Man könnte es als heftigen Gelehrtenstreit abtun, der für die Allgemeinheit eher uninteressant sei. Aber das wäre fatal. Der frühere Chef der Berliner Rechtsmediziner, Volkmar Schneider, hat eine 133 Seiten starke Kampfschrift gegen seinen Nachfolger, den heutigen Institutschef Michael Tsokos, verfasst. Folgt man den Details, die Schneider präsentiert, dann stellt sich eine beklemmende Frage: Wer würde sich wünschen, im unerwarteten Fall eines gewaltsamen Ablebens in einem Institut zerlegt zu werden, dessen Chef eher an Presseschlagzeilen und  Buchtantiemen gelegen ist als an wissenschaftlicher Akribie und der sich nicht scheut, dafür Fakten zu manipulieren?

Das ist im Kern der Vorwurf, den Schneider gegen Tsokos erhebt. Es geht vordergründig wieder einmal um die tote Rosa Luxemburg. “Wo befindet sich die Leiche von Rosa Luxemburg?”, hat Schneider seine Dokumentation betitelt, und stellt fest: “Wir wissen es nicht”. Gewiss aber sei, “dass die kopflose Museumsleiche aus der Charité … mit der Leiche von Rosa Luxemburg nichts zu tun hat”. Dass die Leiche mit hoher Wahrscheinlichkeit die der toten Revolutionärin sei, behauptet dagegen Tsokos, der seit einigen Monaten die Werbetrommel für ein Taschenbuch rührt, auf dessen Titel es heißt: “Jetzt mit seinem neuesten Fall Rosa Luxemburg”. Schneider setzt dagegen: Brust und Bauchhöhle waren “an der Museumsleiche nicht geöffnet”, wohl aber an der Leiche der echten Rosa Luxemburg.

Kaum im Amt ließ Tsokos seinen Amtsvorgänger nicht mehr in die Instituts-Räume

Bei dem Streit der beiden Wissenschaftler geht es um eine Wasserleiche, die seit Jahrzehnten im Museumskeller der Berliner Charité lagert. Schon zu DDR-Zeiten wurde sie eher scherzhaft mit dem Spitznamen Rosa Luxemburg belegt. Allerdings nahm das bis zum Frühjahr 2009 niemand besonders ernst. Die Leiche wurde mehrmals untersucht, sowohl zu DDR-Zeiten als auch nach der Zusammenlegung des Ost-Berliner Charité-Instituts mit den West-Berliner Rechtsmedizinern der Freien Universität. Schneider, der das FU-Institut leitete und erster Direktor der neuen Gesamt-Berliner Rechtsmedizin wurde, schreibt, er habe kurz nach der Fusion der Institute von dem Rosa-Luxemburg-Gerücht gehört. Neben einer Foto- und Röntgendokumentation habe er 2006 eine molekulargenetische Untersuchung veranlasst. Allerdings habe das institutseigene DNA-Labor keine verwertbare Erbinformation gewinnen können, auch nicht nach mehreren Anläufen, wie ihm einer der ausführenden Ärzte, Andreas Correns, versichert habe. Schneider schreibt, die Leiche seit hinter Glas zu sehen gewesen und bei Führungen gezeigt worden. Nach seiner Emeritierung setzte Schneider die Nachforschungen nicht fort.

Am 1. Januar 2007 übernahm Michael Tsokos das Institut. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit löste er Schneiders Büro auf und erteilte seinem Vorgänger Hausverbot. Die Gründe dafür sind unklar. Die Untersuchung der anonymen Wasserleiche nahm er wieder auf. Dank einer neuen Zentrifugen-Technik gelang es laut Tsokos diesmal, die DNA der unbekannten Toten zu bestimmen. Im Frühjahr 2009 erzählte Tsokos dem Spiegel-Reporter Frank Thadeusz die Geschichte von der angeblichen Rosa Luxemburg. Er benötige jetzt eine Vergleichs-DNA, um die Identität der Wasserleiche zu bestimmen und wende sich darum an die Öffentlichkeit. Der Spiegel berichtete in großer Aufmachung von der vermeintlichen Sensation. Für ein Foto (siehe Ausriss) stand Tsokos mit seiner Leiche vor einem CT-Gerät Modell. Schneider folgert daraus, dass die Leiche inzwischen auch computertomografisch begutachtet worden sein könnte, fragt allerdings kritisch, welche neuen Erkenntnisse das gegenüber seiner Rötgenuntersuchung gebracht haben soll. Inzwischen gab Tsokos auch bekannt, er habe ein Kieler Institut mit einer Isotopenuntersuchung beauftragt. Demnach habe seine Leiche um die Wende zum 20. Jahrhundert gelebt und habe sich in Mittel- und Osteuropa aufgehalten. Das passe zur Lebensgeschichte Rosa Luxemburgs. Vergangenen Sommer erhielt Tsokos außerdem eine Speichel- und eine Haarprobe einer Großnichte Rosa Luxemburgs, der in Israel lebenden Irene Borde.

