Rudolf F. war 96 Jahre alt, als er im August 2007 starb. Er war auch krank. Er hatte nach einem Arbeitsunfall in den 50er Jahren sein Augenlicht verloren. Und dann stürzte er im August 2007 auch noch so unglücklich gegen eine Stuhllehne, dass der Kopf nach hinten schnellte und das vordere Längsband brach, das die Halswirbelsäule zusammenhält. „Der Mann war alt und krank“, sagte mir die Chefin der Jenaer Rechtsmedizin, Gita Mall, heute am Telefon. Als sei das Erklärung genug für seinen abrupten Tod, als würde das die schweren Halsverletzungen – Strangulationsmarke, Druckmarke, gebrochener Kehlkopf – begründen, die die Obduzenten nach seinem Tod fanden. Auch, wenn einer alt und krank ist, hat er das Recht, dass sein Herrgott ihn freiwillig zu sich holt und niemand sonst dabei nachhilft. Rufolf F., der katholisch war, dürfte sicher darauf gehofft haben.

Im Meininger Tageblatt hatte sich Gita Mall ausführlich zu den Artikeln in meinem Blog über den toten Rudolf F. geäußert. Sie wollte zunächst keine weiteren Fragen dazu beantworten, sie habe alles gesagt, die Zeitung habe sie korrekt wiedergeben. Auch die Aussage, es sei dem alten Mann am Tag vor seinem Tod „keineswegs besser gegangen“, habe sie so geäußert. Ich schilderte ihr dann, was im Vernehmungsprotokoll der Kripo dazu zu lesen ist, nämlich die Aussage einer Schwiegertochter. Ein Klinikarzt habe ihr am Nachmittag des 8. August mitgeteilt, es gehe dem alten Mann deutlich besser. Gita Mall zögerte zunächst. Dann antwortete sie: „Kann sein.“

Dann erkundigte ich mich, ob sie wirklich glaube, ein eingeklemmter Hemdkragen unter der Halskrause, mit der die Sanitäter F.s Kopf ruhiggestellt hatten, habe die blutige Strangulationsmarke über die linke Halshälfte gequetscht. Statt einer Antwort stellte sie fest: „Der Mann hatte ein HWS-Trauma“. Ich wies sie darauf hin, dass ihre Erklärung mit dem Hemdkragen ein schwerer Vorwurf an die Sanitäter oder den Hersteller der Halskrause sei – wenn ihr Gebrauch mit derart schweren Verletzungen einhergeht. Darauf sagte sie: „Schwere Verletzungen sind von dem Stiffneck nicht verursacht worden“. Als neue Erklärung für die Strangulationsmarke nannte sie dann „Altershaut“.

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Dann der Kehlkopf. Die Zeitung hatte Frau Mall mit der Aussage zitiert, es gebe „eine ganz kleine Kehlkopffraktur“. Im Obduktionsbericht wird sie als „umbluteter Abbruch des re. langen Kehlkopffortsatzes“ bezeichnet. Auf einem Obduktionsfoto, das ich bisher nicht veröffentlich habe, ist zu sehen, wie die Strangulationsmarke über die linke Halsseite bis vorn über den Kehlkopf verläuft und dort in einer großen Einblutung in Kehlkopfhöhe endet. „Woher wissen Sie das?“, fragte mich die Medizinerin. Ich sagte, es sei auf dem Foto zu sehen, das bei der Obduktion in ihrem Institut fotografiert wurde. Sie forderte mich auf, ihr mein Material zu schicken, damit sie sich ein Gesamtbild machen könne. Das lehnte ich. Aber das betreffende Foto habe ich ihr geschickt – und noch ein weiteres, ebenfalls noch unveröffentlichtes, auf dem die rechte Halsseite zu sehen ist.

Darauf sieht man eine weitere scharfe Einblutung und einen blauen Fleck. Der Täter könnte also ein Kabel oder etwas ähnliches um den Hals gelegt, kräftig gezogen und mit der Hand gegen die andere Halsseite gedrückt haben. Das würde dann auch zu den Erklärungen passen, die ich von anderen Medizinern zu diesen Fotos erhalten habe.

Frau Mall sagte auch, bei einem gemeinschaftlichen Treffen von Klinikärzten, Rechtsmedizinern und Staatsanwälten in der Klinik seien alle Möglichkeiten durchgespielt worden. Die Apparate hätten Alarm geschlagen, wenn so etwas passiert wäre.

Ohne, dass ich jemandem zu nahe treten möchte: Sieht so neuerdings eine Ermittlung aus, wenn der Verdacht auf ein schweres Verbrechen besteht? Erwarten die Ermittler wirklich, dass die Klinik ihnen freimütig Pannen gesteht – falls es welche gegeben haben sollte? Ist es neuerdings üblich, dass Staatsanwälte einen möglichen Tatort bei einer geselligen Gruppenführung von den Hausherren des mutmaßlichen Tatortes vorführen lassen?

Mit den Fotos habe ich weitere Fragen an Gita Mall geschickt, nämlich nach ihrer Erklärung für die Verletzungen, die auf den Fotos zu sehen sind.

Außerdem habe ich sie gebeten, Fragen zum Fall Gunter A. zu beantworten. Das wird der nächste Fall, den ich hier vorstellen werde.

* Zensiert aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Hamburg auf Antrag von Frau Mall

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