So sieht die Ergebnisseite aus, wenn man mit der App von Mitfahrgelegenheit.de eine Verbindung von München nach Berlin sucht. Die steuersubventionierte Konkurrenz braucht noch ein Weilchen

Fortsetzung 2: Private Konkurrenz entwickelt App für ein Zwanzigstel

Fortsetzung 1: So antwortet das Bundeswirtschaftsministerium

Der Bund der Steuerzahler brachte die Sache ans Licht, und dort, im Hellen, sieht sie etwas düster aus. Das Bundeswirtschaftsministerium subventioniert die Entwicklung einer App, die Mitfahrer und Mitfahrgelegenheiten zueinanderbringen soll. 1,1 Millionen Euro lässt Vater Staat sich das kosten. Vielleicht haben sich die zuständigen Beamten vom schönen Namen des Projekts blenden lassen: Green Mobility. Das Dumme ist nur: Das, was das Ministerium da entwickeln lässt, gibt es längst – ohne Subvention und in der Praxis bewährt.

Die Idee ist in der Tat nicht dumm. Wer einen Platz im Auto frei hat, bietet den auf einer Online-Plattform an. Der Mitfahrer zahlt einen Preis, der deutlich unter dem eines Bahn- oder Flugtickets liegt. Ich selber nutze den Dienst Mitfahrgelegenheit.de annähernd wöchentlich zwischen Berlin und München. Verbindungen gibt es auf meiner Strecke inzwischen mehrmals stündlich. Für die annähernd 600 Kilometer brauchen meine Fahrer immer zwischen vier und sechs Stunden. Auch die langsamsten sind damit schneller als die Bahn. Der Preis für die Strecke bewegt sich zwischen 29 und 35 Euro. Mit dem iPhone (oder einem Android-Handy) ist das Buchen noch einfacher als auf der Webseite. Dafür gibt es eine App, die fix zur Sache kommt und auch das Einstellen einer eigenen Fahrt extrem simpel macht.

Warum muss die Bundesregierung den kleinen Markt der Mitfahrgelegenheiten aufmischen?

Die App von Green Mobility gibt es dagegen noch nicht. An der brütet derzeit die Karlsruher Softwarefirma B2M. Die Förderung des Ministeriums wird stolz auf der Webseite vermerkt. Die App gehe demnächst in die “Evaluierungsphase”, sagte mir Projektleiterin Anke Thede. Später werde sie dann zunächst kostenfrei angeboten. Die Daten stammten von der Mitfahrvermittlung Raumobil – eine vergleichsweise mäßige Wahl angesichts eines Angebots von vielleicht drei, vier täglichen Fahrten auf meiner Strecke Berlin-München. Die öffentliche Förderung sei dennoch angebracht, sagt Anke Thede, nachdem ich sie auf die Konkurrenzlage ansprach. Der “innovative Ansatz” von B2M liege in der “Middleware”. Die sorge für besonders schnelle Datenübertragung auf Mobilfunkgeräten. Außerdem ermögliche sie zusätzliche Features wie die automatische Ermittlung des Standortes und einiges mehr, worüber sie noch nicht sprechen wolle, um die Mitbewerber nicht hellhörig zu machen. Überprüfen lässt sich diese Auskunft derzeit nicht.

Warum sie dafür öffentliche Gelder benötige, fragte ich sie. Weil B2M ein Zusammenschluss mehrerer “KMU” sei, also kleiner und mittelständischer Unternehmen. Die hätten es schwer, Investorengelder für eine gute Idee einzusammeln. Auch das klingt wenig überzeugend, zumal auch hinter der Konkurrenz von Mitfahrzentrale.de kein Großkonzern steckt, sondern eine ebenfalls eher mittelständische Münchner GmbH.

Das Wirtschaftsministerium sah sich außerstande, meine Frage zu beantworten. Ich hatte nur eine einzige: Warum ist es notwendig, einer Mitfahrzentrale 1,1 Millionen Euro Fördergeld für eine App zu geben, die ein Konkurrent schon längst im Markt hat? Angerufen habe ich dort im Auftrag der B.Z., für die ich über die Sparvorschläge des Steuerzahlerbundes berichtet habe. Ein versprochener Rückruf blieb aus. Nach Stunden erwischte ich eine Sprecherin, die freilich den Vorgang nicht kannte. Sie bat um eine E-Mail, die sie an die Fachleute des Hauses weiterzuleiten versprach. Ob sie das getan hat, weiß ich nicht. Die Antwort steht immer noch aus.

Das ist schade, denn die Nachfrage, die ich im Hinterkopf habe, kann ich damit wohl auch nicht anbringen. Die hätte gelautet, warum das Ministerium den kleinen Markt der Mitfahrgelegenheiten mit einer Steuermillion aufmischen muss, obwohl er von allein funktioniert. Damit hätten wir dann nicht mehr einen Mini-Markt diskutiert, sondern das grundsätzliche Verständnis der Bundesregierung von Marktwirtschaft.

