Nachtrag zum Prozesstermin am Dienstag: Zwei Zeugen sind besonders erwähnenswert, zwei Polizeibeamte. Einer der beiden führte den V-Mann Peter Hoffmann, der gemeinsam mit Ulvi Kulac in der Psychiatrie in Bayreuth einsaß. Hoffmann hatte Ulvi verdeckt ausgehorcht und den Ermittlern berichtet, er habe den Mord an Peggy zugegeben. Der andere Polizist lebt in Lichtenberg und sollte bei den Vernehmungen den väterlichen Freund spielen.

Die Zeugenbefragung des “väterlichen Freundes” Walter H. (67) begann mit einer Überraschung: Er brachte einen Anwalt als Zeugenbeistand mit und kündigte an, seine Aussage unter Berufung auf den Paragrafen 55 zu verweigern – also mit Hinweis darauf, dass er sich selber belasten könne. Der Anwalt begründete das mit einem laufenden Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Hof wegen Falschaussage. Hintergrund ist ein Verfahren, das vor zweieinhalb Jahren geführt wurde. Polizist H. hatte sich von einem Mann beleidigt gefühlt, der damals zur Bürgerinitiative für Ulvi Kulac gehörte. Während des Verfahrens hatte ihn Kulacs Anwalt Michael Euler gefragt, ob er bei dem Verhör dabei war, in dem Ulvi Kulac den Mord an Peggy gestand. Der Polizist habe geantwortet: “Nein, er habe andere Aufgaben gehabt.” Daraufhin zeigte in der Ulvi-Aktivist an und die Staatsanwaltschaft eröffnete das Ermittlungsverfahren.

Richter Michael Eckstein reagierte mit dem lakonischen Satz: “Der Kreis der in Betracht kommenden Fragen hat sich damit dramatisch verkleinert.” Nach kurzem Wortwechsel erklärte sich H. aber doch bereit, Fragen zu beantworten.

“Gehen wir gleich mitten rein”, eröffnete Eckstein die Fragerunde. Ob der Beamte sich noch an den 2.7.2002 erinnere, also den Tag, an dem das Geständnis fiel? “Ja”, antwortete der Polizist. Bei der Vernehmung sei er tatsächlich nicht dabei gewesen. Aber hinterher, Kulac hatte noch kein Geständnis abgelegt, da habe er den Beschuldigten auf der Treppe nach unten begleitet. Er habe gefragt:

“Hast Du auch die volle Wahrheit gesagt?”

Ulvi Kulac sei stehen geblieben, habe den Kopf schrägt gestellt und gesagt, er habe nicht die volle Wahrheit gesagt. H. sagte, er habe dann einem der Kripo-Fahnder zugerufen: “Da kommt noch was.” Er sei mit Ulvi ins Vernehmungszimmer zurückgekehrt, die anderen Vernehmer hätten sich im Nebenraum versammelt, einer in die offene Tür gestellt. H.:

“Ich habe ihn reden lassen. Hab gewusst, wenn ich ihn stoppe ist es aus.”

Ulvi Kulac habe ihm dann erzählt, er habe Peggy vier Tage vor ihrem Verschwinden vergewaltigt. Am Tattag habe er sie nach der Schule abgepasst. Er habe ihr mehrmals hinterhergerufen, er wolle sich entschuldigen. Dann habe er geschildert, wie er sie verfolgt und eingeholt habe. Peggy habe geschrien: “Ich verrate Dich”. Kurz darauf sei sie gestolpert und gefallen. “Und dann”, so Polizist H., “hat er den Entschluss gefasst: Ich bring’ sie um.” Er habe sie geschubst, Mund und Nase zugehalten, bis sie sich nicht mehr rührte und dann losgelassen. Sogleich “hat’s ihm leid getan”, er habe versucht, Peggy wiederzubeleben, was aber nicht gelungen sei. Während der gesamten Aussage sei er mit Ulvi Kulac allein im Zimmer gewesen.

Walter H. bestätigte damit, was mittlerweile drei damalige Mitglieder der Soko 2 auch schon ausgesagt haben. Unerklärlich blieb bisher gleichwohl, warum das Gedächtnisprotokoll des Geständnisses nichts über diesen Verlauf aussagt. Es enthält allein den geschilderten Tathergang mit allen Detail und ist mit den Unterschriften dreier Beamter versehen. Dass allein Walter H. die Vernehmung führte war bis zum Wiederaufnahmeverfahren nicht bekannt.

Als Kulacs Anwalt Euler mit seinen Fragen an der Reihe war, wurde es für den Beamten H. dann richtig ungemütlich.

“Sie sollen ihm gesagt haben, wenn Du nicht die Wahrheit sagst, bist Du nicht mein Freund.”

Ob er diesen Satz wirklich gesagt habe? Nach einigem hin und her und Eulers finaler Nachfrage, “ausschließen möchten Sie es auch nicht?”, antwortete er:

“Es ist ja so lange her.”

Es wurde aber noch ungemütlicher. Vor Walter H. war einer der Vernehmer des Geständnis-Verhörs im Zeugenstand. Euler wollte von H. wissen, ob er mit diesem Beamten auf dem Flur gesprochen habe. H. antwortete, “über Autos und das Wetter”.

