Kann ein Mörder wegen eines falschen rechtsmedizinischen Gutachtens nicht vor Gericht gestellt werden? Der Berliner Rechtsmediziner Volkmar Schneider hat Zweifel an einem Gutachten seiner Kollegen in Jena bestärkt, das sich mit dem Tod eines 96-jährigen Patienten im Rhön-Klinikum in Meiningen beschäftigt. Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, der Mann sei an den Folgen eines häuslichen Unfalls oder einer Lungenentzündung gestorben. Schneider sagte nach der Sichtung von Obduktionsfotos, er würde „zunächst in Richtung Kompression des Halses – Drosseln, eventuell in Verbindung mit Würgen – denken“.

Der Mann – Rudolf F. – war im August 2007 in das Krankenhaus eingeliefert worden. Er war zu Hause  rittlings offenbar gegen eine Stuhlkante gestürzt. Dabei schnellte sein Kopf nach hinten. Er brach sich das vordere Längsband, das die Halswirbelsäule zusammenhält. Die Rettungssanitäter legten ihm eine Halskrause, ein sogenanntes Stiffneck, um und fixierten damit seinen Kopf. Am frühen Morgen des 9. August wurde er von einer Pflegerin tot aufgefunden. Als sie die Halskrause abnahm, entdeckte sie eine fingerdicke Einblutung um die linke Halsseite.

Die Leiche wurde in der Jenaer Rechtsmedizin obduziert. Dabei fanden sich weitere Gewaltspuren am Hals. Auf der rechten Seite dokumentierten die Obduzenten eine Druckstelle und eine weitere scharfe Einblutung. Auch der Kehlkopf war blutunterlaufen. Als die Mediziner die Haut abtrugen, erkannten sie das Ausmaß der Verletzungen noch deutlicher. Die Blutungen reichten bis tief in die Muskulatur. Vor allem aber war deutlich zu sehen, dass der Kehlkopf gebrochen war. Kripo und Staatsanwaltschaft nahmen Ermittlungen auf, die zügig vorankamen. Nach kurzer Zeit hatten die Beamten einen Verdächtigen ausgemacht.

Dann aber stoppte das Gutachten der Rechtsmediziner das Verfahren. Institutschefin Gita Mall schloss eine Gewalttat aus. F. sei an den Folgen des Unfalls oder an einer Lungenentzündung gestorben. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Die Kripo hatte sich bereits auf die Vernehmung des Verdächtigen vorbereitet, musste dieses Vorhaben aber aufgeben. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Waßmuth, sagte: „Wenn Sie mit diesem Gutachten einem Verdächtigen einen Vorhalt machen, zeigt der Ihnen ein Vögelchen“.

Das Gutachten der Rechtsmediziner war von Anfang an umstritten, auch intern im Institut in Jena. Eine Oberärztin hatte im Gegensatz zu ihrer Chefin einen gewaltsamen Tod in Betracht gezogen und mit den schweren Halsverletzungen begründet. Die könnten F. nur mit massiver Gewalt zugefügt worden sein. Mall vermutete dagegen auch öffentlich, der blutige Streifen an der linken Halsseite stamme vom Stiffneck. Der Kehlkopf sei schon vorher gebrochen gewesen, möglicherweise, weil die Rettungssanitäter die Halskrause zu eng anlegten. Diese Darstellung nahm sie allerdings inzwischen zurück. Wegen des Instituts-internen Streits forderte die Staatsanwaltschaft ein zweites Gutachten und beauftragte damit den Frankfurter Rechtsmediziner Hansjürgen Bratzke. Der bestätigte die Darstellung der Jenaer Institutschefin.

Schneider, der bis zu seiner Emeritierung das rechtsmedizinische Institut in Berlin leitete, bezweifelt sie dagegen. „Die Spuren am Hals – horizontaler Verlauf – stehen nicht in Übereinstimmung mit der unteren Kante des Stiffneck„, sagte er auf meine Anfrage. „Andernfalls hätte man einen ansteigenden Verlauf nach hinten erwarten sollen“. Schneider weiter: „Der Bruch des rechten oberen Kehlkopfhorns ist mit diesem Gerät auch nicht in Einklang zu bringen, jedenfalls bei ordnungsgemäßer Anlage.“ Ähnlich hatte sich der ärztliche Leiter eines ärztlichen Rettungsdienstes* geäußert. Er schrieb nach Begutachtung des Fotos, das die linke Halsseite zeigt: „NIEMALS von einem Stiffneck. Eher Stromkabel, Telefonkabel, Seil, Draht o.ä.“.

Zusätzlich hatten die Hamburger Pathologen Guido Sauters und Jozef Zustin den Kehlkopf des Toten untersucht. Sie stellten fest, er sei erst kurz vor dem Tod gebrochen. Sie begründeten ihren Befund damit, dass der Heilungsprozess noch nicht eingesetzt habe. Mall und Bratzke hielten dagegen, der Patient habe Kortison erhalten, was die Wundheilung verzögere. Zustin wies diese Interpretation allerdings zurück und erklärte, für so einen Effekt müsse über sehr lange Zeit Kortison eingenommen werden.

Mall hatte außerdem in Zeitungsinterviews behauptet, dass typische Spuren einer Strangulierung bei dem Toten fehlten. So seien winzige, punktförmige Einblutungen am Kopf nicht sichtbar gewesen, wie sie bei einem Blutstau entstehen, sagte sie dem Meininger Tageblatt und der Thüringer Allgemeinen. Im Obduktionsprotokoll heißt es dazu jedoch: „Lidbindehäute beiderseits blass, Nachweis ganz vereinzelter flohstichartiger rötlicher Einblutungen“. Nach Vorhalt änderte Frau Mall ihre Position und sagte auf meine Nachfrage: „Es gab vereinzelte Punktblutungen“. Ebenso räumte sie ein, der Zustand des Patienten könne sich am Tag vor seinem Tod gebessert haben.

* Der betreffende Mediziner hat mich gebeten, seinen Namen aus meinem Blog zu entfernen, weil er Schwierigkeiten mit seinem Dienstherrn vermeiden möchte. In der Sache bleibt er bei dem, was er gesagt hat

4 Kommentare
  1. Dr. Angela Tucek sagte:

    Leider scheint das kein Einzelfall zu sein, denn obzwar es ohnehin zu wenig Rechtsmedizin in Deutschland gibt, wird von denen wenigen, die noch übrig geblieben sind, bisweilen Falschgutachten erstellt – in meiner Sache noch offensichtlicher absichtlich falsch. Es ist traurig, wenn sich Wissenschaftler missbrauchen lassen

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  1. […] Jena gebracht, zur dortigen Rechtsmedizin. Ausgerechnet nach Jena, zu dem Institut, das mit seinen Gutachten manchmal krass danebenlag und das auch die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt obduzierte […]

  2. […] habe sich dagegen nicht bei  der Staatsanwaltschaft zurückgemeldet, so Waßmuth. Folglich sei seine Bewertung (siehe auch hier) ohne […]

  3. […] herauskommt”, sagte Schneider der Thüringer Allgemeinen. Schneider bestärkte damit seine Ansicht, die er mir gegenüber auch schon geäußert […]

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