Die Staatsanwaltschaft Gera hat das Ermittlungsverfahren gegen die Rechtsmedizinerin Dr. Heike K. ohne Resultat beendet. K. war von der Chefin der Jenaer Rechtsmedizin, Gita-Else Mall, angezeigt worden. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jens Wörmann, sagte auf meine Anfrage, das Verfahren sei nach Paragraph 170 Strafprozessordnung eingestellt worden. Es habe sich „kein hinreichender Tatverdacht“ ergeben. Der bei Dr. K. beschlagnahmte Aktenordner sei der Polizei übergeben worden, wohl deshalb, damit die ihn seiner Besitzerin zurückgebe.

Für Frau Mall ist das eine kräftige Schlappe. Sie hatte Dr. K. beschuldigt, mir interne Informationen zugesteckt zu haben und wollte sie dafür vor ein Strafgericht bringen. Das ist jetzt erledigt.

Nicht erledigt sind die Vorfälle aus Malls Praxis, über die ich im abgelaufenen Jahr geschrieben habe. Die sind vielmehr so gravierend, dass sie das Rechtsempfinden beschädigen und Zweifel an der Lauterkeit der Strafverfolger und der Justiz wecken.

Der mysteriöse Tod des 96-jährigen Rudolf F. im Klinikum Meiningen: Mall sorgte mit ihren Gutachten dafür, dass die Staatsanwaltschaft Meiningen sich außerstande sah, dem Tod auf den Grund zu gehen. Allerdings hat es sich die Staatsanwaltschaft auch sehr einfach gemacht und sich schlicht geweigert, andere Fachmeinungen zur Kenntnis zu nehmen. Ausgestanden ist die Sache trotzdem nicht. Sie beschäftigt die Fachwelt weiter. Zuletzt veröffentliche der emeritierte Forensiker Gerhard Bundschuh Ergebnisse einer eigenen Untersuchung und legt eine fahrlässige Tötung nahe.

Der Fall der fünfjährigen Lea B: Malls Institut verfasst ein Gutachten, das sich alle Mühe gibt, heftige Blessuren im Gesicht und Bißspuren möglichst harmlos aussehen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft Meiningen macht es sich auch hier einfach und stellt Ermittlungen gegen die Mutter und ihren Lebensgefährtin ein. Zum Glück für das Mädchen waren andere Instanzen nicht so leichtfertig. Das Familiengericht gab Lea in die Obhut ihres leiblichen Vaters.

Der Fall Gunter A: Zwei Jahre saß der 57-Jährige im Gefängnis, weil Malls Institut anhand von Blutspuren gutachtete, er habe seine Frau auf wildeste Weise totgeschlagen. Dafür bekam er zunächst acht Jahre Gefängnis, die letztes Jahr nach erfolgreicher Teilrevision auf zwei Jahre reduziert wurden. Damit ist ist Gunter A. zwar wieder auf freiem Fuß, aber nicht rehabilitiert. Dank seiner Verwandschaft kann er jetzt die teure Wiederaufnahme anstrengen. Spezialisten, denen ich die Tatortbilder gezeigt habe, bezweifeln die Blutspurenauswertung aus Malls Institut entschieden. Sollte sie hier falsch gelegen haben (und danach sieht es aus), muss sie sich fragen, wie sie mit den Folgen umgeht: Ein Mann saß unschuldig im Gefängnis und wurde überdies zu einem Zeitpunkt mit einer falschen Anklage konfrontiert, zu dem er den Tod seiner Frau zu verkraften hatte.

Der Fall des Erschossenen, den Malls Team für erstochen hielt: Eigentlich ist es unfassbar – am Tatort und später am Seziertisch meint die Rechtsmedizinerin, ein Mann sei erstochen worden. Dann wird er vom Tisch gehoben, auf dem sich eine Pistolenkugel findet. Die Mediziner schneiden den Toten noch einmal auf und finden eine zweite Kugel. Anschließend der peinliche Anruf bei der Polizei, die da schon eine Fahndung nach einem Messerstecher herausgegeben hatte. Erst später stellt sich heraus, dass es sich um eine Tat im Drogenmilieau handelte.

Der Fall des Toten, der seinem Gegner von allein ins Messer lief: Angeklagt war ein Mann wegen Totschlags, weil ein anderer Mann eine Begegnung mit ihm nicht überlebte. Er wurde mit einem Stich ins Herz getötet. Der Angeklagte rechtfertigte sich damit, der Kontrahent sei ihm dummerweise ins Messer gelaufen. Die Gutachterin aus Malls Institut hielt diesen Schwachsinn vor Gericht für plausibel. Der Beschuldigte wurde freigesprochen. Wie ich seit kurzem weiß, ist dieser Fall hinterher im Rechtsmedizin-Institut heftig debattiert wurden. Frau Mall wird sinngemäß so zitiert, sie habe gesagt, der Tote sei ja „nur ein Rechter“ gewesen. Sollte das stimmen, wäre es unfassbar.

