Prof. Dr. Hansjürgen Bratzke, Chef des Berufsverbandes des Rechtsmediziner. Foto via Rechtsmedizin-Institut Frankfurt
Prof. Dr. Hansjürgen Bratzke, Berufsverband der Rechtsmediziner. Foto via Rechtsmedizin-Institut Frankfurt

Zu den Standardforderungen rechtsmedizinischer Lobbyarbeit gehört die Forderung nach mehr Personal, mehr Geld und mehr Leichenschauen, um unentdeckten Straftaten zahlreicher auf die Spur zu kommen. „Wenn auf jedem Grab eines unentdeckt Ermordeten eine Kerze stünde, wären Deutschlands Friedhöfe hell erleuchtet“, lautet ein gern gebrauchter Satz. Was aber, wenn systematische Schlamperei zu falschen Gutachten führt – mit gravierenden Folgen für unschuldig Verurteilte oder frei herumlaufende Gewalttäter? Zwei heikle Fälle, über die die Medical Tribune (MT) berichtet, haben beim Berufsverband der Rechtsmediziner eine bedenkliche Reaktion ausgelöst.

Opfer des mutmaßlichen Falschgutachters waren in beiden Fällen Mediziner-Kollegen. Einer der beiden ist ein Notarzt, schreibt die MT. Der Rechtsmediziner, Chef eines Universitäts-Instituts und von den Autoren nur „Prof. Dr. X. Y.“ genannt, habe eine Abfolge von Ereignissen festgestellt, die so beschrieben wird:  „Fehlintubation des Ösophagus, dadurch Herzstillstand, dadurch ischämischer Hirnschaden mit Todesfolge.“ Der Notarzt kam vor Gericht, obwohl schon früh Zweifel bestanden. Alle Befunde inklusive CT hätten für eine Meningitis gesprochen. Offenbar erst nach längerem Streit bewilligte das Gericht eine Gewebeuntersuchung (Histologie), die den Rechtsmediziner widerlegte: „Todesursache war eine hochgradige Menigoenzephalitis“, schreibt die MT.

„Einseitig und offensichtlich polemisch“

Im zweiten Fall ging es um den Tod eines schwer kranken 85-jährigen Mannes. Ein behandelnder Arzt hatte versucht, eine Sonde durch die Speiseröhre einzuführen. Wegen eines heftigen Würgereflexes des Patienten misslang das mehrfach. Zudem erlitt der alte Mann eine innere Halsverletzung, die wenige Tage später operiert wurde. Vorübergehend ging es ihm wieder gut. Drei Wochen später starb er aber an mehrfachem Organversagen. Derselbe Rechtsmediziner „Prof. Dr. X. Y.“ machte für den Tod die missglückte Einführung der Sonde verantwortlich. Wie ihm ersten Fall hatte er auf eine histologische Untersuchung verzichtet. Dann befragte das Gericht allerdings einen Pathologen, der die Version des Rechtsmediziners widerlegte. Beide angeklagten Ärzte wurden freigesprochen.

Unter den Rechtsmedizinern in Deutschland haben die Fälle und der Bericht der MT für Wirbel gesorgt. Der Artikel „wirft ein schlechtes Licht auf die Rechtsmedizin“, beklagt der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner, der Frankfurter Institutschef Hansjürgen Bratzke, in einem Schreiben an seine Mitglieder. Die  Darstellung der MT sei „einseitig und offenkundig polemisch“. Sollte „von Ihrer Seite Handlungsbedarf gegen die Medical Tribune“ bestehen, „müsste ich mit entsprechenden Informationen versorgt werden, die eine ‚Gegendarstellung‘ ermöglichen“.

Wie viele Pannen leistet sich die Rechtsmedizin?

Bratzke räumt freilich in seinem Schreiben ein, dass der MT-Artikel eine womöglich verbreitete Fehlerquelle in rechtsmedizinischen Gutachten offengelegt haben könnte – nämlich den Verzicht auf histologische Untersuchungen. Der berge „immer die Gefahr einer Fehlbegutachtung“. Rechtsmediziner sollten gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft energischer auf Gewebeuntersuchungen bestehen, auch, wenn die offenbar aus Kostengründen häufig vermieden werden.

Die Beantwortung meiner Fragen lehnte Bratzke ab – auch die, wie oft Rechtsmediziner in Deutschland ohne Histologie Gutachten erstellen und welche Fehlerquote daraus geschätzt werden kann. Es handele sich um einen internen Vorgang, der die Öffentlichkeit nichts angehe, richtete seine Sekretärin aus.

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