Viele Interviews, viele Presseartikel – aber die Befunde liegen immer noch unter Verschluss

Die Originalbefunde der Untersuchungen hat Tsokos bisher allerdings nicht offengelegt – was Schneider seinem Nachfolger jetzt ankreidet. Er wirft ihm vor, mit “Verdachts-Begründungen” zu arbeiten. Sollte er Beweise haben, “die er noch nicht preisgegeben hat”, sollte er das schnellstens nachholen. “Nach dem, was er in der Presse bisher ausgelöst hat, gehören diese Beweise ganz rasch auf den Tisch.” Schneider verlangt vor allem die Offenlegung von CT- und DNA-Befund. Mit Annahmen oder “einer persönlichen Meinung ist es nicht getan, dafür ist die hier in Rede stehende Angelegenheit viel zu ernst.” Es könne nicht sein, dass sich “spätere Generationen nur noch an die kopflose Leiche aus der Charité erinnern, wenn der Name Rosa Luxemburg fällt”, schreibt er in seiner Kampfschrift. Zudem wirft er Tsokos vor, “die Reputation der beiden damaligen Obduzenten, Prof. Strassmann und Prof. Faenckel” und das Ansehen der Rechtsmedizin insgesamt zu beschädigen.

Fritz Strassmann war damals, 1919, Direktor der Berliner Rechtsmedizin. Paul Fraenkel übernahm das Institut später kommissarisch. Strassmann und Fraenkel obduzierten die Leiche der ermordeten Rosa Luxemburg. So jedenfalls lautet die bisherige Geschichtsschreibung, die Tsokos jetzt bestreitet. Demach wurde die Leiche am 31. Mai in einer Schleuse des Berliner Landwehrkanals gefunden. Sie hatte über vier Monate im Wasser gelegen. Der Autor Klaus Gietinger, der zwei Texte zu Schneiders Philippika gegen Tsokos beisteuerte, beschreibt den letzten Tag im Leben der Rosa Luxemburg so: Am Abend des 15. Januar 1919 wurde sie gemeinsam mit Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck aus einer Privatwohnung verschleppt. Die Täter gehören zur Garde-Kavallerie-Schützen-Division unter dem Befehl eines Hauptmanns Waldemar Pabst. Der habe beschlossen, Liebknecht und Luxemburg zu liquidieren. Vorher telefonierte er mit seinem zivilen Oberkommandierenden, dem Sozialdemokraten Gustav Noske. Noske habe ein Einverständnis des militärischen Vorgesetzten verlangt, den Pabst aber mangels Erfolgsaussichten nicht befragen wollte. Noske habe dann geantwortet: “Dann müsse er selbst wissen, was zu verantworten sei”.

Tsokos’ Version kann nur stimmen, wenn damals die falsche Leiche obduziert wurde

Pabst, schreibt Gietinger, habe Marineoffiziere mit der Ermordung der beiden beauftragt. Rosa Luxemburg solle in einem Auto nach Moabit geschafft werden und unterwegs ums Leben kommen. Als sie aus dem Hotel Eden geführt wird, wohin die Uniformierten sie gebracht hatten, schlägt ihr einer der Bewacher vor der Tür, der Husar Runge, den Gewehrkolben gegen den Schädel. Stark blutend und bewusstlos wird Rosa Luxemburg auf den Rücksitz geworfen. Das Auto fährt an. Ein Marineoffizier namens Hermann Souchon springt noch auf das Trittbrett und schießt Rosa Luxemburg mit seiner Pistole, Kaliber 7,65 MIllimeter, in den Kopf. Gegen den Befehl Pabsts lässt der nervös gewordene Transportführer das Auto an der Corneliusbrücke zum Landwehrkanal abbiegen. Die Leiche wird hastig über ein Gebüsch in den Kanal geworfen. Die Wachmannschaften auf der Brücke sehen sie noch abtreiben.

