Am Ende bringt es dann doch nichts. „Es tut mir leid“, schluchzt die Zeugin Sabine M. in Richtung der Opferanwälte, als sie den Gerichtssaal wieder verlässt. Sie habe Angst, sagt sie. Furchtbare Angst. Vor wem, will Richter Manfred Götzl wissen. Sabine M. deutet es nur an. „Ich bin allein. Mein Mann ist die ganze Zeit im Ausland arbeiten“ antwortet sie. „Ja, welche Befürchtungen haben Sie denn?“ hakt der Richer nach „Dass mich jemand weg macht“, gibt die Zeugin zurück. Kurz zuvor, da hatte sie noch gesagt, sie habe einiges mitzuteilen, aber sie traue sich eben nicht. Das Gericht unterbrach extra die Verhandlung, um über einen Schutz für die Zeugin zu diskutieren, aber es konnte sich dann doch nicht dazu entschließen.

Das war insofern schade, als Sabine M. bis dahin mehrere Überraschungen geliefert hatte. Zwei Tage, bevor der Schneider Abdulrahman Özüdogru in seinem Geschäft an der Siemensstraße in der Nürnberger Südstadt mit zwei Schüssen aus der inzwischen berühmten Ceska-Pistole erschossen wurde, da sah sie zwei Männer und eine Frau auf dem Gehsteig diskutieren. Sie habe die drei nie zuvor gesehen. Die Frau sei blond gewesen. Eher schlank, erinnerte sie sich auf Nachfrage. Das war neu. In der Ermittlungsakte findet sich dazu nichts.

Die nächste große Überraschung war, dass Sabine M. nicht nur die Schüsse auf „das tapfere Schneiderlein“ hörte – wie sie ihn nannte –, sondern durch ihr Wohnzimmerfenster auch seine Leiche sah, und zwar unmittelbar nach der Tat. Ihre Wohnung lag damals, im Juni 2001, gegenüber auf der anderen Straßenseite in der ersten Etage. Sie beschrieb, wie sie von schräg oben in das Schaufenster des Schneiders blickte. Ihr Sohn habe im Wohnzimmer auf einer Spielkonsole gespielt. Es habe zweimal geknallt. Sie kam ins Wohnzimmer, und der Sohn sagte, der Knall sei nicht vom Spiel gewesen, sondern von draußen gekommen. Sie sei zum Fenster gegangen, und dann habe sie Schneider Özüdogru erspäht, zwischen Vorhang und der vollgehängten Kleiderstange, ein Durchblick, der eben nur von oben aus ihrem Wohnzimmer möglich war.

Und sie habe gesehen, wie zwei Männer aus dem Laden spazierten. Ohne Hast, in aller Seelenruhe. Einer von ihnen habe zu dem Trio gehört, das ihr zwei Tage vorher aufgefallen war, den anderen habe sie auf die Schnelle aus dem Fenster nicht erkennen können.

Sollte Sabine M. korrekt ausgesagt habe, würde das neue Fragen zu den Ermittlungen aufwerfen. Etwa: Warum kein Polizist sie damals danach fragte. Oder wie ein Kommissar der Soko Bosporus im Jahr 2012 auf die Idee kam, sie dann doch danach zu fragen. So jedenfalls steht es in einem kurzen Vermerk, aus dem eine Opferanwältin zitiert. Das dazugehörige Vernehmungsprotokoll ist – nächstes Fragezeichen – bisher nicht Bestandteil der Prozessakten.

Vor Gericht ist sich Zeugin jedenfalls sicher, diese blonde Frau gesehen zu haben. Ob es sich um Beate Zschäpe handelte, bleibt offen. Je näher die Befragung diesem Punkt kommt, desto nervöser wird die Frau, desto ungehaltener Zschäpes Anwälte und desto unbrauchbarer die Aussage. Einer der Opferanwälte fragt dann endlich auf den Punkt: Ist Beate Zschäpe hier auf der Anklagebank die blonde Frau? Die Zeugin windet sich und sagt, sie wisse es nicht. Beate Zschäpe zappelt derweil auf ihrem Stuhl mal vor, mal zurück und zeigt mit beiden Händen ausladende Abwehrbewegungen. So bewegt sah man sie bisher nie. Bis dahin hatte sie nur zwar still, aber sichtlich angespannt auf ihrem Platz gesessen, mal die Arme verschränkt, mal beide Zeigefinger parallel vor dem Mund.

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