So berichtet das Meininger Tageblatt über den Fall

Die Chefin der Jenaer Rechtsmedizin, Gita Mall, hat jetzt doch Fragen zum rätselhaften Tod des 96-jährigen Rudolf F. beantwortet, und zwar dem Meininger Tageblatt. „Eine Internet-Geschichte des Berliner Journalisten Christoph Lemmer macht in Meiningen die Runde“, schreiben die Kollegen unter der Überschrift „Fremdschuld nicht feststellbar“. Frau Mall sagte der Zeitung: „Es bleibt ein unnatürlicher Tod, aber als mittelbare Folge des Sturzes, nicht aufgrund äußerer Gewalteinwirkung“.

F. war zu Hause rückwärts gegen einen Stuhl gestürzt. Dabei prallte der Nacken gegen die Lehne, der Kopf schnellte zurück, das vordere Längsband, das die Halswirbelsäule zusammenhält, brach. F. kam ins Klinikum Meiningen. Dort zog er sich zusätzlich eine Lungenentzündung zu, nachdem er Essenskrümel eingeatmet hatte. Am 8. August, dem Tag vor seinem Tod, verbesserte sich sein Zustand wieder – was Frau Mall gegenüber der Tageblatt-Reporterin bestreitet.

Es sei ihm „keineswegs besser gegangen“, zitiert die Zeitung die Rechtsmedizinerin. Vielmehr sei „die Familie herbeigeholt“ worden, „um sich möglicherweise von dem schwer kranken Herrn verabschieden zu können“, notiert die Reporterin.

Mir liegt dazu ein Vernehmungsprotokoll der Kripo Suhl vor. Darin ist die Aussage einer Tochter des F. festgehalten. Tatsächlich habe die Klinik sie am 8. August – also einen Tag vor seinem Tod – angerufen und mitgeteilt, es gehe ihm sehr schlecht, sie möge in die Klinik kommen. Am Nachmittag folgte dann aber Entwarnung. Ein Klinikarzt habe ihr mitgeteilt, dass „es heute früh sehr kritisch war, ihm aber jetzt schon viel besser geht“. Trotz seines betagten Alters sei F. „in einem guten Ernährungszustand“ und „ansonsten von seiner geistigen Leistungsfähigkeit her noch sehr aufgeweckt“ gewesen, protokollierte die Kripo die Aussage eines Schwiegersohnes.

Die wichtigste Frage in dem Fall ist, wie die schweren Verletzungen an F.s Hals zu erklären sind – zunächst der blutunterlaufene Striemen über die linke Halsseite – „zirkuläre Strangulationsmarke“, wie die Mediziner sagen. Der Abdruck könne von der „ersten Halskrause stammen, die sehr steif war“, schreibt das Meininger Tageblatt. Die Rechtsmedizinerin berichtete der Reporterin von Zeugen, die gesagt hätten, die Halskrause habe „sehr fest“ gesessen, Rudolf F. habe darüber geklagt. Womöglich habe ein „eingeklemmter Hemdkragen“ den Abdruck hinterlassen, jedenfalls würden die Rettungskräfte das „für gut möglich halten“, heißt es in dem Artikel – wobei die Quellenlage nicht ganz deutlich wird. Offenbar gibt die Reporterin hier ebenfalls eine Aussage Malls wieder.

Eine solche Halskrause soll laut Rechtsmedizin...

...diese schwere Verletzung verursacht haben

Laut den Unterlagen handelte es sich bei dieser „ersten Halskrause“ um eine Halsmanschette der Firma Laerdal, auch als Stiffneck bezeichnet, ein Standardprodukt, das zur üblichen Ausstattung von Rettungsärzten und Sanitätern gehört. Sollte die Darstellung der Rechtsmedizinerin zutreffen, dass der Gebrauch dieser Halskrause massive Halsverletzungen verursacht, würde das neue Fragen aufwerfen – nämlich über die Tauglichkeit des Stiffnecks oder eine fehlerhafte Anwendung. Es wäre allerdings der vermutlich weltweit erste Fall, bei dem ein Stiffneck derartige Verletzungen angerichtet haben soll.

„Nimmt man alles zusammen, scheidet ein Tötungsdelikt aus“, zitiert die Zeitung die Rechtsmedizinerin wörtlich. So hat sie es auch in ihrem Gutachten geschrieben – auf der Basis des Obduktionsberichts ihres eigenen Instituts. Der trägt zwar ebenfalls ihre Unterschrift, legt aber einen anderen Schluss nahe.