Der Fall sorgt für immenses Aufsehen. Mitglieder von Mehrheits-SPD, USPD und KPD protestieren in Massenaufmärschen. Die Reichsregierung verlangt eine Untersuchung. Dann, so Gietinger, zieht ein Schleusenwärter namens Knepel die Leiche aus dem Kanal. Noske lässt sie ins Garnisonslazarett nach Zossen, südlich von Berlin, bringen. Dort obduzieren sie dann Strassmann und Fraenkel.

Die beiden gingen so vor, wie das Rechtsmediziner auch heute machen würden, schreibt Schneider. Ihr Protokoll umfasse 31 Punkte, die sich vor allem auf die Verletzungen am Kopf konzentrierten. Beschrieben wurden darin die Folgen des Schlages mit dem Gewehrkolben und des Schusses. Die Kugel drang demnach vor dem linken Ohr in den Schädel ein. Über die Todesursache – Schuss oder Schlag – waren sich Strassmann und Fraenkel laut Protokoll nicht einig, wohl aber darüber, dass beides am Schädel der toten Rosa Luxemburg festzustellen sei.

Diese Darstellung war unumstritten, bis Tsokos die Wasserleiche in seinem Institut als sterblichen Überrest Rosa Luxemburgs präsentierte. “Für den Profi braucht es nicht lange, um zu einem Urteil zu kommen”, ließ er sich in der SuperIllu zitieren und bezieht sich auf die Lektüre des Obduktionsberichts. “Nach diesem Bericht ist eine andere Frau beerdigt worden. Mit Sicherheit nicht Rosa Luxemburg.” Die Gutachter Strassmann und Fraenkel hätten folglich eine andere Leiche begutachtet und als Rosa Luxemburg ausgegeben, womöglich auf Druck von oben. “In so einer Situation hat man als Gutachter keine Wahl, wenn einem eine Pistole an den Kopf gehalten wird”, sagte Tsokos der Taz. “Da tut man, was von einem verlangt wird”.

So finde sich in dem Obduktionsbericht kein Hinweis auf die Schusswunde. Schneider bestreitet das vehement. “Man fragt sich, ob hier die gleichen Unterlagen gemeint sind.” Dass der Charité-Leiche Hände und Füße fehlen, erklärt Tsokos damit, Rosa Luxemburgs Mörder hätten sie mit Draht umwickelt und mit Steinen beschwert. “Möglicherweise wurden Hände, Füße und der Kopf durch den Draht abgetrennt”, sagte Tsokos der Zeit. Schneider nennt diese Darstellung “abenteuerlich. In den 40 Jahren meiner Tätigkeit als Rechtsmediziner habe ich viele Leichen aus dem Wasser untersucht, auch Leichen, die gefesselt waren. Dass Kopf, Hände und Füße durch Fesselungen abgetrennt waren, habe ich in dieser Zeit nicht ein einziges Mal gesehen.”

Dass er keinen Beweis für seine These hat, räumt Tsokos selber ein. Es gebe aber auch keinen Beweis, dass sie nicht Rosa Luxemburg sei. Schneider meint, “hier ist aus einem Verdacht eine Gewissheit gemacht worden”. Sein Urteil über die Arbeit seines Nachfolgers: “Ein wahrhaft unwissenschaftliches Vorgehen!”

Posted via web from | bitterlemmer |

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  1. […] Lektüre der Dokumentationen, die in den letzten Tagen zu dem Fall erschienen sind, darunter die Zusammenstellung von Prof. Schneider und das Gutachten des früheren Charité-Rechtsmediziners Gerhard Bundschuh. […]

  2. […] insbesondere die Recherchen des Autors Klaus Gietinger und die medizinischen Anmerkungen von Prof. Volkmar Schneider, dem Vorgänger Tsokos’ als Leiter des rechtsmedizinischen […]

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