Seit einem Jahr sitzt Gunter A. in der Haftanstalt Gräfentonna bei Erfurt. Das Foto zeigt ihn nach der Festnahme

Gunter A. aus Herbsleben in Th√ľringen ist 57 Jahre alt. Zu DDR-Zeiten arbeitete er als Baumaschinist und steuerte gro√üe Kr√§ne. Er heiratete, bekam einen Sohn. Die Firma, f√ľr die er arbeitete, √ľberlebte die Wende. Ein paar Jahre sp√§ter wurde sie dann aber doch aufgel√∂st und A.¬†entlassen. Er arbeitete eine zeitlang als Fahrer, dann s√§uberte er als Arbeitsbeschaffungsma√ünahme Waldwege. Seit 2005 bekommt er Hartz IV. Mit dem beruflichen Abstieg steigerte sich der Alkoholkonsum offenbar zur Sucht. Seit einem Jahr sitzt A.¬†in der Haftanstalt Gr√§fentonna bei Erfurt. Er wurde zu acht Jahren verurteilt, weil er seine Frau Marie-Luise (?51)¬†so schwer verletzt haben soll, dass sie zu Tode kam. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil inzwischen teilweise kassiert. Die dritte Strafkammer in M√ľhlhausen wird “in K√ľrze” die Termine f√ľr die Neuverhandlung bekanntgeben, sagte eine Sprecherin. A.¬†beteuert bis heute seine Unschuld. Sein Anwalt hatte vergeblich auf Freispruch wegen Mangels an Beweisen pl√§diert. Sitzt A.¬†zu Unrecht?

Er habe seine Frau mehrfach mit “au√üergew√∂hnlicher Brutalit√§t” geschlagen, sagte der Vorsitzende Richter Gerd Funke bei der Urteilsverk√ľndung am 24. Juli 2009. Dabei st√ľtzte er sich auf die nach seiner Einsch√§tzung “sehr guten” Rechtsmediziner in Jena. Der Richter lobte, selten sei ein Gutachten derart eindeutig gewesen. M√∂glicherweise liegt er damit falsch. Der Berliner Rechtsmediziner Prof. Volkmar Schneider ist von dem Gutachten nicht √ľberzeugt. Au√üerdem werfen Ermittlungen und Prozessverlauf diverse Fragen auf.

Sie hatte 2,55 Promille Alkohol im Blut, er 1,6 Promille

Am Nachmittag und Abend des 17. September 2008 hatte das Ehepaar zu Hause ordentlich gezecht. Das ist unstrittig. Im Blut der Frau fanden sich 2,55 Promille Alkohol, der Mann hatte am n√§chsten Vormittag um 11.15 Uhr noch einen Atemalkoholwert von 1,6 Promille.¬†Sp√§ter gingen beide im Schlafzimmer im Obergeschoss zu Bett. Die Frau sei aber mehrmals wieder aufgestanden und habe unten in der K√ľche weitergetrunken. Er habe ihr eine Moralpredigt gehalten, sie ihn daf√ľr beschimpft, meint die Anklage. Staatsanwalt und Richter glauben, dass er sie dann Richtung Treppenhaus geschubst habe. Sie sei gest√ľrzt, er habe dann mehrmals mit erheblicher Wucht entweder auf sie eingepr√ľgelt oder ihren Kopf gegen eine Kante geschlagen. Das Obduktionsprotokoll vermerkt als Todesursache Verbluten “in Kombination mit Sch√§del-Hirn-Trauma”. An der Oberseite des Kopfes fanden die Obduzenten mehrere klaffende Hautwunden. Die Schl√§ge – oder Aufprallwunden? – waren allerdings nicht stark genug, um den Sch√§delknochen zu brechen.

Fraglich ist, womit Gunter A.¬†zugeschlagen haben soll. Eine Tatwaffe wurde nie gefunden. Dabei hatte die Polizei ein Gro√üaufgebot mit Hunden zum Haus der A.s¬†beordert und s√§mtliche R√§ume und die Umgebung abgesucht. Andererseits finden sich gen√ľgend passende Kanten, auf die der Kopf der Frau aufgeschlagen sein k√∂nnte, auch mehrfach: N√§mlich die Treppe zwischen den beiden Stockwerken und vor allem die beiden Steinstufen, die in die Diele f√ľhren. Sie k√∂nnte einfach gest√ľrzt sein. Rechtsmedizin-Chefin Gita-Else Mall schlie√üt das aber aus. “Das Befundmuster ist mit einem Sturzgeschehen, auch im Bereich der in der Wohnung befindlichen Treppen, nicht in √úbereinstimmung zu bringen”, schreibt sie ¬†in ihrem Gutachten.

Das Befundmuster ist mit Sturzgeschehen nicht in √úbereinstimmung zu bringen. Warum eigentlich nicht?

“Warum eigentlich nicht”, erwidert darauf der Berliner Rechtsmediziner Prof. Volkmar Schneider, dem ich die Unterlagen samt Tatortfotos gezeigt habe. “Die Kopf- bzw. Gesichtsverletzungen finden sich an den prominenten Stellen, d.h. dort, wo man auch sonst bei St√ľrzen nach vorn entsprechende Verletzungen zu erwarten hat.” In seiner Berufspraxis habe er ganz √§hnliche Verletzungen bei Menschen gesehen, die “infolge eines Herzinfarktes oder aufgrund h√∂hergradiger Alkoholisierung nach vorn fallen und hart aufschlagen”.

