Alles Mineros sind oben. Als letzter verabschiedet sich Rettungshelfer Manuel Gonzales mit einer Verbeugung von dem Stollen, in dem die Männer verschüttet waren

Eigentlich sollte nichts über die Einzelheiten in der verschütteten Gold- und Kupfermine in San José herauskommen. Aber jetzt haben die ersten der chilenischen Mineros doch begonnen, die Geschichte der ersten 17 Tage zu erzählen. Der Pakt, den sie geschlossen haben, immer wieder als Blutschwur bezeichnet, kann wohl auch nicht halten, wenn 2000 Reporter vor Ort sind und einige, offenbar vor allem Chinesen, mit großen Geldsummen Interviewrechte einkaufen.

Den tiefsten Einblick giben heute allerdings der britische Guardien und die Washington Post.  Deren Reporter haben Einblicke in die ersten Tage erhalten, die man bisher nur erahnen konnte. „Wir haben auf den Tod gewartet“, sagte er 23-jährige Richard Villaroel Godoy, der als erster auch öffentlich über den Gedanken an Kannibalismus sprach.  Schichtführer Luis Urzua (54) bestätigte die schon kursierenden Informationsfetzen über die prekäre Versorgung während der ersten 17 Tage.

„Wir haben überlegt, was wir jetzt tun können und was nicht„, sagte Urzua. „Und wir mussten herausfinden, wie wir mit dem Essen umgehen“. Die Rationierung, die er durchsetzte, war noch geringer, als bisher bekannt. Ein halber Löffel Thunfisch oder Lachs war das einzige Essen, das jeder Bergmann pro Tag bekam. Das habe die Mehrheit so entschieden, sagte Urzua. Überhaupt sei alles demokratisch entschieden worden. „16 plus eine Stimme war die Mehrheit“.

Die Minderheit war aber offenbar nicht mit allem einverstanden. Einer der Helfer an der Oberfläche, Daniel Sanderson, enthüllte, dass es schlimme Auseinandersetzungen gegeben haben muss. „Sie sind in drei Gruppen auseinandergebrochen“, sagte er und berief sich auf einen Brief, den er kurz nach dem Aufspüren der Männer erhalten hatte. „Es gab Kämpfe. Sie haben sich mit den Fäusten geprügelt“.

Dass die Männer auch an Kannibalismus dachten, stellte sich erst heraus, als wieder Kontakt zur Außenwelt bestand und die Hoffnung auf ein Überleben zurückgekehrt war. „Bis dahin hat niemand darüber geredet“, sagte Villaroel. „Aber als die Hilfe unterwegs war, haben wir darüber Witze gerissen. Erst dann. Aber vorher wurde das nicht ausgesprochen.“

Die Lage während dieser ersten 17 Tage muss verzweifelt gewesen sein. „Unsere Körper haben sich selber aufgegessen. Wir wurden immer dünner“, erinnert sich Villaroel. Neben dem halben Löffel Dosenfisch gab es nur verschmutztes Wasser. „Es schmeckte schlecht. Es schwamm Öl darin von den Maschinen. Aber wir hatten kein anderes“.

Dass die Moral nicht völlig zusammenbrach, ist möglicherweise der rigiden Tagesplanung von Schichtführer Urzua zu verdanken. Er teilte die Männer in Gruppen ein. Einige kümmerten sich um die Fahrzeuge, andere berechneten die Essens-Rationen.

Wie radikal sich die Stimmung dann wandelte, als das Suchteam an der Oberfläche mit einer Bohrung die Stollendecke durchbrach, lässt sich wohl nicht nachempfinden. Einer der Bergleute sagte, jeder habe den Hammer umarmen wollen, der an einem von oben herabgelassenen Seil hing. Villaroel sagt, die Männer hätten die Nationalhymne gesungen und gebetet. „Ich hatte so viel Adrenalin im Blut, dass ich nicht denken konnte“. Es sei ein Augenblick „puren Glücks“ gewesen.

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