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Der ZDF-Film am Samstag zum Fall Peggy brachte in mancher Hinsicht erhellende Nachrichten. Zwar verweigerten die zuständigen bayerischen Landesministerien für Inneres und Justiz wiederum Interviews, aber in ihren schriftlichen Statements legen sie ebenso wie der Chefermittler in Bayreuth nahe: Es gibt offenbar wieder Ermittlungen, und sie haben mit den Fakten zu tun, die Ina Jung und ich in unserem Buch “Der Fall Peggy” offengelegt haben. Wird also womöglich doch noch aufgeklärt, was am 7. Mai 2001 mit der damals 9 Jahre alten Peggy Knobloch in Lichtenberg (Oberfranken) passierte?

Die erste Aussage, die aufhorchen lässt, stammt vom Justizministerium. Der ZDF-Reporter hatte es mit unserem Vorwurf konfrontiert, das Gericht habe damals, drei Jahre nach Peggys verschwinden, einen Unschuldigen zu lebenslanger Haft verurteilt zu haben. Das Ministerium schrieb dem ZDF:

“Ich bitte um Verständnis, dass im Hinblick auf das laufende Verfahren und die Unabhängigkeit des damit befassten Gerichts weder die Staatsministerin noch das Staatsministerium der Justiz zu diesem Vorwurf äußern können”.

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Das ist insofern eine spannende Antwort, als es bisher überhaupt kein laufendes Verfahren gibt. Der Fall Peggy wurde 2004 mit einem längst rechtskräftigen Mord-Urteil abgeschlossen. Jetzt aber teilt die Justiz immerhin mit, es werde wieder ermittelt. Das ist neu – und erstmal eine gute Nachricht. Wobei jetzt noch zu klären wäre, was für ein Ermittlungsverfahren das genau sein soll.

In dem Film finden sich weitere Hinweise darauf, dass der Fall wieder in Gang kommt – und dass das mit unserem Buch zu tun hat. Der neue Chef der Bayreuther Staatsanwaltschaft, Herbert Potzel, ließ sich – anders, als seine Ministerin – vor der ZDF-Kamera interviewen und sagte:

“Wir ermitteln zur Zeit gegen einen Mann, der in dem Buch unter anderem Namen beschrieben wird.”

Und damit wird’s jetzt richtig spannend. Wir beschreiben in unserem Buch eine Spur, der die Polizei damals auch schon nachgegangen war, aber fallen ließ, als sie das dubiose Geständnis des verurteilten, geistig minderbemittelten Ulvi Kulac hatte. Diese Spur führt zu einem gewissen Thorsten Engelhardt (das ist der Name, den wir im Buch verwenden), der zum engen Freundes- und Familienkreis von Peggy gehört. Er wohnt in Halle. Er war mehrfach zu Besuch bei den Knoblochs in Lichtenberg. Er war schon als Jugendlicher in der Familie für seine pädophilen Neigungen bekannt und hatte sich in Peggy verschossen, sie sich aber wohl nicht in ihn.

Die Polizei hatte ihn schon kurz nach Peggys Verschwinden unter Verdacht, weil sich in einem Schulheft von Peggy ein Zettel mit seiner Telefonnummer fand. Die hatte er für sie aufgeschrieben. Sie hatte davon aber nie Gebrauch gemacht und ihn nie angerufen. Engelhardt geriet massiv unter Verdacht, weil er die Polizei über sein Alibi belogen hatte, die Möglichkeit für eine Fahrt nach Lichtenberg hatte und über Helfer verfügt haben könnte – hier sind vor allem zwei Männer aktenkundig. Einige Beamte haben damals sehr engagiert an dieser Spur ermittelt, aber sie mussten damit aufhören, als das Verfahren wegen Ulvis’ Geständnis beendet wurde. Manch einer ist bis heute davon überzeugt, dass das ein Fehler war.

Engelhardt wurde inzwischen wegen einer anderen Tat verurteilt und sitzt im Gefängnis. Im Februar sprach ihn ein Gericht für schuldig, seine eigene, erst zwei Jahre alte Tochter missbraucht zu haben. Nach dem, was wir inzwischen wissen, wird das nicht die einzige Tat bleiben. Ermittlungen wegen weiterer Kindesmissbräuche sind in Arbeit.

Und jetzt also teilt die Bayreuther Staatsanwaltschaft mit, auch im Fall Peggy werde wieder gegen Thorsten Engelhardt ermittelt – obwohl der Fall Peggy offiziell abgeschlossen ist.

Der ZDF-Reporter konfrontierte auch das Innenministerium in München mit den Resultaten unserer Recherche – zu denen auch der Vorwurf gehört, die Polizei habe damals eine heiße Spur aufgegeben, nur, um endlich irgendeinen Täter präsentieren zu können. Der Reporter fand es unglaublich, dass ein derart massiver Vorwurf unkommentiert im Raum stehenbleibt (womit er auch zweifellos recht hat). Aber ihm ging es erstmal nicht anders als Ina Jung und mir – auch wir hatten für unser Buch versucht, alle Beteiligten zu befragen, waren aber ebenfalls an einer Mauer des Schweigens gescheitert. Dem ZDF antwortete das Innenministerium jetzt immerhin auch mit einer schriftlichen Stellungnahme, in der es erstmal heißt, dass das Schweigen nicht etwa mit Zustimmung gleichzusetzen sei – was nichtssagend ist. Aber dann folgt dieser Satz:

“Der Wahrheitsgehalt der Kritik lässt sich nur in einem ordentlichen rechtsstaatlichen Verfahren prüfen.”

Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er klingt so, als teile das Innenministerium auf nur oberflächlich verschleierte Weise mit, dass der Fall Peggy erneut vor Gericht kommt.

Im Oktober will die Bayreuther Staatsanwaltschaft ihre Stellungnahme zum Wiederaufnahmeantrag abgeben, den Ulvi Kulacs Verteidiger im Frühjahr abgegeben hat. Bisher war ich eigentlich ziemlich sicher, dass sie sich gegen eine Wiederaufnahme aussprechen werden.

Jetzt nicht mehr. Nach dem Wiederaufnahme-Beschluss im Fall Mollath käme damit ein weiteres Skandalurteil auf den Prüfstand.

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