Seit über einem Jahr ist das Tempelhofer Flugfeld mitten in der Berliner Innenstadt eine Brache. 386 Hektar, groß wie ein ganzer Stadtteil, eingezäunt mit Stacheldraht, betreten verboten. Unvergessen ist der erbitterte Riss, der durch die Stadt ging, als der rot-rote Senat die umstrittene Schließung durchsetzte.

Einen Plan für die Nutzung des Geländes gibt es bis heute nicht. Ein paar Tage im Jahr tummelt sich auf dem Vorfeld und in einigen Hangars die Modemesse Bread and Butter. Ein Drittel des Geländes soll in ein paar Jahren die Internationale Gartenausstellung besetzen. Alles eher klein-klein-posemuckelig.

Für das Magazin Wirtschaftswunder-BB habe ich Berlins kreativsten Architekten, Hinrich Baller (Foto), nach seiner Idee für Tempelhof gefragt. Seine Fans sehen Baller in einer Reihe mit Gaudi und Hundertwasser, seiner ungewöhnlichen Häuser wegen, die im Stadtbild sofort ins Auge fallen. Runde Formen, alles leicht und beschwingt. Wohnungen sind in Baller-Häusern praktisch nicht zu bekommen. Wer eine ergattert, zieht nicht mehr aus.

Das Gespräch mit ihm verlief ungewöhnlich. Auf die Eingangsfrage sprach er eine knappe halbe Stunde im Alleingang und entwickelte nicht nur eine Idee für Tempelhof, sondern auch ein Konzept für die verwahrloste Berliner Stadtplanung insgesamt. Weg von dem, was Baller zentralgeplante Stadtentwicklung nennt, die einen Eindruck von „es ist fertig“ vermittele. Er nennt als Beispiele das Regierungsviertel mit seinen „wilhelminischen“ Dimensionen und die am Reißbrett geplante Friedrichstraße, von der sich die Händler schon wieder verabschiedeten, um auf den „verkramten Kudamm“ zurück zu ziehen. Stattdessen stellt er sich eine „bunte“ Stadt vor, die eben nicht fertig sei, sondern aus beweglichen Kiezen, Industrie- und Gewerbeecken und Grüninseln bestehe.

Es brauche Wachstum, Bevölkerungszuwachs und Kapital, um eine Stadt am Leben zu halten. Nichts davon sei in Berlin vorhanden, stellt er fest. Das Tempelhofer Flugfeld könne dazu beitragen, die Abwanderung von Familien ins Brandenburger Umland zu stoppen.

Seine Idee: Eine moderne und schöne Vorstadtsiedlung mitten in der Metropole, mit höchstens dreistöckigen Wohnhäusern, Innenhöfen und kleinen Gassen, dazwischen Gärten und Hügel, alles möglichst heimelig und akustisch abgeschottet gegen die Stadtautobahn auf der einen und die lauten Veranstaltungsflächen auf der anderen Seite des einstigen Flughafens.

Ballers Ideenskizze ist der erste ernsthafte Versuch, der toten Tempelhofer Brache Leben einzuhauchen. Hörenswert! Hier die Aufzeichnung des Gesprächs mit ihm. 0912_baller.mp3
Foto: Axel Ganser/Wirtschatswunder-BB

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