Susanne Knobloch, Peggys Mutter, reicht Ulvi Kulac im Gericht die Hand

Es ging gleich bemerkenswert los beim Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy. Susanne Knobloch, die Mutter des verschwundenen Mädchens, ging vor Verhandlungsbeginn auf Ulvi Kulac zu und reichte ihm die Hand. Er erwiderte die Geste. Ihre Anwältin sagte später zu Reportern, Susanne Knobloch sei dankbar dafür, dass der Prozess noch einmal neu aufgerollt werde, denn sie wolle endlich wissen, was wirklich mit ihrer Tochter passierte.

Dann eröffnete Richter Michael Eckstein die Verhandlung. Nach den Formalien und der Verlesung der Anklage hatte Ulvis Verteidiger Michael Euler das Wort. Dabei war nicht nur bemerkenswert, was er sagte, sondern auch, wie er das tat und welche Frontstellung da deutlich wurde. Frontal vor ihm, auf der anderen Seite der U-förmigen Tischanordnung, saß Gutachter Hans-Ludwig Kröber, der Mann, der Ulvis Geständnis damals für glaubhaft erklärte und auch diesmal an seiner Meinung festhält. Kröber fixierte Anwalt Euler mit Blicken, als wolle er ihn von Anbeginn niederringen. Euler erwiderte die Blicke und unterstrich manche Sätze, indem er von seinem Manuskript aufschaute, Kröber ins Visier nahm und Wort für Wort mit besonderem Nachdruck formulierte. Euler zitierte einen der Polizisten, der laut Akten damals zu Ulvi sagte: „Wenn Du uns jetzt nicht die Wahrheit sagst, bin ich nicht mehr Dein Freund“. Scharfer Blick auf Kröber. Vom Geständnis habe es nur ein Gedächtnisprotokoll der Vernehmer gegeben. „Man muss sich fragen, ob es bei der Polizei keine Schreibkraft gab oder ob wenigstens einer der Beamten mitschreiben konnte“. Erneuter scharfer Blick auf Kröber.

Euler referiert die zahlreichen Details, die Ulvi im Verhör nannte, darunter auch, wo exakt er die Leiche versteckt haben wollte und wer ihm dabei half. „Die Polizei musste aber schnell feststellen, dass das Geständnis falsch war, dass die Leiche nicht an der bezeichneten Stelle war und Nik S. und Ulrike S. ein Alibi hatten.“ Scharfer Blick auf Kröber, der diesmal nicht standhält und mit dem Daumen Unterlippe und Kinn massiert. Der Vorsitzende Richter Michael Eckstein bekommt davon möglicherweise nicht viel mit, denn während Eulers Vortrag fallen ihm fünf Mal die Augen zu.  Einmal spricht ihn der Beisitzer zu seiner Linken an, worauf er hochschreckt.

Für Ulvi Kulac habe es damals „zwei Wahrheiten“ geben, fährt Euler fort, neuer Blickblitz gegen Kröber. Die eine, die er etwa seinen Eltern erzählte, er habe die Peggy nicht getötet und die andere, die die Polizei von ihm habe hören wollen. Er zitiert die Bemerkung eines Polizisten aus der Akte: „ Immer, wenn Ulvi den Mord bestritt, hat die Polizei gesagt: Ulvi, du lügst, sag die Wahrheit.“ Gaaanz tiefer Blick gegen Kröber.

Dann holt Euler noch weiter aus, etwa zur Ermittlungsarbeit der Polizei, vor allem der zweiten Sonderkommission. Die habe Entlastendes für „nicht erwähnenswert“ gehalten oder zwanglos unter die 14.000 Seiten der Haupt- und Nebenakten verteilt, so dass das Gericht sie nicht kannte oder kaum etwas damit anfangen konnte. Mehr noch: „Das alle [entlastenden] Zeugen für unglaubwürdig erklärt wurden, stellt eine Unglaublichkeit dar.“ Es sei zudem fatal, weil es „bedeuten würde, dass der eigentliche Täter sich immer noch in Freiheit befindet“. Wieder ein scharfer Blick zu Kröber.