18 Kommentare
  1. Thomas Gutthat sagte:

    da fällt mir doch glatt nichts mehr zu ein und otto normalverbraucher, der sich selbständig machen will, bekommt nicht mal eine förderung im bereich der existenzgründung…

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  2. Sven Schmidt sagte:

    Noch viel skandalöser, wenn man folgendes bedenkt:

    a) Die FDP schreibt sich auf die Fahnen, gegen (!) Subventionen zu sein
    b) Die Partei will außerdem nicht in die private Wirtschaft eingreifen

    Stattdessen macht sie das Gegenteil und das noch maximal ineffizient und ohne jegliches Verständnis. Warum soll eine mobile App 1,1 Millionen Euro kosten!? Warum sollte “Middleware” eine Rolle spielen!? Liquidität in Form von Angebot und Nachfrage sind entscheidend.

    Mir fehlen die Worte – insbesondere da in 2009 die FDP die private (!) Internetwirtschaft im Rahmen der Internetrepublik (http://www.internetrepublik.de/blog/) für sich gewinnen wollte. Der Verdacht liegt tatsächlich sehr nahe, dass es sich bei den Begünstigten um FDP Spender handelt. Siehe MwSt.-Thematik und Hotelwirtschaft.

    LG Sven (“Full disclosure”: Habe 2009 das Investment des Risikokapitalgebers Earlybird in Mikini bzw. Mitfahrgelegenheit.de betreut!)

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  3. Jan Michalowsky sagte:

    Also das Middleware Argument ist schon ein Hammer :D Sowas kannste dann auch nur nem Reporter erzählen. IT’ler wären vor Lachen vom Stuhl gefallen

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    • bitterlemmer sagte:

      Nicht lachen… erklären, bitte! Und dass ich das einfach gefressen hätte, sagst Du ja selber nicht… ;)

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  4. Leo sagte:

    Skandalös so was. Was denken sich diejenigen, die das entscheiden? Ich kann es mir nur so erklären: Entweder sie sind nicht fähig, sich im Netz zu informieren, ob es so was schon gibt und haben sich belabern lassen, oder sie wurden bestochen.

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  5. Leo sagte:

    Ich les grad auf deren Homepage: “aufgrund eines beschlusses des Deutschen Bundestages”. Hast du mal rausgesucht, welcher Beschluss das war und welche Politiker verantwortlich sind?

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  6. Leo sagte:

    Das hier klingt jedenfalls viel besser als “Mitfahrzentrale”:

    Um Angebot und Nachfrage zu koordinieren, entwickelt Green Mobility eine zentrale Mobilitätsplattform, den Mobility Mediation Layer (MML). Diese verwendet semantische Technologien, um die Daten der Nutzer, aber auch die Services von Drittanbietern miteinander zu wertvollen Mehrwertdiensten zu kombinieren. Die Plattform bietet den mobilen Endgeräten eine einheitliche Schnittstelle und sorgt so für eine reibungslose Kommunikation zwischen diesen und den Serverseitigen Kompontenten. Der MML gibt Anfragen und Aufrufe weiter und findet passende Mehrwertdienste auch zu neuartigen Problemstellungen. Zusätzlich wird über den MML ein hoher Sicherheitsstandard für die Verwertung der Nutzerdaten garantiert.

    http://theseus-programm.de/de/940.php

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    • Michael H. sagte:

      So ein Schachsinn gabs auch schonmal als Open Source. Und kam vom Fraunhofer Institut. Hiess damals Open Ride. Ist genauso gescheitert.

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  7. Jan Krause sagte:

    Haha, ich lach mich schlapp, am besten ist ja wohl der letzte Satz:

    “Zusätzlich wird über den MML ein hoher Sicherheitsstandard für die Verwertung der Nutzerdaten garantiert.”

    Genau, VERWERTUNG steht da. Oh Du fröhliche. Also wenn ich König von Deutschland wäre, dann würden von mir geförderte Projekte alle und ausschließlich Open Source und nach der geförderten Entwicklung/Forschung fürs Volk frei verfügbar sein.. das würde sich dann schon um die Sicherheit kümmern, wie sonst auch. Warum fahren diese “Entscheider” nicht einfach ins Land ihrer (Alb)Träume, bleiben da und lassen uns in Ruhe? Harrr…

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  8. bahntickets sagte:

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  9. Ralf Reissner sagte:

    Denke ich werde diesen Blog jetzt regelmäßig lesen!!! Supergeil geschrieben! Und voralle meine Längenwelle!!! Grüße aus Aschaffenburg! RAXRAX

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