Mir sind ein paar Zeitungsartikel über die Rechtsmedizin Jena in die Hände gefallen, in denen Unglaubliches steht. Ich habe mich dafür interessiert, weil ich ja selber gerade an einem unglaublichen Fall aus der Jenaer Rechtsmedizin recherchiere. Ich möchte vorab sagen, dass das, was jetzt folgt, keine Fiktion ist.

  • Fall 1: Erstochen oder Erschossen?

Der vielleicht unglaublichste Fall geht so und stammt aus der Thüringer Allgemeinen (TA): Am 14. März 2009 wurde ein 38-Jähriger vor seiner Haustür in Gotha ermordet. Jugendliche entdeckten den Mann, der blutend neben einem geparkten Auto lag. Sie riefen den Notarzt, der jedoch zu spät kam. Der Mann war schon tot. Wenig später traf eine Ärztin der Jenaer Rechtsmedizin ein. Sie schrieb in den Totenschein, ein Messerstich habe den Brustbereich verletzt. Am Tag darauf wurde er obduziert.

Die Rechtsmediziner waren offenbar auch noch vom Tod durch einen Messerstich überzeugt, als sie die Leiche nach ihrer Untersuchung wieder zusammennähten und vom Seziertisch hoben. Auch die Polizei glaubte das und fahndete darum fieberhaft nach einem Messerstecher. Dann aber muss den Medizinern kurz der Atem gestockt sein. Auf dem Tisch lag eine Pistolenkugel. Sie muss wohl versehentlich aus der Leiche gekullert sein. Die wurde zurückgebracht und ein zweites Mal geöffnet. So sei es in Ermittlerkreisen erzählt worden, schreibt TA-Reporter Kai Mudra. Wenig später fanden die Obduzenten noch eine zweite Kugel. Man kann sich vorstellen, welche Gesichter die Kripo-Leute zogen, als die Rechtsmediziner ihnen die Panne beichteten und sie ihre Fahndung von vorn beginnen konnten: Nach einem Pistolenschützen.

Als wäre das nicht genug, scheinen die Ärzte dann auch noch die Obduktionsunterlagen manipuliert zu haben. Statt ihren Kunstfehler zu dokumentieren, änderten sie das Wort “Stichverletzung” offenbar handschriftlich in “Schussverletzung”, schreibt die TA. Das Wort “Einstichstellen” sei durchgestrichen und “Einschußverl.” darübergeschrieben worden. Eine Stellungnahme habe das Institut nicht abgeben wollen, “wegen des laufenden strafrechtlichen Verfahrens”, so die medizinische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität, zu der das rechtsmedizinische Institut gehört. Dabei wird es wohl noch eine Weile bleiben, denn der Täter wurde bisher nicht gefasst.

  • Fall 2: Versehentlich ins Messer gelaufen

Den nächsten Fall habe ich in der Freien Presse gefunden, er ist genauso unglaublich. Diesmal geht es tatsächlich um einen Messerstich – allerdings einen außergewöhnlichen.

Es begann mit einem Geplänkel vor dem Einkaufsmarkt in Schmalkalden. Ein 32-Jähriger hing mit ein paar Jugendlichen herum und trank. Gegen 23 Uhr kam ein 16-Jähriger vorbei und fragte nach einer Zigarette. Die beiden begannen eine Kabbelei. Dann stellte der Ältere seine Bierflasche ab, sagte vor Gericht ein Punker-Mädchen aus, das dabei war. Der Mann habe dem 16-Jährigen zugerufen, “jetzt knallts” und sei dann auf ihn zugelaufen. Sie sei noch dazwischen gegangen, dann habe der 32-Jährige aber schon dagelegen.

Der 16-Jährige  behauptete vor Gericht, er habe sein Messer einfach nur in der Hand gehalten.

Das Messer:

Die Gerichtsreporterin mit dem originellen Namen Ina Talar beschreibt es als “Messerchen” mit einer sechs Zentimeter langen Klinge, “zu stumpf zum Apfelschälen”.

