Historiker Horvath vor dem Springer-Hochhaus. Hier tobte nach den Schüssen auf Dutschke die Revolte

Steckt der DDR-Staatssicherheitsdienst hinter dem Tod des früheren Studentenführers Rudi Dutschke? Dieser Frage geht die Berliner Staatsanwaltschaft nach. “Wir prüfen, ob ein Anfangsverdacht vorliegt”, sagte mir der Berliner Justizsprecher Martin Steltner. Anlass ist eine Anzeige des Historikers Peter Horvath. Den Verdacht schöpfte Horvath während der Arbeit an seinem Buch “Die inszenierte Revolte – hinter den Kulissten von ’68”. Bei der Sichtung von Stasi-Akten fand er Hinweise, nach denen Dutschke-Attentäter Josef Bachmann von der Stasi für die Tat vorbereitet und bewaffnet wurde. Bachmann hatte am 11. April 1968 auf dem Berliner Kurfürstendamm mehrere Schüsse auf Dutschke abgefeuert und den Studentenführer mit Treffern in den Kopf schwer verletzt. Nach bisheriger Darstellung starb Dutschke 1979 an den Spätfolgen des Attentats im dänischen Arhus. Fragen dazu an Horvath.

bitterlemmer: Wie kommen Sie darauf, dass die DDR hinter den Schüssen auf Dutschke gesteckt haben könnte?

Dr. Peter Horvath: Weil die DDR daraus den größten Nutzen gezogen hat. Es gab in West-Berlin seit 1964 eine systematische politische Eskalation vor allem an der Freien Universität. Eine zentrale Rolle spielte dabei der SDS und der wurde ganz wesentlich von der FDJ, Agenten des MfS und SED/KPD beeinflusst. Diese Eskalation erreichte mit dem 2. Juni 67 ihren ersten Höhepunkt: Der Student Benno Ohnesorg wurde von dem SED/Stasi-Mann Kurras erschossen. Die politische Situation in West-Berlin spitzte sich weiter zu, und zehn Monate später erreichte sie mit dem Attentat auf Dutschke schließlich ihren Höhepunkt. Das Springer-Hochhaus, das sehr zum Ärger der DDR-Oberen direkt an der Mauer stand, wäre fast in Flammen aufgegangen. Und die Bundesrepublik erlebte Ostern ’68 die schwersten Straßenschlachten seit der Weimarer Republik.

Dass Dutschke Anfang 1961 bei der Berliner BZ gearbeitet haben soll, ist offenbar nur eine Legende. Laut Horvath könnte er sich stattdessen in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) aufgehalten haben

Welches Motiv hätte Ost-Berlin haben sollen? Die Studentenrevolte, die Dutschke anführte, war der DDR doch sehr willkommen.

Natürlich war die Revolte der DDR sehr willkommen, vor allem in West-Berlin. Nach dem Dutschke-Attentat sah die SED sich in der DDR-Bevölkerung sogar mit der Ansicht konfrontiert, dass Dutschke wohl 1961 im Auftrag der DDR nach Westberlin gegangen sei. Dieser Verdacht wird auch dadurch genährt, dass der Republikflüchtling Dutschke über das seltene Privileg verfügte, in die DDR, die Sowjetunion und andere Ostblockstaaten einreisen zu dürfen. Dutschke war der Propagandist des bewaffneten Kampfes. Er arbeitete seit 1966 systematisch an der Umsetzung einer Doppelstrategie, die im Zusammenspiel von legalen Organisationen und Stadtguerilla bestand. Offenbar schreckte Dutschke dann aber vor dem entscheidenden Schritt zurück, zur “Propaganda der Tat” zu schreiten. Das Dynamit, das er im Februar 68 erhalten hatte, setzte er nicht ein. Der Versuch eines Bombenanschlags auf einen Mast eines US-Soldatensenders verlief erfolglos. Offenbar kam man zu dem Schluss, dass ein toter Dutschke nützlicher wäre als ein lebender. Die Bilder von den Unruhen in den USA nach dem Mord an Martin-Luther King am 4.4.68 hatten gezeigt, wozu der Anschlag auf den Anführer der Bewegung führen würde.

“Kein Mitarbeiter der B.Z. hat sich an den Volontär Dutschke und seine Artikel erinnert”

Unmittelbar nach dem Dutschke-Attentat hatte die Apo schon Tausende zum Sturm auf den Springer-Verlag mobilisiert

Wie hat Dutschke selber die DDR gesehen?

Seine Haltung zur DDR und zur Sowjetunion war doppelgesichtig. Mal sprach er vom “Scheißsozialismus” und erweckte den Eindruck, ein Gegner der DDR zu sein. Dann wieder wusste die SED zu berichten, dass er seine Ansichten korrigiert und von den  “sowjetischen Freunden” gesprochen habe. Auf einer linken Gegenveranstaltung zum 17. Juni, auf der er zum Sturz der Bundesregierung aufforderte, wurde behauptet, die DDR habe die Bundesrepublik sozial überholt. Er arbeitete mit der SED Westberlin zusammen, setzte sich für die Anerkennung der DDR ein und verhandelte in Ost-Berlin heimlich mit der FDJ.

In der Zeit um den Mauerbau soll Dutschke nach bisheriger Geschichtsschreibung als Sportreporter für die B.Z. gearbeitet haben. Sie bezweifeln das. Warum?