A.¬†hatte seine Frau am Morgen des 18. September 2008 leblos in einer Blutlache auf dem Fliesenboden der Diele gefunden und gegen 6.15 Uhr den Notruf alarmiert. Wie die Frau dorthin kam, konnte der Prozess nicht aufkl√§ren. Gegen 22 oder 23 Uhr seien sie zu Bett gegangen, sagte A.¬†in seiner ersten Vernehmung (bei dieser Gelegenheit war auch sein Atemalkohol gemessen worden). Seine Frau sei “ein bisschen angeduselt” gewesen. Fr√ľh um 5.30 Uhr habe er sie gefunden, sich √ľber sie gebeugt, “mich direkt auf sie gelegt. Ich sagte ihr, M√§dchen, was machst Du f√ľr Sachen. Ich habe sie dann noch gek√ľsst und mich von ihr verabschiedet.” Dann habe er die 112 gew√§hlt. In der zweiten Vernehmung schilderte er ihr Alkoholproblem. Sie sei immer wieder zu Entziehungskuren in M√ľhlhausen gewesen, aber l√§nger als drei oder vier Monate sei sie nie trocken geblieben. “Sie war dann auf einmal wieder besoffen und ich war verzweifelt”, sagte er. Ihr Pensum habe bei drei bis vier Tetrapack Wein pro Tag gelegen. Er selber habe sich dann mit Kr√§uterlik√∂r getr√∂stet, den er im Schuppen versteckte.

Geschlagen haben sie sich wohl. Aber totgeschlagen?

Am Abend des 17. September 2008 habe er sie zun√§chst gebeten, ihm ins Bett zu folgen. Das habe sie auch getan, aber nach zehn Minuten sei sie wieder aufgestanden, sei nach unten in die Diele gegangen und dort hin- und hergelaufen. Er habe nicht schlafen k√∂nnen und sei ihr gefolgt. “Ich habe ihr nur gesagt, willst Du nicht ins Bett kommen, gib endlich Ruhe und wenn Du ins Bett kommst, schlaf”. Er sei dann allein wieder ins Schlafzimmer zur√ľck und anschlie√üend ein weiteres mal nach unten gegangen. Da lag sie dann auf dem Boden. “Sie guckte mich an mit den gro√üen Augen, da hat sie schon gelegen, glaube ich. Sie lag auf dem Fu√üboden und da hat sie auch schon geblutet, und dann habe ich die Matraze drunter gelegt.” Er sei dann wie von Sinnen im Haus hin- und hergerannt und habe nicht glauben k√∂nnen, dass sie nicht mehr lebe. Darum habe er auch keinen Notarzt gerufen.

Nach mehrst√ľndiger Vernehmung, da war es schon wieder nach 22 Uhr, sagte er freilich auch: “Sie hatte die H√§nde vorm Gesicht. Sie wollte sich bestimmt sch√ľtzen. Ich sehe mich mit meinen H√§nden auf sie einschlagen. Ich glaube, sie f√§llt vorw√§rts mit dem Kopf gegen den Gefrierschrank.” Vor dem Haftrichter nahm er diese Aussage am n√§chsten Tag teilweise zur√ľck. Er habe sie nicht geschlagen, aber gesehen, wie sie gegen den K√ľhlschrank gefallen sei. Daf√ľr, dass die beiden sich geschlagen haben, sprechen auch f√ľr Prof. Schneider ihre Verletzungen an den Armen und seine Gesichtsverletzungen.

Tatortfoto: Vor diesen Stufen lag die tote Marie-Luise A.

Offenbar lebte Marie-Luise A.¬†noch “einige Zeit”, nachdem sie sich die schweren Kopfverletzungen zuzog, schlie√üt Prof. Schneider aus den “beginnenden Zellreaktionen an den histologisch untersuchten Hautverletzungen”. Dazu passe auch das schnelle Ausk√ľhlen, das nach Verbluten √ľblich sei. Einen oder mehrere St√ľrze “in diesem Bereich wird man sehr wohl in Betracht zu ziehen haben, wobei √ľber die Ausl√∂sung des Sturzes damit noch nichts gesagt ist”, so Schneider. Ob die Frau alkoholisiert von allein fiel oder ob der Mann sie schubste – beides sei m√∂glich.

Gutachterin nennt den Beschuldigten mehrfach “T√§ter”

Hingewiesen sei schlie√ülich auf zwei Auff√§lligkeiten, die sich in der “Blutspurenmusteranalyse” des Jenaer Instituts finden:

1. Die Gutachterin bezeichnet Gunter A. mehrfach als “T√§ter” ‚Äď obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch Beschuldigter oder Angeklagter war.

2. Zur Tatwaffe: “An h√∂heren Abschnitten und in den Deckenbereichen, insbesondere der Diele und des Flures, fanden sich keine h√∂her gelegenen Schleuderspuren, wie sie durch Ausholen mit einem Werkzeug manchmal entstehen. Dies spricht jedoch nicht gegen einen Werkzeuggebrauch, da diese Schleuderspuren nicht zwangsl√§ufig entstehen.” Das ist gewagt ‚Äď denn f√ľr einen “Werkzeuggebrauch” spricht dieser Befund auch nicht.

Eher daf√ľr, dass die laut Richter “sehr guten” Rechtsmediziner voreingenommen ans Werk gingen.

4 Kommentare
  1. Ingolf Keil sagte:

    Ich bin der Schwager von Gunter A. und besuche ihn regelmäßig
    im Gefängniss, auch ich bin der Meinung, daß Gunter zu schnell wegen verschiedenen Vorurteilen, verurteilt wurde.
    Ich bin der Meinung, das er komplett unschuldig ist und werde ihn auch weiter Tatkr√§ftig unterst√ľtzen. Wenn √ľberhaupt, war das ein tragischer Unfall. Ich hoffe, das die Wahrheit ans Tageslicht kommt und wir irgendwann mal erfahren was wirklich geschah.
    MfG Ingolf Keil

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