Jetzt folgen zwei wundersame Aussagen.

Zunächst die des Angeklagten: Er habe gar nicht zugestochen, sondern das Messer nur drohend gezeigt. Sein Opfer sei auf ihn zugerannt, und das Messer sei ganz allein in seinem Brustkorb gelandet.

Dann die der Rechtsmedizinerin auf dem Zeugenstand: Die Klinge – wohlgemerkt sechs Zentimeter lang – sei volle siebeneinhalb Zentimeter tief ins Herz gedrungen. Unterwegs habe sie sogar den stabilen Knorpel einer Rippe durchbohrt. Befragt, ob das sein könne, meinte die Ärztin zuerst: “Das Opfer hätte mit Anlauf in das Messer springen müssen”. Dann aber änderte sie ihre Meinung überraschend und gutachtete, der tödliche Stich sei “eine Kombination” aus Hinhalten des Messers und Hineinlaufen gewesen.

Ich habe mehrere ihrer Kollegen befragt, ob so etwas möglich ist. Die meisten haben gelacht. Der Fall muss unter Rechtsmedizinern die Runde gemacht haben. Ich habe niemanden gefunden, der diese Version für plausibel hält. Wer wissen möchte, wie schwierig es ist, einen Messermord zu begehen, findet hier (dctp-Film, interessant wird es ab der 3. Minute) eine ausführliche Gebrauchsanweisung von Prof. Michael Tsokos, dem Chef der Berliner Rechtsmedizin. Zum Töten müsse man “auf der linken Brustseite treffen”, sagt Tsokos, “zwischen der fünften und sechsten Rippe durchkommen”, und das sei “für den anatomisch Ungeschulten schwierig”. Dann der Kraftaufwand, “durch die Haut”, oder, wenn der Stich von unten kommt, “durchs Zwerchfell, durch den Herzbeutel” – das gehe nur mit “erheblicher Wucht” und sei “schwierig zu schaffen”. Darum sei der Tod nach einem Messerstich meistens ein Zufall.

Der Mann wurde freigesprochen, wobei der Richter offenbar selbst nicht restlos von der Version des Angeklagten überzeugt war. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Körperverletzung mit Todesfolge drei Jahre und sieben Monate gefordert.

  • Fall 3: Unschuldig im Gefängnis

Im dritten Fall hat ein falsches Gutachten der Jenaer Rechtsmedizin einen offenbar Unschuldigen für zwei Jahre ins Gefängnis gebracht. In einem Asylbewerberheim soll der Mann aus Georgien das Opfer zuerst mit Stromschlägen betäubt haben. Darauf waren die Rechtsmediziner gekommen. Sie hielten Flecke am Hals des Toten für Strommarken. Gestorben war er dann an einer Überdosis Heroin. Die soll der Beschuldigte dem mutmaßlich Betäubten mit vier Spritzen in den Handrücken verpasst haben.

Der Georgier beteuerte seine Unschuld und stellte die Sache anders dar. Sein Mitbewohner habe sich die Spritzen selbst gesetzt und sei keineswegs von ihm betäubt worden. Das nützte ihm im ersten Prozess im Jahr 2007 allerdings nichts. Er wurde zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.

Zwei Jahre später ging das Verfahren vor ein Revisionsgericht in Erfurt. Dessen Vorsitzender Richter bezweifelte den Tathergang und beauftragte die Münchner Rechtsmedizin mit einem Gegengutachten. Das kam tatsächlich zu einem anderen Schluss. Die Flecke am Hals stammten keineswegs von Stromschlägen, wie das Jenaer Institut meinte, sondern waren Druckstellen vom Abtransport der Leiche – entstanden erst nach dem Tod, ein kapitaler Fehler. Der Tote war demnach niemals mit Strom betäubt worden. Das Revisionsgericht sprach den Georgier frei.

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  1. […] Fahndung nach Kriminellen erschwerte sie, indem sie einen Erschossenen zu einem Erstochenen erklären ließ – bis beim Hochheben des Leichnams versehentlich eine Pistolenkugel aus dem […]

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