Weil es keinen Beweis dafür gibt und er sich zu dieser Zeit vermutlich in Karl-Marx-Stadt aufgehalten hat. Im Archiv der Axel Springer AG gibt es keine Unterlagen zu dem Volontariat. Kein Mitarbeiter der B.Z. hat sich an den Volontär Dutschke und seine Artikel erinnert. Was ganz unwahrscheinlich ist, immerhin war er einige Jahre später ziemlich berühmt. Auch in seinem Nachlass finden sich keine Belege. Vermutlich war dieses Volontariat nur ein Alibi. In den Unterlagen der Stasi ist nämlich vermerkt, dass er sich in Karl-Marx-Stadt aufgehalten hat, bevor er die DDR verließ. Das ist deshalb bemerkenswert, weil bisher in keiner Biographie erwähnt wurde, dass er jemals in Karl-Marx-Stadt gewesen war. Was hat er dort gemacht? Wurde er vielleicht dort auf seine Aufgabe im Westen vorbereitet?

Wenn die DDR hinter dem Attentat auf Dutschke steckte, dann müsste sie ja auch den Attentäter Josef Bachmann gekannt und zu der Tat animiert haben. Welche Hinweise haben Sie darauf?

Bachmann war von seiner Persönlichkeit her kein Einzeltäter. Es gibt eine Reihe von Hinweisen auf Hintermänner. So hatte er Kontakte zu Hans Sachse in Peine. Sachse hatte ihm die erste Waffe mit durchbohrtem Lauf gegeben. Sachse selbst kam aus der DDR und hatte bei der FDJ schießen gelernt. Sachse wurde später wegen Mitgliedschaft in einer rechten Terrororganisation verurteilt. Diese Gruppe hatte wiederum Kontakte zum MfS. Einmal ließ man sogar in der DDR eine Bombe vom MfS begutachten. Auffällig ist, dass Bachmann einige Male nach Ost-Berlin gefahren ist, obwohl er für die DDR ein Republikflüchtling war. Besonders auffällig ist, dass in den Unterlagen des MfS alle Hinweise auf Aufenthalte in Ost-Berlin und der DDR getilgt worden sind. Und was besonders merkwürdig ist: Bachmanns ungeliebter Stiefvater Johannes B. starb ausgerechnet am Tattag an “Altersschwäche”, und das obwohl er Bergmann und Fliesenleger gewesen und erst 65 Jahre alt war. Die Stasi war darüber bereits vier Tage später, informiert. Wieso?

“Bachmann war der einzige, der Hinweise auf die Hintermänner des Attentats hätte geben können”

Bachmann hat sich am 24. Februar 1970 im Gefängnis das Leben genommen, indem er sich mit einer Plastiktüte erstickte. Jedenfalls ist das bisher die gängige Erklärung für seinen Tod. Sie äußern Zweifel, dass Bachmann freiwillig aus dem Leben schied. Wie begründen sie die?

Bachmann war der einzige, der Hinweise auf die Hintermänner des Attentats hätte geben können. Je länger er im Gefängnis war, desto größer die Gefahr, dass er auspackt. Nach dem Attentat auf Dutschke lieferte Bachmann sich eine Schießerei mit der Polizei und nahm ein Päckchen Schlaftabletten, um sich umzubringen. Er agierte wie eine Art Selbstmordattentäter, und es gab auch noch weitere Selbstmordversuche, aber alle blieben erfolglos. Erst 2 Jahre nach seiner Verhaftung und ein Jahr nach seiner Verurteilung starb er. Dabei war er nur zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, von denen er bereits zwei Jahre abgesessen hatte. Und wie kam er in der Haftanstalt Tegel an eine Plastiktüte? In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Andreas Baader zwei Monate später aus demselben Gefängnis floh. Das MfS fertigte damals ein umfangreiches Dossier über die Umstände der Flucht. Der Bericht legt nahe, dass man über Kontakte in das Gefängnis verfügte.

Demnach wären das Attentat auf Dutschke, die Aussagen Bachmanns, sein Tod im Gefängnis, nichts anderes als Teil einer großen Inszenierung der DDR?

Dutschkes Fahrrad auf dem Bürgersteig des Kurfürstendamms, nachdem Attentäter Bachmann auf ihn geschossen hatte

Das Attentat auf Dutschke führte zum Höhepunkt der Studentenbewegung. Nach dem Tod des damals unbekannten Studenten Ohnesorg, in einem Hinterhof in der Dämmerung nahe der Oper, wurde mit Dutschke der Anführer der Revolte mitten auf dem Kudamm am helllichten Tage getroffen. Die Aggression, die sich seit dem 2. Juni 67 aufgestaut hatte, entlud sich. Und Bachmann war als NPD-Sympathisant mit Hitler-Portrait im Zimmer die ideale Besetzung: Rechtsradialer schießt auf Studentenführer. Im Ergebnis verschob sich das politische Koordinatensystem der Bundesrepublik deutlich nach links, so dass das KPD-Verbot mit der Gründung der DKP im September 68 faktisch nach 12 Jahren fiel.

Aber Dutschke starb 11 Jahre später in der Badewanne, welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen seinem Tod und ’68?

Dutschke starb genau in dem Augenblick als er nach Deutschland zurückkehren wollte, um sich für die Grünen in Bremen zu engagieren. Bis dahin hatte er in Dänemark gelebt. Durch seinen Tod bestand keine Gefahr mehr, dass er irgendwelche Geheimnisse preis geben würde. Anders als der Konkret-Verleger Klaus Rainer Röhl, der 1974 seine Kontakte zu SED/KPD enthüllt hatte. Dutschke selbst schrieb 1975 einen Brief an seine Frau für den Fall seines Todes:  “Wenn es einen Abgang von mir gibt, dann ist das in der gegenwärtigen Phase eher durchgeführt durch SU-DDR-Geheimdienst als durch westlichen.”

Auf dieser Kerblochkarte der Stasi steht unter "Ehemalige Aufenthaltsorte" Karl-Marx-Stadt. Davon war bisher nicht bekannt. Was hat Dutschke dort getan? Horvath vermutet, er könne auf seine Aufgaben im Westen vorbereitet worden sein

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