Einerseits kann sich Carsten S. an viele Details seiner Hilfe für das NSU-Trio nicht mehr erinnern. Andererseits kann er erstaunlich viele Details nachträglich rekonstruieren – dann nämlich, wenn Sie sich als Bild ins Gedächtnis gegraben haben. Nach dem sogenannten Hemisphären-Modell wäre Carsten S. ein Mann mit ausgeprägter rechter Gehirnhälfte. Die ist für Emotionen und Bilder zuständig. Ein Gespräch mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hat er derart emotional und bildhaft in Erinnerung, dass er in Tränen ausbrach und seine Worte nur stockend und schluchzend herausbrachte. Es ging womöglich um einen gescheiterte Anschläge, von denen noch nie zuvor die Rede war und von denen auch die Ermittler bisher nichts wussten.

Es war irgendwann im Frühjahr 2000. Carsten S. reiste mit der Bahn nach Chemnitz, wo er das Trio in einer Kaufhaus-Caféteria traf. S. hatte schon einige Verhandlungstage vorher von diesem Treffen berichtet, allerdings nur davon, dass er Vollmachts-Formulare eines Anwalts dabeigehabt habe, die Beate Zschäpe unterschrieben habe. Jetzt, so leitet er seine neue Aussage ein, habe er sich dieses Treffen noch einmal vergegenwärtigt. Und das, was ihm dazu einfiel, hat es in sich.

Beate Zschäpe sei Richtung Toilette verschwunden. Da habe einer der beiden Uwes gesagt, erinnert sich Carsten S., „dass die in Nürnberg jemanden umgeblasen haben“. Das war im März oder April 2000. Der erste NSU-Mord, der jedenfalls bisher bekannt ist, war aber erst im September 2000, nämlich der Mord an dem Blumenhändler Enver ?im?ek.

Carsten S. erinnert sich an weitere Details. Die Uwes hätten auch erzählt, sie hätten – ebenfalls in Nürnberg – „in einen Laden eine Taschenlampe hingestellt“. Was er damit sagen wolle, erkundigt sich der Vorsitzende Richter Götzl. Carsten S. weiß es nicht so recht. Er habe an das Sprengstoffdepot in der Garage denken müssen, die Beate Zschäpe angemietet habe. Ob er nicht nachgefragt habe, was mit Taschenlampe gemeint sei? Nein, habe er nicht. Richter Götzl bohrt weiter: Warum nicht? Carsten S. ringt nach Worten und findet keine. Dafür erinnert er sich, wie Beate Zschäpe von der Toilette zurückkam. Einer der Uwes habe vernehmlich „Pssst“ gemacht. Beate habe nicht wissen sollen, was sie ihm da erzählten.

Einige Zeit später sei er mit dem ebenfalls als Helfer angeklagten Ralf Wohlleben zusammen gewesen. Wohlleben habe mit einem der Uwes telefoniert. Als das Gespräch beendet war, habe er gelacht und gesagt: „Die haben einen angeschossen“. Carsten S. habe einen Riesenschreck bekommen und gedacht: Hoffentlich nicht mit der Waffe, die ich ihnen besorgt habe.

Die Waffe: Damit ist die Ceska gemeint, die Pistole, mit der laut Bundesanwaltschaft neun der zehn Mordopfer – jedenfalls der bisher bekannten – getötet wurden. Carsten S. hatte sie vom Chef des Jenaer Szeneladens „Medley“ bekommen – mit Schalldämpfer und Munition. Den Schalldämpfer habe er bei sich zu Hause probeweise aufgeschraubt und kurz überlegt, ob er ihn verschwinden lassen soll, erinnert er sich jetzt. Aber er habe ihn dann doch mitsamt der Pistole abgeliefert. Schließlich sei ein Schraubgewinde vorn am Lauf gewesen. Mundlos und Böhnhardt hätten den Schalldämpfer vermissen können.

Er habe dann so schnell wie möglich alles verdrängt, was mit seiner Hilfe für das Trio zusammenhängen könnte. Als er im Juli 2001 zur Love Parade nach Berlin fuhr, da seien die Erinnerungen an seine Zeit in der Neonazi-Szene schon verblasst gewesen. Innerlich habe er sich längst distanziert gehabt. Es war auch der Zeitpunkt, als er die Szene verließ.

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