermeintlich tötete. Im zweiten Video sagt er dagegen, er habe Peggy gewürgt, bis sie die Augen zugemacht habe. Geier wirft bei der Videovernehmung vor Ort ein, dass er das nicht habe sehen können, denn Peggy habe auf dem Bauch gelegen. Ulvi behauptet, er habe sie hochgehoben und nachgeschaut. Ein Beamter fragt ihn:

„Waren die Augen offen oder zu?“

„Zu.“

„Haben Sie die Augen zugemacht?“

„Nee.“

Die seien von selber zugegangen.

Dann zeigt er, wo er Peggy gejagt haben will. In einer schier endlosen Einstellung geht er neben Geier über den Gartenweg um den Lichtenberger Ortskern herum. Man sieht die beiden von hinten. Immer wieder steigen Rauchwolken auf, wenn Ulvi an der Zigarette zieht. Er wedelt mit dem Arm, als Geier wissen will, über welchen Stein Peggy gestolpert sein soll. Die Kamera folgt grob der Richtung, die Ulvi zeigt und zoomt auf ein Gebüsch, unter dem möglicherweise ein vermooster Stein liegen könnte, der bei der Vorführung im Gerichtssaal aber nicht eindeutig auszumachen ist. Oft antwortet Ulvi nur mit einem langgezogenen Ja, wobei der das nie wie ein Jawoll ausspricht, mit klarem Punkt dahinter, sondern eher wie eine Frage mit halbhoher Stimmlage am Ende.

In derselben Diktion dann auch die Schilderung, wie sein Kumpel Nik und dessen Freundin Ulrike ihm geholfen haben sollen, die Leicht auf dem Schlossberg einzuladen und wegzuschaffen. Es entspinnt sich folgender Dialog zwischen Ulvi und Geier:

Geier: „Dann ist der Nik gekommen, dann seid ihr hierher, habt sie abgedeckt.“

Ulvi: „Aufgedeckt. [kurze Pause) Und] in den Kofferraum rein.“

Geier: „War die Ulrike S. da schon dabei?“

Ulvi: „Ja, im Auto.“

Geier: „Wo?“

Ulvi: „Die war die Fahrerin.“

Und dann weiter:

Ulvi: „Der Schmidt hat gesagt, die [Peggy] ist tot.“

Geier: „Woran hat er das erkannt?“

Ulvi: „Dass sie keine Zuckungen mehr gemacht hat. Und Puls hatte sie auch nicht.“

Geier: „Wer hat gefühlt?“

Ulvi: „Das war der Nik.“

Geier: „An welcher Hand hat er gefühlt?“

Ulvi: „An der rechten.“

Geier: „Wer hat den Schulranzen mitgenommen?“

Ulivi: „Das war ich.“

Geier: „Gleich?“

Ulvi: „Gleich mitgenommen. Oben draufgelegt auf die Peggy.“

Das Dumme daran: Weder Nik noch Ulrike waren am 7. Mai 2001 auf dem Lichtenberger Schlossberg. Sie waren nicht einmal in Lichtenberg. Die Polizei hatte beide Alibis überprüft. Ulvi hatte das frei erfunden.

Gutachter Hans-Ludwig Kröber sah auch zu, als das Video im Gerichtssaal lief. Er hatte Ulvis Geständnis nicht zuletzt deshalb für glaubwürdig befunden, weil Ulvi im Video Details wiederholte, die er im Verhör auch schon sagte. Und Richter Eckstein, der sich zum Videogucken nach hinten setzte, schaute nicht nur auf die Leinwand. Immer wieder blickte er auf Geier und Kröber und schaute ernst vor sich hin.

Fortsetzung folgt.

3 Kommentare
  1. Joachim Adamek sagte:

    Danke, für die ausführlichen Berichte vom Wiederaufnahmeverfahren. Sie sind von einer ganz anderen Qualität und Tiefe verglichen mit dem, was man sonst so in der Presse liest. Ich hoffe, dass Sie uns auch weiterhin so umfassend auf dem Laufenden halten werden. — Auch wenn ich nicht alle Überlegungen teile, die Sie und Frau Jung im Buch äussern, ich finde, Sie haben dem Recht in diesem Fall bislang einen grossen Dienst erwiesen.

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