Der Fall „totgefixt oder vom Stromschlag betäubt“: Ein Mann stirbt an einer Überdosis Heroin. Am Hals hatte die Leiche zwei rote Flecken. Das Institut von Frau Mall gutachtet, es handele sich um Spuren von Stromschlägen. Daraus konstruiert die Anklage den eher unwahrscheinlich Tathergang: Die ebenfalls drogenabhängigen Kumpane des Opfers hätten ihn mit Strom betäubt und ihm dann eine Überdosis gespritzt. Hinweise auf die notwenige Stromquelle finden sich nicht. Trotzdem wird er verurteilt und eingesperrt. Zwei Jahre später beschäftigt sich ein fähigerer Richter in der Revision mit dem Fall, besorgt sich ein weiteres Gutachten, das zu dem Ergebnis kommt, die roten Flecken seien Druckmarken, die erst nach dem Tod des Mannes entstanden waren.

Der Fall des toten Babys Manjou: Eine Prostituierte bekommt in ihrer Wohnung ein Kind. Zwei Stunden später ist es tot, offenbar ausgekühlt. Im Blut des Säuglings finden sich Drogen, es kam abhängig zur Welt. Die Sanitäter sind entsetzt über das Chaos, das sie vorfinden. Der leblose Säugling liegt auf einem verranzten Sofa neben dem Hund, zwischen Schmutz und Essensresten. Als der Rettungsarzt die Frau anweist, eine Decke zu besorgen, um das Kind zu wärmen, bringt sie zuerst die Hundedecke, zieht sie zurück und muss dann länger suchen, um eine andere Decke zu finden. Die Staatsanwaltschaft Nordhausen beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen die Frau. Die ist dank der Unterstützung des Hamburger Vereins Sternipark anwaltlich gut vertreten. Nachdem das erste rechtsmedizinische Gutachten von einem „nichtnatürlichen“ Tod spricht, bestellt die Staatsanwaltschaft bei Malls Institut ein zweites Gutachten. Die Rechtsmediziner bekommen diese Frage gestellt: „Wenn das Baby auf dem Sofa lag und eine wärmende Decke zur Seite gerutscht ist, besteht dann die Möglichkeit, dass die Körpertemperatur innerhalb von 35 bis 40 Minuten auf ca. 28 Grad Celsius absinkt?“  Die Antwort lautet wunschgemäß und sinngemäß: ja. Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt, Sternipark kann aufatmen, weil der fällige Skandal ausbleibt.

Der Fall des toten Babys Leonie-Vanessa: Das Mädchen wird mit schweren Hämatomen in die Klinik eingeliefert und nach Begutachtung durch die Rechtsmedizin Jena den Eltern zurückgegeben. Eine Woche später landet es wieder in der Klinik, wird noch notoperiert, überlebt aber nicht. Das Institut von Frau Mall fand auch in diesem Fall verharmlosende Erklärungen, etwa die, das kleine Mädchen habe die Hände zu Fäusten geballt, um die herum ein Erwachsener seine Hand gelegt und festgehalten habe. So seien „Unterblutungen“ an den Händen zu erklären. Frau Mall antwortete auf meine Anfrage, sie selbst habe nur die Leiche des Mädchens obduziert, Leonie-Vanessa aber zu Lebzeiten nicht untersucht. Mag sein. Aber ihr Institut hat das Mädchen gesehen und hätte zu Lebzeiten erkennen müssen, was mit ihr geschehen war. Von dieser Verantwortung kann sich die Institutschefin nicht so einfach freisprechen.

Ich kann ja verstehen, dass Frau Mall gern wüsste, wer alles mir diese Dinge erzählt hat. Aber das kann ja wohl schlecht der Maßstab sein. Ich wüsste gern, warum die Justiz und die Thüringische Politik sich ein rechtsmedizinisches Institut erlauben, in dem Dinge geschehen, die unerträglich sind. Jetzt, wo sie damit gescheitert ist, die Staatsanwaltschaft zu instrumentalisieren, richtet sich der Blick vielleicht doch auf die wesentlichen Dinge.

6 Kommentare
  1. Oliver Wagner sagte:

    Eine beeindruckende Liste. Ich wüsste zu gerne, warum sich Institut und Staatsanwaltschaft gegenseitig decken. Das stinkt zum Himmel. Ich versichere übrigens, den Beitrag nicht in HH gelesen zu haben :-D

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  2. Ingolf Keil sagte:

    Hallo Herr Lemmer,
    hier zeigt sich wiedermal, dass auch Ausdauer zum aussichtslosen Ziel führen kann.
    Wir freuen uns sehr ,dass sie weiter am Ball bleiben.
    Wir kämpfen weiter mit unseren möglichen Mitteln, das die Gerechtigkeit siegt.
    Unschultige Menschen dürfen nicht wegen Vorurteilen und schlampiger Arbeitsweise im Gefängniss landen.
    Auch ich habe diesen Beitrag nicht in HH gelesen.
    mfG Ingolf Keil

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  1. […] den Führungsetagen, wobei die Dinge in Thüringen möglicherweise besonders schlimm liegen (siehe hier). Oberstaatsanwälte, Gerichtspräsidenten, Polizeiführer – fast alle stammen aus dem […]

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