Darin heißt es unter Punkt römisch III – „Todesursache:

kardiopulmonales Versagen bei eitrig-schleimiger Atemweg- und Lungenentzündung nach Gewalteinwirkung gegen den Hals“. In Klammern ist hinzugefügt: „Drosseln und Würgen“.

Jetzt vermutet die Rechtsmedizinerin, F.s Hals sei schon bei der Einlieferung in die Klinik so zugerichtet gewesen. Dass die Drosselmarke „beim Auswechseln der Halskrause nicht auffiel, wäre erklärbar“, schreibt die Zeitung. „Der Austausch erfolgte im Halbdunkel, um den Mitpatienten nicht zu stören“. Würde das stimmen, müsste sich das Klinikum Meiningen peinliche Fragen gefallen lassen.

Widersprüchlich sind auch die Schilderungen über die Kehlkopfverletzung des Toten. Der Obduktionsbericht benennt sie mit brutaler Klarheit: „Umbluteter Abbruch des re. langen Kehlkopffortsatzes“, heißt es darin. Gegenüber der Zeitung sprach Frau Mall jetzt von einer – wörtlich zitiert – „ganz kleinen Kehlkopf-Fraktur“, die – hier fügt die Reporterin eine indirekt zitierte Vermutung an – „vielleicht schon zur Einlieferung dagewesen, aber nicht gleich festgestellt worden sei“.

Frau Mall weist außerdem das Gutachten der Hamburger Pathologen Guido Sauter und Jozef Zustin zurück. Nach deren Expertise brach der Kehlkopf unmittelbar vor dem Tod des alten Mannes. Sie begründen ihren Befund damit, dass keine Spuren einer Wundheilung sichtbar seien. Frau Mall erklärt dagegen, der Patient habe große Mengen Kortison erhalten, „was die Wundheilung verzögert.“ Dem widerspricht Zustin. Auf meine Nachfrage sagte er, ein solcher Effekt trete erst nach sehr langer Kortison-Einnahme ein. Er sehe keinen Grund, seine Ansicht zu revidieren.

Rechtsmedizinerin Mall verweist außerdem auf das Zweitgutachten des Prof. B. aus F., der ihre Sichtweise stützt. Das Meininger Tageblatt zitiert: „Aus rechtsmedizinischer Sicht ist ein Halsangriff nicht vollkommen auszuschließen, aber ein kausaler Zusammenhang zum Tod kann weitgehend ausgeschlossen werden.“ Die Schlussfolgerung des Prof. B. laut Meininger Tageblatt: „Rechtsmedizinisch bestehen keine Zweifel, dass der Patient nicht an den direkten Folgen eines strangulierenden oder würgenden Fremdeingriffes, sondern wegen Versagens der Herz-Kreislauf-Funktion bei ausgedehnter Lungenentzündung gestorben ist.“ Auffallend bleibt, dass ausgerechnet Prof. B. das Zweitgutachten erstellte – er gehörte der Berufungskommission an, die Frau Mall an den Jenaer Lehrstuhl berief. Staatsanwalt Thomas Waßmuth begründet das gegenüber der Zeitung damit, B.s Institut sei „spezialisiert  auf die Dauer von Wundheilungen“. Ebenso ist ungeklärt, weshalb überhaupt ein Zweitgutachten notwendig wurde. Wie es heißt, gab es selbst innerhalb des Jenaer Instituts Meinungsverschiedenheiten, wie der Tod des Rudolf F. zu bewerten sei.

Frau Mall war am Freitag für eine Stellungnahme nicht mehr zu erreichen. Die werde ich – falls möglich – nachreichen.

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Nicht verschweigen möchte ich eine Kritik, die Dr. Zustin heute anbrachte. Er sagte, er finde meine Berichterstattung zu reißerisch. Das muss ich akzeptieren. In der Sache äußerte er keine Vorbehalte.

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  1. […] Halswirbelsäulenverletzung bestand, wurde dem Patienten eine sog. stabile Halskrause oder ein sog. Stiffneck angelegt”. Der Rettungsassistent habe ausgesagt, er habe dafür zuerst das Hemd aufknöpfen […]

  2. […] am Hals – horizontaler Verlauf – stehen nicht in Übereinstimmung mit der unteren Kante des Stiffneck“, sagte er auf meine Anfrage. “Andernfalls hätte man einen ansteigenden Verlauf nach […]

  3. […] hatte sich Gita Mall ausführlich zu den Artikeln in meinem Blog über den toten Rudolf F. geäußert. Sie wollte zunächst keine weiteren Fragen dazu beantworten, sie habe alles gesagt, die Zeitung […]

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