Irgendwie beruhigend, zu sehen, dass auch die bundesweiten Top-Ermittler nur mit Wasser kochen. Beim NSU-Prozess liegt eine Kollektion von Waffen auf dem Richtertisch. Der Zeuge, ein BKA-Ermittler, hat sie mitgebracht. Der Richter will wissen, ob Zeugen diese Waffen als Tatwaffen erkannt haben. Leider kann der Ermittler erstmal die Waffennummern nicht lesen. Er hat nämlich seine Lesebrille vergessen. Gelächter im Saal.

Schließlich hilft einer der Anwälte aus, in dessen Hosentasche zufällig eine Lupe steckt. Er gibt sie dem Ermittler. Jetzt sieht er scharf genug. Er verliest die eingestanzten Nummern auf den Waffen. Aber wieder entsteht Konfusion. Die Nummern stimmen nicht mit denen überein, die in den Ermittlungsakten stehen. Der Richter guckt säuerlich. Es meldet sich einer der Prozessvertreter der Bundesanwaltschaft zu Wort und meint, es handele sich wohl um Verwechslungen. Auf der rechten Seite einer Tabelle in der Akte stünden die Nummern der originalen NSU-Tatwaffen, die in der abgebrannten Wohnung und dem abgebrannten Wohnmobil gefunden wurden, auf der linken Seite die Nummern von baugleichen Vergleichswaffen aus der Sammlung des BKA. Erleichterung bei allen Beteiligten, dass das geklärt wäre. Ist es dann aber doch wieder nicht. Zeuge Kommissar erklärt, es sei ganz anders, kann oder will aber nicht sagen wie.

Dann der verzweifelte Versuch des BKA-Ermittlers, dem Richter zu erklären, das Exemplar der Ceska-Pistole auf dem Richtertisch sei dasselbe wie auf einem Foto in den Akten. Die Verteidiger von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben glauben das nicht. Wohlleben-Verteidiger Olaf Klemke bemerkt auf der fotografierten Ceska ein silberfarbenes Laufende. Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl fällt auf, dass durch den Patronenauswurf der fotografierten Waffe ein silberfarbener Lauf zu sehen ist. Die Ceska auf dem Richtertisch hat aber einen schwarzen Lauf. Der Kommissar erklärt das erstmal damit, vermutlich habe der Blitz beim Fotografieren auf dem Lauf reflektiert. Anschließend unterbricht der Richter die Sitzung für die Mittagspause. Als es nach dem Essen weitergeht korrigiert sich der Zeuge. Auf dem Foto sei tatsächlich eine andere Waffe zu sehen als die auf dem Richtertisch. Das habe ihm gerade ein Kollege am Telefon gesagt. Die Verteidiger feixen. Noch doller, als er dann erzählt, es würden wohl immer nur „baugleiche“ Waffen zum Identifizieren gezeigt, wobei es aber egal sei, ob die Waffe etwa schwarz oder verchromt sei. Baugleich sei baugleich, egal, welche Farbe. Dumm nur, wenn Zeugen aussagen, sie hätten eine Waffe anhand von Form und Farbe erkannt.

So, wie der Angeklagte Carsten S. Er erzählte im Prozess, wie er damals, nachdem er festgenommen worden war, eine Waffe identifizieren sollte. Genauer: Die Tatwaffe Ceska, denn S. war der, der diese Waffe an Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos übergab, das hat er gestanden. Er sei aber kein Waffennarr und habe eigentlich nur noch gewusst, dass die Waffe schwarz war, dass es eine Pistole war, sie weder besonders groß oder besonders klein war und dass ein Schalldämpfer dabei lag, der etwa so lang gewesen sei wie die Pistole selber. Bei der ersten Vernehmung im Ermittlungsverfahren zeigten ihm die Ermittler nur verwaschene Kopien von Fotos der Waffen, was etwas absurd wirkt. Denn es gab die originalen Fotos ja auch. Im Gerichtssaal konnte sich die jeder anschauen, weil sie an die Wand projiziert wurden.

Dann hatte S. eine zweite Vernehmung, bei der ihm echte Waffen gezeigt wurden. Sie lagen auf einem Tisch, so, wie jetzt im Gericht auch. Zielstrebig sei sein Blick auf zwei ganz bestimmte Pistolen gelenkt worden, erinnerte sich S. Der Grund dafür war einleuchtend: Auf beiden Pistolen waren Schalldämpfer montiert. Die eine hatte nur einen ganz kurzen Schalldämpfer, die andere einen langen. S. entschied sich für die Pistole mit dem langen Schalldämpfer – es war, wen wundert‘s, die Ceska.

Natürlich fragten Beate Zschäpes Anwälte begeistert nach und zerlegten den BKA-Ermittler nach Kräften. Da habe ein weiterer Zeuge von einer kleinen, schwarzen Waffe gesprochen, und das BKA habe bei den Vernehmungen die offenbar immer ähnliche Kollektion aus silbernen Pistolen, schwarzen Pistolen mit und ohne Schalldämpfer und großen Maschinenpistolen vorgezeigt. Ob er die Maschinenpistolen auch für klein und schwarz halte, raunzte Anwalt Stahl den Zeugen an.

Es war nicht das erste mal, dass ein BKA-Ermittler einen schlechten Eindruck hinterließ. An einem früheren Verhandlungstag ging es um Gefangenentransporte von Beate Zschäpe. Im Auto oder im Hubschrauber saßen offenbar immer auch Ermittler und versuchten, über Smalltalk doch noch so etwas wie eine Aussage zu erhaschen. Einerseits verständlich, andererseits aber grenzwertig, weil Zschäpe da längst klargestellt hatte, dass sie keine Aussagen machen will. Laut Gesetz müssen die Ermittler das akzeptieren, ob es ihnen passt oder nicht, egal auch, ob Leute wie Du und ich das toll finden. Die Zschäpe-Anwälte stuften ihr Verhalten als rechtswidrig ein und beantragten Verwertungsverbote. Einer der Ermittler, der Zschäpe auf Transporten begleitete, wies in jovialem Tonfall immer dann auf sein leider nicht so gutes Gedächtnis hin, wenn die Verteidiger mehr über seinen „Smalltalk“ wissen wollten. Grinsend, manchmal lachend.

Angesichts der zehn Mordopfer und der Dutzenden Verwundeten ist das schwer zu verknusen. Und der Sache dient es auch nicht. Es könnte durchaus stimmen, was die Anklage zur Mordwaffe und ihrer Geschichte schreibt. Dass BKA-Ermittler mal täppisch, mal dreist vor Gericht auftreten macht sie aber nicht überzeugender.

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