Die Uno-Studie über angebliche Armut in Deutschland ist ein Witz. Anders kann man das nicht sagen. Mit den Fakten geht sie gänzlich freihändig um. Die Urheber stammen großteils aus Deutschland selbst, sind für linke Systemkritik bekannt und haben es geschafft, unter dem Label der Uno einen Hieb zu landen. Unterstützt werden sie von einem internationalen Gutachtergremium, in dem so ausgewiesene Super-Länder wie Weißrussland, Ägypten oder Jordanien über Deutschland richteten. Eine abenteuerliche Konstellation.

Dazu ein paar amüsante Details:

  • Die Behauptung, jedes vierte Kind in Deutschland gehe ohne Frühstück aus dem Haus, ist offenbar frei aus der Luft gegriffen. „Es gibt solche Daten nicht“, sagte mir eine Sprecherin des Arbeitsministeriums. Nun ist das Von-der-Leyen-Ministerium nicht eben für den allerprofessionellsten Umgang mit Zahlen bekannt, aber hier liegt es wohl richtig. Das Frühstücksmärchen hat Attac der Uno geschrieben.
  • Ursprünglich behauptete Attac sogar, jeder zweite Schüler beginne den Tag hungrig. Woher diese Zahl stammt, konnte mir Attac-Sprecher Steffen Stierle auch nicht sagen. Das hätten seine Kollegen in München zu verantworten. Er glaube aber mal so generell, dass die Stoßrichtung des Berichts stimme.
  • Offenbar stammt die Behauptung aus einem Weihnachts-Artikel des Tagesspiegel vom 24. Dezember 2006. Der berief sich auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). DIW-Sprecherin Sabine Fiedler sagte auf Anfrage, eine solche Studie gebe es nicht. Es gebe nur einen einzelnen Datensatz aus einer ganz anderen Studie, den der Tagesspiegel nicht richtig verstanden habe. Eine andere Quelle als einen verunglückten Zeitungsartikel gibt es also offenbar nicht für eine Behauptung, die die Uno gerade der Bundesregierung um die Ohren schlägt. Schon peinlich.
  • In ihrer ursprünglichen Fassung enthielt die Studie einen Passus, der den angeblich so schlimmen Arbeitsmarkt in Deutschland aufs Korn nahm. Es handelt sich um die einzige Passage, die die Autoren änderten. Sie hatten einen Vertreter des Arbeitsministeriums an ihre Residenz im vornehmen Genf geladen, der ihnen die letzten Arbeitsmarktstatistiken mitbrachte. Darauf strichen sie alles, was sie dazu aufgeschrieben hatten und dichteten ein kurzes Absätzchen, dass das Gegenteil des Vorherigen besagte.
  • Als hätte man es geahnt, finden sich als Beleg für Ungerechtigkeit und Armut die angeblich zu niedrigen Renten früherer DDR-Minister. Mit Diktatoren haben sie es eben bei der Uno. Die beschämenden Einkommen früherer Opfer dieser Herren DDR-Minister finden sich übrigens nicht in der Anklageschrift.
  • Quelle der Anschuldigen ist nicht nur Attac. Die Uno nennt einen ganzen Haufen komischer Organisationen, die bei der Zusammenstellung des Machwerks mitwirkten. Darunter: Das „Sex-Worker Forum of Vienna“, der „intersexuelle Menschen e.V.“, eine Gruppe namens „Gegenströmung“ oder die Lobby-Truppe „Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.“
  • Dass auch als seriös bekannte Organisationen wie Brot für die Welt dabei sind, macht die Sache nicht besser. Gehen denen neuerdings die Hungernden in Afrika aus, seit Länder wie Ruanda oder Botswana wirtschaftlich aufsteigen?
  • Dann wäre da noch der Zeitpunkt der Veröffentlichung: Gestern brachte der Tagesspiegel die Nachricht von der Armuts-Studie mit Applomb in die Öffentlichkeit. Die Agenturen verteilten sie überall, viele Redaktionen käuten sie unhinterfragt nach. Niemand bemerkte, dass sie bereits am 20. Mai veröffentlicht worden war. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr sie das Interesse, das ihr tatsächlich zukommt, nämlich keines. Da fragt man sich schon, wie der Tagesspiegel auf die Idee kam, sie sechs Wochen später als angeblich aktuelle Nachricht zu bringen.
1 Antwort
  1. wow sagte:

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