Anschließend wird der erste Zeuge aufgerufen. Es handelt sich um einen Bayreuther Amtsrichter, der sich mit einer dieser für das Peggy-Verfahren typischen Absonderlichkeiten beschäftigte. Im Oktober 2010 vernahm er einen früheren Polizeispitzel, der mit Ulvi Kulac gemeinsam in der Bayreuther Psychiatrie einsaß. In zahlreichen Vernehmungen hatte dieser Spitzel zu Protokoll gegeben, Ulvi habe ihm den Mord an Peggy gestanden. Jetzt aber, im Oktober 2010, habe er diese Darstellung als falsch und frei erfunden bezeichnet. Ulvi habe ihm derartiges niemals erzählt. Der Polizeispitzel selbst kann nicht mehr dazu gehört werden, weil er inzwischen verstorben ist.

Und wieder blitzt auf, wie die Fronten im Gerichtssaal verlaufen: Gutachter Kröber macht von seinem Fragerecht Gebrauch und will von dem Untersuchungsrichter wissen, ob er diesen Widerruf für glaubwürdig halte – wobei Kröber nicht offen fragt, sondern gleich ein paar Hinweise hinzufügt, die Zweifel säen sollen. Der Polizeispitzel habe ja einige falsche Angaben gemacht, etwa, ob die Polizei auf ihn zugegangen sei oder ob er sich selbst gemeldet habe. Oder inwieweit Polizisten ihm seine Worte in den Mund legten oder nicht.

Der Richter im Zeugenstand bleibt eindeutig:

„Ich habe keine Zweifel. Er war ein todkranker Mann. So, wie er da vor mir saß, habe ich nicht den Eindruck gehabt, dass dieser Kernsatz, um den es ging, gelogen war.“

Spätestens da war klar, dass Kröber sich keineswegs nur mit der Rolle des Sachverständigen zufriedengeben wird. Er will Recht behalten mit seiner Einschätzung, Ulvi Kulac habe sich zurecht belastet. Damit wird er zur Partei mit eigenen persönlichen Interessen, die den Gegenstand des Prozesses überlagern, nämlich die Frage von Schuld oder Unschuld des Ulvi Kulac. Die Frage, ob das einen Befangenheitsgrund darstellt, überlasse ich den Juristen.

5 Kommentare
  1. hagebüttel sagte:

    Ich möchte mal anmerken, daß Hans-Ludwig Kröber 2008 auch einem gewissen Gustl Mollath ein Sahne-Gutachten erster Güte geschrieben hat, nachzulesen hier: http://strate.net/de/dokumentation/Mollath-Gutachten-Kroeber-2008-06-27.pdf

    ich bin nun der Ansicht, wenn jemand den Mollath für irre, den offenbar geistig eingeschränkten Ulvi aber für voll prozessfähig erklärt, so nur, weil der Gutachter tatsächlich selbst derjenige ist, der völlig irre ist und eine geradezu “invertierte” Wahrnehmung der Realität hat, in keinem Fall aber prozessfähig in irgend einem Sinne ist!

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  2. Hans A. sagte:

    Dass Ulvi Kulac freikommen wird, steht im Prinzip jetzt schon fest. Die einzige spannende Frage ist, ob Herr Kröber öffentlich so demontiert wird, wie er es zweifellos verdient hat, und ob seine Netzwerke danach noch so funktionieren, dass Kollegen es sich nicht leisten können, ihn öffentlich zu kritisieren.

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  3. BrandenburgerIN sagte:

    Na ja, wenn festgestellt wird, das der Gutachter ein falsches Gutachten geschrieben hat, dann werden wohl alle anderen Menschen, die er irgendwann mit einem seiner Gutachten niedergemacht hat, auch wollen, das ihr Fall neu aufgerollt wird. Ergo wird er alles daran legen, das er “Recht” behalt, selbst wenn offenkundig ist, das er Unrecht hat.

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  4. hagebüttel sagte:

    @ BrandenburgerIN:
    wenn man es so betrachtet, dann hat er nun natürlich allen Grund, daß ihm gerade etwas auf Grundeis läuft.

    Ist denn sein Gutachten über den Ulvi online? Jenes über Mollath kann ja wie gesagt jeder selbst begutachten, aber ein öffentlicher Vergleich zweier “konträrer” (der eine Irre, der andere voll geschäftsfähig) Gutachten von ein und demselben Menschen wäre ja mal sehr interessant!

    Mal davon abgesehen würde das auch die Frage nach der Qualität von Gutachten ganz allgemein mal problematisieren und das wäre sicher nicht überflüßig.

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