“Und über den Fall?”

“Nein.”

Und dann, nach einer kurzen Pause:

“Nur Allgemeines.”

Anwalt Euler hakte nach, hörbar sauer. Was die beiden über den Fall geredet hätten?

“Wir haben den 2.7. Revue passieren lassen, wegen dem Tonbandgerät”.

Dieser Punkt war deshalb heikel, weil es von Kulacs Geständnis keine Tonaufzeichnung gibt. Bisher hatte es immer geheißen, das Gerät sei kaputt gegangen oder die Aufnahmen verschwunden. Jetzt enthüllte Walter H., dass die Geräte schon abgebaut gewesen seien und es deshalb keine Aufnahmen gebe.

Die Vernehmung wurde aber noch doller.

Euler:

“Kennen Sie den Hilmar K.?”

K. ist ein Bekannter der Familie Kulac in Lichtenberg.

H.:

“Ja.”

Euler:

“Haben Sie dem mal eine Dienstwaffe an den Kopf gehalten?”

Geraune im Gerichtssaal.

H.:

“Ich kann mich nicht daran erinnern.”

Euler verlas eine eidesstattliche Versicherung von Hilmar K., in der er behauptet, er habe Polizist H. in einer Kneipe getroffen. Er war in Uniform und habe angetrunken am Tresen gestanden. Er habe mit seiner Dienstwaffe herumgefuchtelt und sie ihm an den Kopf gehalten. Dann habe er das Magazin herausgenommen und den Lauf entladen. Dabei sei eine Patrone auf den Boden gefallen. H. sei auf dem Boden herumgekrabbelt und habe die Patrone gesucht.

Euler:

“Kommt die Erinnerung wieder?”

“Nein.”

Hilmar K. wird zu einem späteren Termin ebenfalls als Zeuge aussagen.

Die zweite ungewöhnliche Befragung dieses Tages betrifft den V-Mann-Führer Klaus O.Er hatte den Kontakt zwischen der Sonderkommission Peggy und dem gemeinsam mit Ulvi Kulac in der Psychiatrie einsitzenden V-Mann Peter Hoffmann hergestellt. Hoffmann war es, der den Ermittlern als erster berichtete, Ulvi Kulac habe ihm den Mord an Peggy gebeichtet. Soweit ist das schon bekannt, wir beschreiben es auch ausführlich in unserem Buch.

Am Ende der Vernehmung aber wollte Euler von V-Mann-Führer O. wissen, ob Hoffmann in seiner Zeit im Bezirkskrankenhaus Bayreuth allein über Ulvi Kulac berichtete oder ob er auch andere Insassen aushorchte und Informationen an die Polizei weitergab. V-Mann-Führer O. antwortete mit einem klaren “nein”. Ulvi Kulac sei der einzige gewesen.

Sodann verlas Anwalt Euler ein Schreiben, das ihm ein Anwaltskollege aus Halberstadt geschickt hatte. Er vertritt einen Mann, der wegen Totschlags zu 11 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde. Er habe die Tat bestritten und vorgebracht, es habe sich um Notwehr gehandelt. Dass er verurteilt wurde, habe an der Aussage von Peter Hoffmann gelegen. Der habe der Polizei gemeldet:

Das Opfer sei ihm schon länger auf die Nerven gegangen und er habe es abstechen wollen.

Das Verurteilte, Hanno H., sei ein Mitinsasse in der Psychiatrie Bayreuth gewesen.

Es könnte eng werden für manchen der damaligen Ermittler.

2 Kommentare
  1. Jürgen Rupprecht sagte:

    Wieder eine sehr anschauliche Zusammenfassung des Prozesstages. Da braucht man gar nicht selbst im Saal sitzen. :-) Vielen Dank!

    Eine Frage zum Inhalt:
    2. Absatz:
    “Während des Verfahrens hatte ihn Kulacs Anwalt Michael Euler gefragt, ob er bei dem Verhör dabei war, in dem Ulvi Kulac den Mord an Peggy gestand. Der Polizist habe geantwortet: “Nein, er habe andere Aufgaben gehabt.” Daraufhin zeigte in der Ulvi-Aktivist an und die Staatsanwaltschaft eröffnete das Ermittlungsverfahren.”

    Es geht dabei ja offensichtlich um die damalige Verhandlung. Bei der war aber nicht RA Euler der Anwalt von Kulac, sondern RA Schwemmer.

    (Nebenbei erwähnt: Tippfehler im letzten Satz: “Darauf zeigte IHN der …”) ;-)

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  2. Jürgen Rupprecht sagte:

    Entschuldigung, ich ziehe meinen Kommentar zurück. (Leider finde ich keine Lösch-Funktion.) Ich habe den Artikel etwas zu unsauber gelesen. Es geht in dem Absatz ja um ein ganz anderes Verfahren.

    Was bleibt als Kommentar:

    Wieder eine sehr anschauliche Zusammenfassung des Prozesstages. Da braucht man gar nicht selbst im Saal sitzen. :-) Vielen Dank!

    Antworten

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